1926 in Karlsruhe geboren, 1938 emigriert, 1944 kurzzeitig als US-Soldat zum Schutz von Kulturgütern zurückgekehrt, 2014 mit George Clooney bei der Berlinale: Harry Ettlinger, der letzte damals noch lebende Vertreter der "Monuments Men". | Foto: dpa

70. Berlinale: Ein Rückblick

Von Clooney bis Wenders: Karlsruher Momente in der Berlinale-Geschichte

Anzeige

Statistisch gesehen war es wohl unausweichlich. Irgendwann musste mal das Wort „Karlsruhe“ auch in einem Wettbewerbsfilm der Berlinale fallen musste. Was statistisch nicht absehbar war: Es passierte 2014 in einer großen Hollywood-Produktion.

Der Film bot eine Starbesetzung, fand aber auch wegen seines Themas große Beachtung. Anlässlich der 70. Berlinale an dieser Stelle ein kleiner Rückblick auf Karlsruhe-Momente beim größten deutschen Filmfestival – mit Namen von George Clooney bis Wim Wenders.

„The Monuments Men“ von George Clooney (2014):

In seiner zweiten Regiearbeit widmete sich Hollywoodstar George Clooney einer Gruppe aus Kunstfachleuten, die gegen Ende des Zweiten Weltkriegs versuchen, von den Nazis geraubte Kunstwerke und Schätze sicherzustellen.

Neben Clooney wirken unter anderem Matt Damon, Bill Murray, Jean Dujardin und Cate Blanchett mit. Neben der Starbesetzung besonders interessant war die Figur des als Übersetzer mitreisenden deutschstämmigen Soldaten Sam Epstein.

In der Filmfigur Sam Epstein (Dimitri Leonidas, links) wird das Schicksal von Harry Ettlinger erzählt. | Foto: dpa

Im wahren Leben hieß dieser Soldat Harry L. Ettlinger. Der 1926 in Karlsruhe geborene Enkel des Bruchsaler Textilgroßhändlers Otto Oppenheimer war 1938 mit seiner Familie emigriert.

Weiterlesen: Nach NS-Vorwürfen: Kulturstaatsministerin Monika Grütters stützt Berlinale-Chefs

Gegen Kriegsende kehrte er als junger US-Soldat zurück. In einem Salzstollen bei Heilbronn, in den Werke aus der Sammlung der Karlsruher Kunsthalle ausgelagert worden waren, entdeckte Ettlinger ein Selbstporträt von Rembrandt. Dieses Bild hätte er als Junge gern in der Kunsthalle gesehen, durfte es aber nicht. Als Jude war ihm der Zutritt verwehrt gewesen.

Ein „Monuments Man“ mit Karlsruher Wurzeln: Harry L. Ettlinger (Mitte) beim BNN-Interview mit Kulturredakteur Andreas Jüttner (links) anlässlich der Filmpremiere von „Monuments Men“ bei der Berlinale 2014. | Foto: pr

Diese Episode kommt im Film ausführlich zur Sprache. Auch Ettlingers/Epsteins „Begegnung“ mit dem Rembrandt-Bild im Stollen wird in Szene gesetzt. Zur Filmpremiere reiste Ettlinger, damals bereits 88 Jahre alt, aus den USA an. In Berlin gab er auch den BNN ein Interview über seine Sicht auf die damaligen Ereignisse.

Er sehe den Kinofilm „als weltweit verständliche Botschaft, dass wir gegenseitig Respekt vor unserer Kultur zeigen sollten.“

Auch interessant: Junger Filmemacher aus Bühl jetzt an der Filmakademie Ludwigsburg

Wenige Tage nach der Filmpremiere in Berlin wurde er in der Kunsthalle Karlsruhe mit der Staufer-Medaille des Landes Baden-Württemberg geehrt.

Hierzu sagte er vorab im Interview: „Es ist eine hoch emotionale Sache für mich. Ich verstehe das als große Ehre. Aber meine Ansicht dazu ist, dass ich nur meinen Job getan habe. Einen Job, von dem ich glaubte, dass er dazu beiträgt, das Leben miteinander wenigstens ein bisschen besser zu machen.“

„Alle Anderen“ von Maren Ade (2009):

Ein Sommerfilm im kalten Berliner Februar, mit einer der ersten Filmrollen des Schaubühnen-Stars Lars Eidinger und einer fulminant aufspielenden Birgin Minichmayr, die damals noch am Wiener Burgtheater engagiert war: Der zweite Film der gebürtigen Karlsruherin Maren Ade schlug richtig ein.

„Für mich war es schon der Wahnsinn, überhaupt eingeladen zu werden“, sagte die damals 32-Jährige im BNN-Interview wenige Tage vor der Preisverleihung. Dort gab es dann den Großen Preis der Jury für die Regisseurin sowie den Silbernen Bären an Birgit Minichmayr als beste Schauspielerin.

Doppelte Bären-Freude: Die gebürtige Karlsruherin Maren Ade (links) erhielt 2009 für ihren zweiten Film „Alle Anderen“ den Großen Preis der Jury, ihre Hauptdarstellerin Birgit Minichmar wurde als beste Schauspielerin ausgezeichnet. | Foto: dpa

Ades nächster Film „Toni Erdmann“ schrieb 2016 Geschichte beim Festival in Cannes. Zehn Minuten standing ovations für eine Komödie waren dort beispiellos.

Es folgten Deutscher Filmpreis, Europäischer Filmpreis und eine Oscar-Nominierung. Dank „Toni Erdmann“ ist Ade mittlerweile eines der mehr als 7.000 Mitglieder des Oscar-Academy.

Auch interessant: „Jung und kantig“ – Berlinale ehrt Schauspieler Jonas Dassler

„Wim Wenders‘ frühe Jahre“ von Marcel Wehn (2007)

Eine Filmnacht in der Karlsruher Schauburg weckte bei dem damaligen Helmholtz-Schüler Marcel Wehn  die Begeisterung für das Frühwerk von Wim Wenders.

Als Abschlussarbeit an der Filmakademie Ludwigsburg drehte Wehn dann eine Dokumentation über Wenders. Und vor der Kamera des jungen Karlsruhers sprach der Altmeister unerwartet offen über seine eigene Verschlossenheit und deren Spiegelung in seinen Filmfiguren.

„Von einem, der auszog – Wim Wenders‘ frühe Jahre“ wurde ein unaufdringlich erzähltes und tief blickendes Portrait des oft als rätselhaft geltenden Regisseurs.

Seine Uraufführung erlebte der Film 2007 in der Berlinale-Reihe „Perspektive deutsches Kino“. Bei der Premierenparty in einer Berliner Altbauwohnung saß Wenders inmitten von Filmstudenten in der WG-Küche.

„Follower“ von Jonathan B. Behr (2018)

Manchmal ist die Zeit einfach reif für bestimmte Formen. 2018 präsentierte der russische Regisseur Timur Bekmambetov den Thriller „Profile“, dessen Geschichte über Facebook-Dialoge, Chats per Skype oder Youtube-Videos erzählt wurde. Die Leinwand zeigte stets nur den PC-Bildschirm der Hauptfigur.

Noch konsequenter ging der aus Karlsruhe stammende Filmstudent Jonathan B. Behr vor: Sein zehnminütiger Thriller „Follower“ spielt nur auf einem Handyscreen und erzählt, wie eine Babysitterin von einem Stalker verfolgt wird.

Beide Berlinale-Premieren waren keine 24 Stunden voneinander getrennt – „Profile“ lief in der Reihe „Panoram“, Behrs Kurzfilm in der Sektion „Generation 14+“.