Gegenentwurf zur zersetzenden Wirkung von Hasspropaganda: Der Berlinale-Film "Persian Lessons" erinnert an die lebensrettende Kraft von Sprache. | Foto: Berlinale/Hype Film

Berlinale 2020: Der dritte Tag

Wie ein Festival neue Film-Zusammenhänge schafft

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Pressekonferenzen bei der Berlinale laufen oft nach dem gleichen Muster ab: Alle am Film Beteiligten danken sich gegenseitig für die großartige gemeinsame Arbeit. Doch die rassistischen Morde von Hanau lassen auch bei dem Filmfest die gewohnten Abläufe immer wieder stocken. „Ich finde, unsere Gesellschaft ist so dermaßen vergiftet, was Hass und Missgunst angeht“, sagte Lars Eidinger bei der Berlinale mit Tränen in den Augen. Anlass seines Auftritts war der Film „Persian Lessons“.

Eidinger spielt darin einen Nazi-Offizier, der nach dem Krieg ein Restaurant im Iran eröffnen will und sich dafür von einem Häftling in Farsi unterrichten lässt. Doch dieser Häftling ist kein Araber, sondern ein belgischer Jude, der sich mit der falschen Identität vor der Hinrichtung gerettet hat – und nun, um nicht aufzufliegen, für die verlangten Unterrichtsstunden eine Sprache erfindet. Die so entstehende Situation macht den Film hoch aktuell.

Lebensrettende Kraft von Sprache

Denn er erinnert nicht nur an die Schrecken der Nazi-Zeit, sondern auch an die lebensrettende Kraft von Sprache, die sich der zersetzenden Wirkung von hetzerischer Propaganda entgegenstellen ließe. Der Protagonist Gilles stützt sein Fantasie-Farsi auf Namen von hingerichteten KZ-Häftlingen. Damit überlebt zum einen er selbst, zum anderen kann er nach der Befreiung mittels dieser Namen die Ermordung tausender Menschen belegen, auch wenn alle Listen von den Aufsehern verbrannt wurden.

Den Tränen nahe: Lars Eidinger bei der Pressekonferenz zu „Persian Lessons“. | Foto: dpa

Schon diese Wendung macht den Film von Regisseur Vadim Perelman sehr eindrucksvoll. Bezieht man nun Eidingers Verzweiflung über die wachsende Verrohung mit ein, so lässt sich das Handeln von Gilles auch als Anregung für unsere Gegenwart deuten: Um den lebensbedrohlichen Hass zu bannen, bedarf es einer neuen Sprache, oder zumindest eines neuen Sprachtons.

Quasi nebenbei unterstreicht „Persian Lessons“, wie die Internationalität von Kino Grenzen durchlässig macht. Der hier um sein Leben kämpfende Gilles ist im Film zwar Belgier, wird aber gespielt von dem jungen Argentinier Nahuel Pérez Biscayart. Dessen charismatisches Spiel veredelt auch den argentinischen Wettbewerbsfilm „El Prófugo“, der ansonsten zwar viel Atmosphäre, aber letztlich keine wirkliche Geschichte aufweisen kann.

Kekse für Pelzjäger

Die zeitnahe Präsentation bei einem Festivals führt oft dazu, dass Filme neue Sinnzusammenhänge bekommen. So lässt sich ein Aspekt der Hassdebatte auch in einem Wettbewerbsfilm finden, der mit unserer Gegenwart auf den ersten Blick gar nichts gemein hat: „First Cow“ von der US-Regisseurin Kelly Reichhardt spielt im frühen 19. Jahrhundert in Oregon – einer unzivilisierten Wildnis, in der sich Pelzjäger mühsam durchschlagen. Das harte Leben voller Entbehrungen macht die Männer hartherzig. Doch wer auf dem Markt einen Keks des Bäckers Otis ergattern kann, über dessen Gesicht geht ein Lächeln.

Lichtblick in einer kargen Umgebung: Die Milch der ersten Kuh in einer Pelzjägersiedlung des 19. Jahrhunderts eröffnet den Figuren im Berlinale-Film „First Cow“ unerwartete Möglichkeiten. | Foto: Berlinale/Riggs

Wie befriedend es wirken kann, wenn Menschen zumindest einen kleinen Grund zur Freude finden, erzählt „First Cow“ freilich nur nebenbei. Hauptsächlich geht es darum, dass Otis und sein chinesischer Freund King-Lu gewissermaßen für ihr Durchkommen ähnlich tricksen wie Gilles in „Persian Lessons“. Denn die Milch, die unabdingbar ist für das Gelingen des Gebäcks, stehlen sie heimlich von der einzigen Kuh in der Gegend. Und die gehört dem mächtigen „Boss“, dessen Wort hier Gesetz und dessen Besitz unantastbar ist.

Eindrücke einer fernen Zeit

Dennoch inszeniert Reichardt, die bekannt ist für einen eher gemächlich-behutsamen Erzählstil, keinen klassischen Revolver-Western. Ähnlich wie in ihrer Siedlergeschichte „Meek’s Cutoff“ nutzt sie die Story, um Eindrücke einer fernen Zeit zu sammeln. Wenn die Kamera den Figuren zwischen brüchigen Holzhütten beim Gang über den „Markt“ folgt, dann ist die Tonspur mit Tiergeräuschen, matschquietschenden Schritten und dem Spiel auf einer grausig verstimmten Fiedel so intensiv, dass man auch die Gerüche dieses Marktes wahrzunehmen glaubt.

Gang durch die Filmgeschichte

Durch die Entscheidung für das einst übliche 4:3-Bildformat verbindet sich Reichardts Film aber auch mit einer längst vergangenen Kinozeit. Das fällt bei einem Festival wie der Berlinale besonders auf, da dort zeitnah auch der opulente Technicolor-Western „Duell in der Sonne“ aus dem Jahr 1947 zu sehen war. Dem Regisseur King Vidor, der von 1919 bis 1959 insgesamt 54 Spielfilme unterschiedlichster Genres drehte, ist die diesjährige Retrospektive gewidmet, was nicht nur einen Gang durch die Filmgeschichte ermöglicht, sondern auch aktuellen Filmen einen neuen Bezugsrahmen gibt.

Dunkelgrün vs. loderndes Leuchten

So haben „First Cow“ und „Duell in der Sonne“ beide das identische Bildformat, könnten aber ansonsten unterschiedlicher nicht sein. Wo Reichardt in dunkelgrün-braun gehaltenen Bildern von Männern erzählt, die versuchen, der Wildnis einen Hauch von Heimat abzutrotzen, fährt das 73 Jahre ältere Werk von Vidor lodernd-leuchtende Farben, üppige Kostüme und opulente Szenenbilder auf. Mit der melodramatischen Geschichte um eine Halbindianerin (Jennifer Jones) und zwei um sie konkurrierende Brüder (Gregory Peck, Joseph Cotten) wollte Produzent David O. Selznick die Pracht von „Vom Winde verweht“ noch überbieten.

Verblüffend modern

Bemerkenswerterweise ist „Duell in der Sonne“ in seinem Fokus auf optische Überwältigung schneller gealtert als beispielsweise Vidors bereits 1931 gedrehtes Werk „Street Scene“, das ebenfalls zu den 37 Filmen der Retrospektive gehört. Hier wirkt es auch filmisch verblüffend modern, wie anhand eines einzigen Schauplatzes, nämlich dem Gehweg und dem Treppenaufgang eines Mietshauses in New York, ein flirrendes Gesellschaftspanorama entworfen wird.

Verblüffend aktuell in Bildgestaltung und Inhalt wirkt King Vidors 1931 gedrehter Film „Street Scene“, der in der Retrospektive läuft. | Foto: Berlinale

Der Film beruht auf einem Theaterstück, doch die ständig sich bewegende Kamera, die immer neue Bildkompositionen erschafft, wirkt wie ein Vorbild für heutige „one-shot“-Filme. Und auch inhaltlich ist „Street Scene“ bestürzend aktuell: Wie die einzelnen Mietsparteien in immer neuen Allianzen über die jeweils anderen herziehen, erinnert daran, dass Vorurteile und üble Nachrede nichts Neues sind. Aber auch daran, dass so etwas einst im Kreis direkter Gesprächspartner blieb und nicht per „social media“ in die ganze Welt hinausgeblökt wurde.