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Museen im Lockdown

Boucher-Ausstellung in Kunsthalle Karlsruhe: Augenweide bislang ohne Besucher

Bisher ohne Publikum: Die große Ausstellung zu François Boucher endet offiziell am 7. Februar. Wegen des Lockdowns ist nun eine Verlängerung in Sicht.

Viel Stoff und täuschend echte Rosen: 1756 entstand François Bouchers Gemälde „Madame de Pompadour“. Die Dauerleihgabe der Sammlung HypoVereinsbank an die Bayerische Staatsgemäldesammlung hängt derzeit in der Kunsthalle Karlsruhe für die erste deutsche Einzelausstellung des bedeutenden Malers. Foto: Bayerische Staatsgemäldesammlung bpk / Alte Pinakothek

Die Vitrinen, die Grafiken und Zeichnungen sind zum Schutz vor jeglichem Lichteinfall verhängt. Seit Mitte November steht in der Kunsthalle Karlsruhe die Boucher-Ausstellung für das Publikum bereit. Über 50 europäische Museen haben ihre Werke nach Karlsruhe geschickt für diese erste monografische Schau des bedeutenden französischen Malers in Deutschland, die aber bislang noch kein Publikum haben durfte.

Hoffnung auf Verlängerung

Ihre ursprünglich geplante Laufzeit bis zum 7. Februar würde im bis zum 14. Februar anhaltenden Corona-Lockdown enden. Doch seit Wochen arbeitet die Kunsthalle daran, die Laufzeit der Ausstellung zu verlängern, und zwar bis zum 5. April. Die große Mehrheit der Leihgeber hat sich inzwischen einverstanden erklärt.

Es zeigt sich eine sehr, sehr große Solidarität unter den Museen.
Pia Müller-Tamm, Direktorin Kunsthalle Karlsruhe

„Erfreulich in dieser insgesamt unerfreulichen Situation ist, dass sich eine sehr, sehr große Solidarität unter den Museen zeigt“, sagt Pia Müller-Tamm, die Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe. „Zum jetzigen Zeitpunkt lässt sich jedoch noch nicht sagen, wie sich die Inzidenz-Zahlen in den nächsten Wochen entwickeln werden und wann die Museen wieder öffnen können.“

Sollte die Ausstellung tatsächlich wieder abgebaut werden müssen, ohne dass Besucher sie sehen konnten, so wäre dies nicht nur ideell ein immenser Verlust. Rund eineinhalb Jahre Vorarbeit stecken in der Ausstellung und dem umfangreichen Katalog, der im Wienand-Verlag erschienen und im Buchhandel erhältlich ist (348 Seiten, 49 Euro).

Materielle Einbußen sind „gravierend“

„Die materiellen Einbußen sind gravierend“, sagt Pia Müller-Tamm. Aufgrund des Pandemie-Risikos hätten jedoch kurzfristig weitere Zuwendungen von Stiftungen akquiriert werden können. Um für die Öffentlichkeit noch zu retten, was zu retten ist, produziert die Kunsthalle ein Video, das die ganze Ausstellung abbildet und erläutert.

Ende Januar soll es von der Homepage abrufbar sein. Schon jetzt stehen dort verschiedene digitale Formate bereit, um François Boucher kennenzulernen. Dass die digitalen Appetithappen die Begegnung mit den Originalen allerdings nicht ersetzen können, erweist sich schon beim repräsentativen Bildnis der Madame de Pompadour: Es zeigt nicht nur eine Frau, die es bis ganz nach oben geschafft hat.

Eingerichtet seit November 2020: Die große François Boucher-Ausstellung in der von Pia Müller-Tamm geleiteten Kunsthalle Karlsruhe harrt weiterhin ihrer Eröffnung. Foto: ARTIS - Uli Deck ARTIS - Uli Deck

Das Buch in ihrer Hand und das Schreibzeug auf dem Tisch erinnern daran, dass sie eine Förderin der Wissenschaften und der Künste war. Im Mittelpunkt des monumentalen Gemäldes steht jedoch die elegante Robe der ersten Mätresse Ludwigs XV.

Elegante Robe täuschend echt gemalt

„Eigentlich ist das Bild voller Stoff“, sagt Astrid Reuter, die Kuratorin der Boucher-Ausstellung. Mächtige goldfarbene Brokatvorhänge rahmen die Szene, der vielfach geraffte hellblaue Rock des Kleides ist mit rosa Stoffrosen besetzt. Echte Rosen liegen am Boden und auf einem Bücherstapel, aber natürlich sei alles nur gemalt, bemerkt die Kunsthistorikerin.

Spiel mit der Illusion

Das geistreiche Spiel mit der Illusion setzt sich im Spiegel fort, der hinter der Marquise erkennbar ist. Er wirft das Bild des gegenüberliegenden Teils des Zimmers zurück, in dem ein von einer kostbaren Uhr gekrönter Bücherschrank steht. Das Bild entstand 1756. Der aus einfachen Verhältnissen stammende François Boucher hatte es bis zum Hofmaler gebracht, als Unternehmer lieferte er Entwürfe für monumentale Wandteppiche und für Figurengruppen aus Porzellan.

Inspirieren ließ er sich von seiner naturkundlichen Muschel-Sammlung, die er in einem besonderen Kabinett seiner Atelierräume aufbewahrte. Die Muschel ist das zentrale Motiv der Rokoko-Dekoration. Boucher geht in seinen Grafiken überaus frei mit dieser Grundform um. Er verbindet sie mit vegetabilen Elementen, sodass der Eindruck immerwährender Bewegung entsteht.

Besonders spektakuläre Beispiele von außergewöhnlich geformten Muscheln sind in der Ausstellung unter gewölbten Plexiglashauben zu sehen. Sie stammen aus dem Naturalienkabinett der badischen Markgräfin Karoline Luise, die heute im Staatlichen Museum für Naturkunde Karlsruhe aufbewahrt werden. Karoline Luise war eine Zeitgenossin Bouchers, bei dem sie zwei pastorale Szenen in Auftrag gab und mehrere Pastelle, Zeichnungen und Druckgrafiken erwarb.

Aufklärerischer Geist mit feinem Humor

François Bouchers enzyklopädische Weltsicht entspricht dem Geist der Aufklärung im 18. Jahrhundert, sein feiner Humor auch. Das damals übliche Gemäldethema „Die Erziehung Amors“, das für die geistige Liebe steht, kleidete er in eine zeitlos wirkende Familienszene.

Merkur hält ein Buch und bringt dem Knaben Amor das Lesen bei, wobei er sich demonstrativ von Venus abwendet. Und was lernt Amor lesen? Den Namen Boucher, die Signatur des Malers. Subversive Botschaften in der Kunst haben Tradition. Auch das zeigt die Boucher-Ausstellung. Cindy Sherman gestaltete 1990 eine Porzellan-Kollektion zu Ehren von Madame Pompadour.

Auf eine Suppenschüssel im Stil des Ancien Regimes ließ sie ein nachgestelltes Foto aufdrucken, das sie selbst als Pompadour zeigt. Während Cindy Sherman in ihrem zeitgenössischen Werk Rollenzuweisungen aufdeckt, kontrollierte die Marquise mit ihren Bildnis-Aufträgen an François Boucher selbst das öffentliche Erscheinungsbild ihrer Person. Nun fehlt ihr in Karlsruhe nur noch das Publikum.

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