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Sebastian Kapp lässt Piratin das Patriarchat aufmischen

Debütroman von BNN-Redakteur versetzt die legendäre Piratin Anne Bonny ins Ruhrgebiet der Gegenwart

Debütroman mit Zeitreisen und Emanzipation: Sebastian Kapp lässt in „Die Kaiserin von Essen” eine heutige Studentin auf eine Piratin des Jahres 1720 treffen. Foto: Harry Rubner

Eigentlich seltsam, dass Captain Jack Sparrow noch in keinem seiner Kinoabenteuer einer gewissen Anne Bonny über den Weg gelaufen ist. Schließlich ist diese Piratin historisch verbürgt: Sie soll um 1720 in der Karibik ihr Unwesen getrieben haben. Als starke Frau, die derb flucht und den Männern kräftig einschenkt, wäre sie eine perfekte Figur für einen zeitgemäßen Hollywoodfilm.

Was die Traumfabrik versäumt, gleicht der Debütroman von Sebastian Kapp nun auf andere Weise aus: Der irische Wildfang Anne Bonny spielt eine zentrale Rolle in der unterhaltsamen Mischung aus Zeitreisen-Chaos und Emanzipation, die in dem Buch „Die Kaiserin von Essen“ serviert wird. Denn es verschlägt die taffe Piratin in unsere Gegenwart, als Gegenüber der Studentin Emma, die schwanger von ihrem Freund sitzen gelassen wird.

Nachtszenen in Gefängniszellen

Wie es dazu kommt, erinnert an den Besuch der drei Geister in Charles Dickens‘ „Weihnachtsgeschichte“: Weil Emma sich dem Selbstmitleid hingibt, wird ihr durch himmlischen Beistand vor Augen geführt, dass man weitaus schlimmere Sorgen haben kann. Fünf Nächte hintereinander landet sie jeweils in der Gefängniszelle einer historischen weiblichen Persönlichkeit.

Die erste davon ist, genau: Anne Bonny. Und schon der Kontrast zwischen Emmas Studentenbude und dem Rattenloch auf Jamaika, in dem die schwangere Piratin Bonny 1720 auf den Tod durch den Strang wartet, führt hinreichend vor Augen, dass es für freiheitsliebende Frauen schon schlechtere Zeiten gab als das 21. Jahrhundert.

Humorvolle Abenteuerlust

Dem Ernst der Nachtszenen, in denen Emma auch noch Ulrike Meinhoff, Johanna von Orléans oder Sophie Scholl begegnet, stehen humorvolle Tagszenen im Ruhrgebiet gegenüber. Denn nach der ersten nächtlichen Zeitreise wacht Emma in der Gegenwart neben Anne Bonny auf, die mit abenteuerlustiger Dreistigkeit eine Gesellschaft aufmischt, in der man „Autoschiffe“ fährt, in „Feletone“ spricht und eine kleine politische Partei dem ehrbaren Piratenbegriff aus Bonnys Sicht gar keine Ehre macht.

Sie kann es sich erlauben, Dinge schonungslos anzusprechen, weil sie sich um keine Konventionen schert.
Sebastian Kapp, Autor, über seine Romanfigur Anne Bonny

Die Figur Anne Bonny hat den Roman „gekapert“, sagt der Autor, der für diese Zeitung als Redakteur in Pforzheim tätig ist, über den Schreibprozess. „Sie kann es sich erlauben, Aspekte aus unserer Gegenwart schonungslos anzusprechen, weil sie aus einer anderen Zeit stammt und sich um keine Konventionen schert“, erklärt Kapp die Funktion der Piratin.

Auch deren Umgang mit gegenwärtigen Medien ist ein satirischer Spiegel: „Über Dinge, von denen sie nichts weiß, liest Anne Bonny die ersten drei Sätze aus Wikipedia, und das reicht ihr schon. Und damit ist sie ja heutzutage nicht alleine.“

Anekdotische Satire mit Denkanstößen

Psychologischer Realismus ist erkennbar nicht die Ambition dieses Buches, das eher Denkanstöße liefert, indem es aktuelle Themen anekdotisch und satirisch aufspießt. Oder sie, wie Anne Bonny wohl sagen würde, gründlich kielholt. Denn der markig-markante Sprachstil der Piratin mit „denglischen” Flüchen wie „blutige Hölle” ist ein ganz wichtiges Element des Romans und weckt, ebenso wie das hinreißend unrealistische Paar im Zentrum der Geschichte, Assoziationen mit den äußerst erfolgreichen „Känguru-Chroniken“.

Bei weitem nicht die schlechteste Referenz für eine gute Urlaubslektüre, als die dieser Debütroman auch von diversen Nutzern eines großen Online-Buchversands empfohlen wird.

Service

Sebastian Kapp: „Die Kaiserin von Essen”. fineBooks Verlag Berlin. 280 Seiten, 15,90 Euro. Der Autor liest aus seinem Buch am Sonntag, 9. August, ab 15 Uhr im Café Roland Pforzheim.

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