Fatih Akin mit zwei Stützen seines Films "Der goldene Handschuh": Links die österreichische Schauspielerin, Margarethe Tiesel rechts Hauptdarsteller Jonas Dassler.

Fatih Akins Berlinale-Beitrag

Ein Film testet die Schmerzgrenze

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Der deutsche Film sei viel zu brav geworden, wetterten kurz vor Berlinale-Beginn etliche Kritiker und Filmschaffende bei einem Forum in der Berliner Volksbühne. Schmerzlich vermisst wurde dabei unter anderem die Radikalität eines Christoph Schlingensief. Am Samstag abend ging nun ein Film in den Wettbewerb, über den sicher niemand sagen wird, er sei zu brav: Fatih Akins Verfilmung von Heinz Strunks Roman „Der goldene Handschuh“ über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka ist eine brutale Zumutung, die nicht jeder Zuschauer bis zum Ende durchhalten dürfte.

Fatih Akin bei der Pressekonferenz des Films „Der goldene Handschuh“. | Foto: dpa

Dabei ist Akins Präsenz im Wettbewerb eigentlich wie die Rückkehr eines verlorenen Sohnes: Als der Hamburger bei der Berlinale 2004 mit „Gegen die Wand“ den Goldenen Bären gewann, befeuerte das nicht nur seine Karriere ungemein, sondern bestätigte auch den Kurs des noch frischen Festivaldirektors Dieter Kosslick, deutsche Produktionen im Wettbewerb zu berücksichtigen. „Soul Kitchen“, Akins nächster großer Erfolg, lief dann in Venedig (Spezialpreis der Jury, 2009) und sein NSU-Drama „Aus dem Nichts“, 2018 deutscher Oscar-Kandidat, ging in Cannes in den Wettbewerb.

Mit Autor und Hauptdarsteller: Fatih Akin (Mitte) zwischen Heinz Strunk (links) und Jonas Dassler. | Foto: dpa

Bei seiner 18. und letzten Berlinale kann Dieter Kosslick nun wieder eine Akin-Premiere präsentieren. Und der scheidende Festivaldirektor, um launige Sprüche nie verlegen, warnte schon bei der Programmvorstellung Ende Januar, ein Film über einen Serienmörder sehe nun mal nicht aus „wie ein Gemälde von Caspar David Friedrich“. Das ist freilich heillos untertrieben: Akin selbst spricht ausdrücklich von einem Horrorfilm und erklärt, er habe sich in diesem Genre schon lange versuchen wollen und hier nun endlich den Stoff dazu gefunden.

Missgestalteter Frauenmörder: Jonas Dassler als Fritz Honka in einer Filmszene. | Foto: Berlinle

Hauptfigur des Films ist Fritz Honka, ein missgestalteter schmächtiger Mann, der zwischen 1970 und 1974 im Hamburger Stadtteil St. Pauli vier Frauen umgebracht hat. Weil er die Leichen nicht aus seiner Dachwohnung transportieren konnte, zerstückelte er sie und versteckte sie hinter eine Rigipswand. Ans Licht kamen seine monströsen Taten erst durch einen Brand in der Wohnung darunter.

Trostlose Schauplätze

Aus dieser Geschichte destilliert der Film eine knapp zweistündige Visite in der untersten Schicht der Gesellschaft. Schon die titelgebende Hamburger Kneipe ist trostlos: Dort treffen sich gescheiterte Gestalten zwecks gemeinsamer Selbstzerstörung durch Alkohol (im Roman fällt mehrfach das Wort „Vernichtungstrinken“). Darunter sind auch alte, im Elend vegetierende Frauen, die sich für Schnaps und eine Schlafgelegenheit prostituieren.

Drei Trinkerinnen und die Heilsarmee: Szene aus der titelgebenden Kneipe im Film „Der goldene Handschuh“. | Foto: Berlinale

So folgen immer wieder Opfer Honka in seine heruntergekommene Wohnung, wo es dann richtig abstoßend zur Sache geht. Da sich die schonungslose Drastik der Darstellungen steigert (obwohl man das nach der ersten Szene schon nicht mehr für möglich hält), ist „Der Goldene Handschuh“ auch ein Test für die Schmerzgrenze der Zuschauer.

Jenseits von „The Walking Dead“

So schwer erträglich ist der Film freilich auch nur, weil er handwerklich gut gemacht und bestürzend intensiv gespielt ist. Akin betont, er habe nicht die Gewalt feiern wollen. Im Gegenteil: „Ich wollte von etwas erzählen, das auch mir richtig Angst macht“, erklärt der Regisseur in einem Berlinale-Interview mit den BNN, das kommende Woche erscheint. „Mit Sachen wie ‚The Walking Dead‘ kann man ja niemanden mehr schocken.“ Indem er die Morde in langen Einstellungen ohne Schnitt filmt, betont er deren Unerträglichkeit.

Wer soll sich das ansehen?

Nur: Wozu soll man sich den am 21. Februar in die Kinos kommenden Film ansehen? Akin erklärt, das sei nicht seine primäre Frage beim Filmemachen. Eine Antwort hat er aber doch: „Bei den Dreharbeiten auf St. Pauli mussten wir unser Filmteam durch Aufpasser schützen lassen. Dafür haben wir ein paar richtig harte Burschen aus der Zuhälterszene engagiert. Als die den Film sahen, waren sie erschüttert. Und vielleicht führt das ja dazu, dass sie das nächste Mal erst überlegen, bevor sie einer Frau eine reinhauen.“