Einige Entdeckungen bietet das Berlinale-Programm auch mit deutschen Filmen. In der Sektion „Panorama“ etwa überzeugte das von Maren Ades Firma „Komplizen Film“ produzierte Debüt „O Beautiful Night“. | Foto: Jieun Yi

Deutsche Berlinale-Filme

Was Kino kann, wenn es sich traut

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Die größte Überraschung des deutschen Films in den vergangenen Jahren war sicher Maren Ades vielfach ausgezeichnete und oscarnominierte Tragikomödie „Toni Erdmann“, die von Cannes aus ihren Siegeszug antrat. Ein Erfolg solchen Ausmaßes ist bei der diesjährigen Berlinale nicht in Sicht. Dennoch ist die von den gebürtigen Karlsruherinnen Maren Ade und Janine Jackowski gegründete Produktionsfirma „Komplizen Film“ markant im Programm vertreten.

Beteiligt ist sie an dem türkischen Wettbewerbsfilm „Kiz Kardesler – A Tale of three Sisters“. Emin Alpers Film über Schwestern in einem zentralanatolischen Dorf wurde in Berlin positiv aufgenommen. Überraschend geriet er nicht: Schließlich gehört das Schildern schwieriger Lebensumstände zum Markenzeichen der Berlinale. Und die Konfrontation weiblicher Individualität mit männlichen Gesellschaftsstrukturen war auch Thema der chilenischen Komplizen-Film-Koproduktion „Una mujer fantástica“ bei der Berlinale 2017.

Weibliche Individualität im Kontrast mit männlichen Gesellschaftsstrukturen: Szene aus dem türkischen Wettbewerbsfilm „Kiz Kardesler“. | Foto: Berlinale

Eine überraschend andere, eigene und einzigartige Farbe brachte dafür die Eigenproduktion „O Beautiful Night“ ins Berlinale-Programm. Das Spielfilmdebüt des Animationsfilmers Xaver Böhm zeigt, wozu deutsches Kino in der Lage sein kann, wenn es sich was traut. Der Film erzählt von einer wilden Reise durch die Nacht: Der von Todesängsten geplagte junge Berliner Juri gerät in die Fänge eines mysteriösen Fremden, der behauptet, der Tod zu sein. Die beiden begegnen der charismatischen Peepshow-Tänzerin Nina, die sich ihnen – wenn auch zunächst widerwillig – anschließt.

Faszinierende Nachtgestalten: Der Film „O Beautiful Night“ wurde zwar in Berlin gedreht, wirkt aber wie eine Hommage an französische Kultfilme der 80er Jahre. | Foto: Jieun Yi / Komplizen Film

Es sei selten, dass man ein so herausragendes Debüt-Drehbuch auf den Tisch bekomme, erklärte Janine Jackowski bei der Pressekonferenz. Noch seltener dürfte es freilich sein, dass daraus ein so gelungener Film wird. Böhm gelingt ein bewundernswert stilsicheres und ästhetisch begeisterndes Werk. In der konsequenten Farbgebung (nachtblaue Straßen mit pink-türkisen Neonlichtern), dem melancholischen Soundtrack und den lakonisch-schlagfertigen Figuren wird der Zauber des französischen Pop-Kinos der späten 80er Jahre wieder lebendig.

Zwischen Kultfilmen und „Faust“

An die Kultfilme jener Zeit, etwa von Jean-Jacques Beineix oder Luc Besson, erinnert zudem das Darstellerduo Noah Saveedra (Juri) und Marko Mandic (Tod), deren Figuren auch von Jean-Hughues Anglade und Richard Bohringer in jungen Jahren hätten gespielt werden können. Die Figurenkonstellation und etliche Szenen machen den Film zudem zu einer erfrischenden Paraphrase auf Goethes „Faust“, steht aber dennoch auf eigenen Füßen und kommt bis zum Schluss nie außer Tritt.

Französische Filmhelden lassen grüßen: Marko Mandic als Tod und Noah Saveedra als Juri in „O Beautiful Night“. | Foto: Berlinale

Das gelingt, weil der Film sich auf das magische Potenzial des Kinos besinnt, mit dem auf der Leinwand eine ganz eigene Welt geschaffen werden kann. „O Beautiful Night“ (Kinostart: 2. Mai) wirkt wie einer jener Träume, in denen auch das Seltsamste selbstverständlich scheint und denen man nach dem Erwachen nachtrauert.

In seinem magischen Realismus ist der Film das absolute Gegenteil von Angela Schanelecs Wettbewerbsfilm „Ich war zuhause, aber“, der seinen Figuren jedes gespielte Leben austreibt. Damit soll betont werden, dass es sich bei jeder Inszenierung und jeder schauspielerischen Darstellung um eine Lüge handelt. Eigentlich ließe sich die Filmhandlung auch sehr dramatisch darstellen: Der 13-jährige Sohn der Hauptfigur Astrid war eine Woche verschwunden und taucht ohne ein Wort der Erklärung wieder auf. Doch in fast allen Szenen stehen die Beteiligten in statischen Tableaus vor einer unbewegten Kamera und sondern emotionsfrei sparsame Sätze ab.

Das sparsam stilisisertes Spiel in Angela Schanelecs Film „Ich war zuhause, aber“ legt die Lüge jeglicher Darstellung offen. | Foto: Berlinale

Das hat in manchen Momenten die Kraft von Prosa, die in knappen Sätzen erzählt und auf Beschreibungen verzichtet. Und mitunter geht die bildliche Abstraktion der Aktion sogar so weit, dass einzelne Detailaufnahmen wie Piktogramme wirken. Auf gut 100 Minuten Filmlänge aber ist es fürs Publikum allerdings eine arg zähe Angelegenheit.

„Perspektive“ zeigt Debütwerke

In Filmen der Sektion „Perspektive deutsches Kino“ wird etwas mehr „gelogen“, ohne dass die Kinoleinwand gleich mit der großen Farbpalette beackert würde. Denn hier werden Debütwerke gezeigt. Deren Macher erzählen meistens von dem, was sie selbst kennen. Also vom komplizierten, aber auch banalen Liebesleben orientierungssuchender Mittzwanziger bis -dreißiger.

Frisch verliebt über den Dächern von Berlin: Paula Knüpling und Tala Gouvela in „Heute oder morgen“. | Foto: Berlinale

In „Heute oder morgen“ von Thomas Moritz Helm beginnt ein Berliner Pärchen mit einer britischen Studentin eine „Menage à trois“. Zunächst schwebt man unbeschwert durch den Sommer schwebt, landet aber nach einer ungewollten Schwangerschaft auf dem harten Boden des Entscheidungszwangs. Die Beziehung in Miriam Blieses Film „Die Einzelheiten der Liebe“ hingegen beginnt mit einer Geburt und zerbricht an den Alltagsfragen, wer die Familie ernährt und wer wann fürs Kind zuständig ist.

Unbehauste Beziehunge: Birte Schnöink, und Ole Lagerpusch in „Die Einzelteile der Liebe“. | Foto: Berlinale

Ist „Heute oder morgen“ noch eine gelungen „gelogene“ Erzählung, weil die Chemie des Darstellertrios (Paula Knüpling, Maximilian Hildebrandt, Tala Gouveia) glaubhaft rüberkommt, so setzt „Die Einzelteile der Liebe“ vor allem ein Konzept um: Indem die sechs Jahre umspannenden Episoden fast durchweg vorm Haus statt in der Wohnung spielen, wird unterstrichen, dass das gemeinsame Zuhause hier nur eine Durchgangsstation ist. Das mag alles stimmig und durchdacht sein. Doch neben diesen spröden Alltagsthemen strahlt eine Fantasie wie „O Beautiful Night“ umso mehr.