Karel Gott
Die goldene Stimme von Prag ist verstummt. | Foto: Wolfgang Weihs/dpa

Porträt

Die «goldene Stimme aus Prag» ist verstummt

Anzeige

Prag (dpa) – Jede Generation kennt ihren Karel-Gott-Hit: Für die einen ist es die singende, kochende, tanzende «Babicka», für die anderen die kleine, freche, schlaue «Biene Maja».

Die Älteren reisten «Einmal um die ganze Welt» und blieben im Duett mit Rapper Bushido «Für immer jung». Nun ist Karel Gott, die «goldene Stimme aus Prag», im Alter von 80 Jahren gestorben.

«Mit tiefster Trauer im Herzen gebe ich bekannt, dass mein geliebter Ehemann Karel Gott uns gestern, kurz vor Mitternacht, nach schwerer und langer Krankheit verlassen hat. Er ist zu Hause von uns gegangen, in ruhigem Schlaf, im Kreis seiner Familie», teilte seine Ehefrau Ivana Gottova am Mittwoch auf seiner Webseite mit.

Die Geschichte des Schlagers wäre anders verlaufen, wenn Karel Gott aus Pilsen wie ursprünglich erhofft Maler geworden wäre. Doch die Kunstakademie wollte ihn nicht – wohl zu seinem Glück. «Als singender Maler wäre ich sicherlich nie so erfolgreich geworden wie als malender Sänger», sagte Karel Gott einmal.

Auf Druck seiner Eltern machte der junge Mann zunächst eine Elektriker-Lehre. Doch als er zum ersten Mal die Stimme von Mario Lanza hörte, war es um ihn geschehen. An Lanza gefiel ihm, dass der US-italienische Tenor versuchte, die Grenzen zwischen klassischem Operngesang und populärer Musik niederzureißen.

Neben der Arbeit tingelte Gott durch Prager Tanzcafés und verfeinerte seine Gesangstechnik am Konservatorium. Beim Grand Prix Eurovision de la Chanson in London erreichte er 1968 zwar nur den 13. Platz mit «Tausend Fenster» – komponiert von Udo Jürgens. Doch der Auftritt markierte für den Anzug tragenden «perfekten Schwiegersohn» den Durchbruch im Westen.

Die Polydor aus Hamburg nahm den Strahlemann mit der samtenen Stimme unter ihre Fittiche. Später wurde der Vertrag für die «goldene Stimme aus Prag» – so der Titel eines Albums von 1968 – auf Lebenszeit verlängert. Das galt als eine ganz besondere Auszeichnung im schnelllebigen Musikgeschäft.

Mehr als 60 Jahre stand Karel Gott auf der Bühne. Der «Mistr» (Meister), wie man ihn in Tschechien respektvoll nannte, schien fast unsterblich. Wie ein Schock kam da im November 2015 die Nachricht, dass der Sänger an Lymphdrüsenkrebs erkrankt war. Doch Karel Gott blieb tapfer, unterzog sich der Chemotherapie, lehnte eine Behandlung im Ausland ab.

Er schien geheilt, als im September 2019 die nächste Schreckensnachricht folgte: Er leide an akuter Leukämie, werde von einem Spitzenteam betreut, legte der Sänger offen. «Ich wollte euch nicht mit meinen Problemen belästigen», schrieb er seinen Fans – fast entschuldigend – bei Facebook.

Eine wichtige Stütze war ihm bei alledem seine Frau Ivana, für die der Charmeur sein ausschweifendes Junggesellenleben aufgegeben hatte. Er nannte sie seine große Liebe. Die 37 Jahre jüngere Fernsehmoderatorin hatte Karel Gott im Januar 2008 spontan in Las Vegas geheiratet.

Mit ihr wurde er noch einmal Vater von zwei Töchtern. Mit der älteren der beiden, Charlotte Ella, spielte der berühmte Vater im Mai 2019 ein bewegendes Duett ein. Es mutet wie eine dunkle Vorausahnung an, wenn es da heißt: «Wenn mich der Strom fortreißt, musst du schwimmen.»

Zu Beginn seiner Karriere hatten Freunde Karel Gott gewarnt: «Da kommen neue dynamische Jungs, denn die Jugend wechselt ihre Idole wie Unterwäsche.» Doch der Sänger blieb sich selbst treu, ging gegen alle Trends – und hatte damit Erfolg. Schätzungen zufolge verkaufte Gott in seiner Karriere mehr als 50 Millionen Tonträger. Er nahm mehr als 120 Alben und 75 Singles auf.

Was war das Geheimnis seines Erfolgs? «Die Botschaft, die Stimmung, die diese Lieder in sich tragen», sagte er einmal selbst. Die guten Nachrichten, die frohen, optimistischen Botschaften hätten den Menschen neue Energie geschenkt. Weniger bekannt ist, dass sich Gott in Tschechien durchaus auch mal eine Lederjacke überzog und rockige Töne anstimmte.

Kritiker hielten dem Sänger, der am 14. Juli 1939 zur Welt kam, seine steile Karriere in der Zeit des Sozialismus vor. Gott unterzeichnete die «Anticharta», die sich gegen die tschechoslowakische Bürgerrechtsbewegung Charta 77 von Vaclav Havel richtete. Er war ein wichtiger Devisenbringer für das marode sozialistische Regime, das ihn mit dem Titel Nationalkünstler ehrte.

Es wurde alles vergeben, als Gott am 4. Dezember 1989 während der Samtrevolution, der demokratischen Wende in der Tschechoslowakei, auf einer Kundgebung erschien. Gemeinsam mit dem Bürgerrechtler und Liedermacher Karel Kryl stimmte er vor 200 000 Menschen die Nationalhymne an. Karel Gott, der auch in Russland viele Fans hatte, sah sich immer als einen Mittler zwischen Ost und West.

Eine besondere Ehre war es für ihn, als er vor ein paar Jahren eingeladen wurde, in der BRD-Botschaft in Prag aufzutreten. Denn Deutschland nannte er wegen seiner vielen Freunde dort auch seine «zweite Heimat». Karel Gott sang im Palais Lobkowicz, an der Stelle, wo 1989 Tausende DDR-Flüchtlinge auf ihre Ausreise gewartet hatten, seinen Hit «Einmal um die ganze Welt». Dann sagte er gerührt: «Dank meinem treuem Publikum durfte ich diese Reise um die Welt mehrmals genießen – dank meinen Fans!»