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Meinung

von Andreas Jüttner

Meinung

Die documenta 15 wollte Perspektiven erweitern - und scheiterte schon am Dialog

Nach anhaltenden Antisemitismus-Vorwürfen und einem uneinsichtigen Krisenmanagement gilt die documenta 15 als gescheitert. Nur wenn man daraus Lehren für Kommunikation zieht, könnte aus dem Scheitern eine Chance erwachsen.

Besucher stehen an einer Art Mahnmal «Voices» auf dem Friedrichsplatz vor der documenta-Halle. Die Kunstausstellung documenta fifteen geht bis zum 25.09.2022. +++ dpa-Bildfunk +++
Völlig von Debatten überdeckt wurde die Kunst bei der documenta 15. Wie ein Symbol hierfür wirkt das Mahnmal „Voices“, das bei der Weltkunstschau in Kassel als öffentliches Forum aufgebaut war. Foto: Swen Pförtner /dpa

Aus Schaden wird man klug. Heißt es zumindest. Bei den Verantwortlichen des bedeutendsten Kunstereignisses in Deutschland, der documenta in Kassel, war davon in den vergangenen 100 Tagen leider wenig zu bemerken.

Dabei hatte ihr Konzept durchaus Auswirkungen - aber wohl ganz anders, als sie es sich vorgestellt hatten, als sie mit Kollektiv-Kunst aus dem „globalen Süden“ neue Einsichten in andere Weltanschauungen ermöglichen wollten. Denn gezeigt hat sich vor allem, wie groß die Kluft zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen nach wie vor ist.

Nun ist Antisemitismus in keiner Form entschuldbar. Auch nicht in Kunst aus anderen Kulturkreisen. Doch selbst eine ungewollte Präsenz von Werken mit Motiven, die antisemitische Chiffren bedienen, hätte zumindest noch die Option eröffnet, (selbst)kritisch zu thematisieren, wie es sein kann, dass solche Motive immer wieder auftauchen. Stattdessen aber schien sich die Wagenburg-Haltung der documenta-Macher mit jeder neuen Kritik zu verfestigen.

So hat der Streit geradezu lehrstückhaft ein Phänomen unserer Gegenwart vorgeführt: wie eine Spirale der Kritik sich so hochschaukeln kann, dass ein Gespräch gar nicht mehr möglich erscheint. Denn wie soll es einen Austausch geben, wenn Antisemitismus-Vorwürfe, die in Deutschland zu Recht noch einmal mehr Gewicht haben als in anderen Ländern, permanent abgewiegelt und kleingeredet werden?

Echter Dialog bedarf mehr Anstrengung

Nur wenn aus den Skandalen nachhaltige Lehren gezogen werden, kann in diesem Scheitern eine Chance liegen. Denn klar zu Tage getreten ist, dass ein tatsächlicher Dialog deutlich größere Anstrengungen erfordert. Und dass ihm stets die Gefahr des Scheiterns und der Verletzungen innewohnt. Umso mehr, wenn eine Seite sich anhaltend weigert, Verletzungen anzuerkennen.

Bestürzend war daher nicht nur, dass die Schau gleich mehrfach Anlass für Antisemitismus-Vorwürfe gab. Sondern auch, wie uneinsichtig sich das Krisenmanagement zeigte. Daraus aber zu schließen, die documenta sei per se ein grober Klotz, auf den nun ein grober Keil gehöre, führt auch nur zu Populismus – etwa wenn aus der Bundespolitik mit dem grundsätzlichen Entzug finanzieller Mittel gedroht wird.

Die Debatte wird auch nach der Abreise der internationalen Gäste anhalten, und sie muss zumindest hierzulande wieder zu einer gemeinsamen Sprache für solche Projekte führen. Denn wenn schon das nicht gelingt - wie soll es dann eine Verständigung über Kulturgrenzen hinweg geben?

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