Dörte Hansen
Dörte Hansen zieht es wieder aufs Land. | Foto: Axel Heimken

Heimat und Heimweh

Dörte Hansen bleibt sich in «Mittagsstunde» treu

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Hamburg (dpa) – Das zweite Buch eines Autors, heißt es, sei das Schwerste. Auch Dörte Hansen, deren Debütroman «Altes Land» 2015 monatelang auf Platz eins der Bestsellerliste stand, ließ sich mit ihrem neuen Roman drei Jahre Zeit.

In «Mittagsstunde», das am 15. Oktober im Penguin-Verlag (München) erschienen ist, dreht sich wieder alles um die Themen Heimat und die Menschen, die sie prägen.

Schauplatz ist diesmal jedoch nicht das Obstanbaugebiet südlich von Hamburg, sondern ein kleines Geestdorf in Nordfriesland. Dort, in der Nähe von Husum, ist Dörte Hansen, geboren 1964, aufgewachsen. Hier kennt sie sich aus und hierher ist sie mit ihrem Ehemann und ihrer Tochter nach 35 Jahren zurückgekehrt.

«Es ist schon ein bisschen Heimweh im Spiel», sagt die Autorin mit den kurzen blonden Haaren und dem sympathischen Lachen über die Beweggründe. Dreh- und Angelpunkt der Geschichte ist das fiktive Dorf Brinkebüll, das jedoch sehr viel Ähnlichkeit mit real existierenden Geestdörfern hat: Früher eine überschaubare Dorfgemeinschaft, in der jeder jeden kennt, hat sich das Dorf in den vergangenen 50 Jahren mit der Flurbereinigung in den 1960er Jahren und dem Beginn der modernen Landwirtschaft komplett verändert. Lebten damals noch fast alle Bewohner von der Landwirtschaft, denen ihre geliebte Mittagsstunde heilig war, gibt es heute nur wenige Höfe, die übrig geblieben sind.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht der 47-jährige Ingwer Feddersen, ein Hochschullehrer für Archäologie aus Kiel, der in der Midlife-Krise steckt und nach 30 Jahren in sein altes Heimatdorf zurückkehrt. Hier leben seine Großmutter Ella, die dabei ist, ihren Verstand zu verlieren, und sein Großvater Sönke, der in seinem alten Dorfkrug stur die Stellung hält, und bei denen er aufgewachsen ist.

Ingwer hat ein schlechtes Gewissen und das Gefühl, er müsse noch etwas wieder gutmachen, weil er die alten Leute damals, als er beschloss, an die Universität zu gehen und den Gasthof nicht zu übernehmen, alleine ließ.

Dörte Hansen schafft es spielerisch – wie schon in «Altes Land» – das ehemalige Dorfleben in Rückblenden wieder zum Leben zu erwecken.

Liebevoll und mit viel Melancholie beschreibt sie die Dorfbewohner wie «Marret Ünnergang», die in ihren schiefgetretenen Holzsandalen von Tür zu Tür zieht und den nahenden Weltuntergang prophezeit. Erzählt von Dorflehrer Steensen, der vergeblich versucht, den Dorfkindern das Plattdeutschsprechen abzugewöhnen, vom ewigen Junggesellen Hanno Thomsen, der auf seinem Mofa durch das Dorf tuckert und immer der Letzte im Gasthof ist und von der Kaufmannsfrau Dora Koopmann, die es niemals zulassen würde, dass sich ein Kunde in ihrem Dorfladen selbst bedient.

Die Schilderungen der skurrilen Dorfbewohner und der kargen Landschaft sind so anschaulich, dass man sich ohne Probleme vorstellen kann, dort zu sein. Auch ein bisschen Plattdeutsch lernen die Leser, da sich Sönke Feddersen bis zum Schluss weigert, Hochdeutsch zu sprechen. «Hochdüütsch schnaken in min egen Huus! – Nicht sein Problem, wenn ihn die anderen nicht verstanden.»

Am Anfang und Ende stellt Hansen lakonisch fest: «Man hatte hier als Mensch nicht viel zu melden. Man konnte gern rechts ranfahren, aussteigen, gegen den Wind anbrüllen und Flüche in den Regen schreien, es brachte nichts. Es ging hier gar nicht um das bisschen Mensch.»

Dörte Hansen, «Mittagsstunde», Verlag Penguin, 320 S., 22 Euro, ISBN: 978-3-328-60003-9