Sexy Bossa Nova: Melanie Pain (rechts) und Elodie Frege boten im gut besuchten Tollhaus viel fürs Auge und Ohr. Foto: Bastian

Nouvelle Vague im Tollhaus

Ein französischer Abend für Verliebte

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Es ist der Moment zum Anschmachten, Händchen halten, sich anschmiegen und Küsschen austauschen. Oder vielleicht auch einander erstmals wirklich tief in die Augen schauen. „Seid ihr gerade verliebt?“, fragt von der Bühne mit einem verschmitzten Lächeln die Sängerin Melanie Pain.

„In Paris brauchen wir sieben Monate dafür. Wie lange dauert es in Karlsruhe, bis man verliebt ist?“ Schwer zu sagen. Doch wenn es um das warme Gefühl für die Musik der französischen Band Nouvelle Vague geht, dürfte das Publikum im Tollhaus nach spätestens sieben Minuten ein Kribbeln im Bauch verspürt haben.

Als ein „lässiger Abend“ wurde beim Zeltival in Karlsruhe der Auftritt der New-Wave-Soundkünstler aus dem Nachbarland angekündigt. Der kollektiven Glückseligkeit zur späten Stunde nach zu urteilen, haben sie ihr Ziel erreicht, die Zuschauer im geschmeidigen Bossa-Nova-Dreampop-Sound mit einer guten Prise Erotik wiegen zu lassen. Weniger treffsicher war dagegen die Support-Künstlerin Charlotte Brandi, die am Donnerstag für ihre fünf Solo-Nummern im Tollhaus lediglich mit höflichem Applaus belohnt wurde.

Der „warm up Spacko“

„Ich bin nur der ,warm up Spacko’ mit depressiven Songs über den Klimawandel“, stellte sich zu Beginn des Abends bescheiden die junge Berlinerin vor, die die Karlsruher schon einmal als Teil des Indie-Duos Me And My Drummer erlebt haben. Brandi hat die ein Jahr zurückliegende Trennung von Partner und Schlagzeuger Matze Pröllochs in dem sehr hörenswerten Album „The Magician“ verarbeitet, das vor Energie und Selbstbewusstsein nur so strotzt.

Ihr jüngstes, in Prag gedrehtes Musikvideo „A Sting“ beschrieb die Sängerin selbst so: „Kopf aus, Drums laut, Exorzismus, Reinigung von allem Vergangenen, Punk auch“. In Karlsruhe erlebte man Brandi jedoch seltsam zurückgenommen und nervös, während ihrer hallenden Stimme die Kraft fehlte, um noch die letzten Sitzreihen im Zeltival-Zelt zu erreichen.

Radikal entschleunigt

Dies ändert sich jedoch wenig später, als die Französinnen Melanie Pain und Elodie Frege zu den Klängen des radikal entschleunigten „Fade To Grey“ in Zeitlupentempo durch die Menschenmenge zu der Bühne schreiten. In der minimalistischen Keyboard-und-Gitarre-Version von Nouvelle Vague entfaltet der pulsierende 1980er Synthiepop-Hit von Visage eine hypnotische Wirkung.

Es folgt ein federleichtes Cover von „Bizarre Love“ (New Order, 1986) im Bossa-Nova-Stil. Anschließend nimmt die in glitzerndes Kleid gehüllte Pain das Publikum mit ihrem lasziven Hüftschwung zur erotisch knisternden Gitarrenversion von „I Wanna Be Sedated“ (Ramones, 1978) in Beschlag. Und dann die Frage: „Seid ihr verliebt?“ Jemand schluchzt: „Ja!“

Je später der Abend, desto mehr entfaltet das Musikkonzept von Nouvelle Vague im Tollhaus seine kalkulierte Wirkung: Während die sinnliche und bisweilen affektiert wirkende Theatralik der sexy Sängerinnen in High Heels dem Auge schmeichelt, bewahrt der dezent groovige bis weichgespülte, nie anstrengende Sound die Zuschauer verlässlich vor dem Anstieg der Ruhepulsfrequenz in medizinisch bedenkliche Höhen.

Für manche Besucher wird der etwa 100-minütige Konzert zu einem unterhaltsamen Ratespiel: Ist die charmant verträumte Nummer im roten Scheinwerferlicht vielleicht ein Cover des 1980er Antikriegsklassikers „Enola Gay“ von OMD? Ja, sie ist es in der Tat.