Starkes Ensemble in emotionalem Film: Caleb Landry Jones, Bill Nighy, Andrea Riseborough, Regisseurin Lone Scherfig, Zoe Kazan und Tahar Rahim präsentierten zur Berlinale-Eröffnung "The Kindness of Strangers". | Foto: dpa

Eröffnungsfilm der Berlinale

Rettendes Netz gegen den Absturz

Anzeige

Häusliche Gewalt, Jobverlust, Obdachlosigkeit – der Berlinale-Eröffnungsfilm federt ernste Themen mit Humor und liebevollen Figuren ab.

Sandra Hüller hat in den nächsten Tagen viele Filme vor sich. Die bekannte Schauspielerin („Toni Erdmann“) gehört zur Wettbewerbsjury der diesjährigen Berlinale. Sie hoffe beim Zuschauen auch „auf großen Genuss“, sagte Hüller bei der Jury-Pressekonferenz. Der Eröffnungsfilm „The Kindness of Strangers“ dürfte diese Hoffnung zumindest teilweise eingelöst haben. Das Werk der dänischen Regisseurin Lone Scherfig balanciert weitgehend sicher zwischen ernsten Themen, warmherzigem Humor und aufrüttelnder Emotionalität.

Die Freundlichkeit von Fremden rettet die junge Mutter Clara (Zoe Kazan) in New York vor dem sozialen Elend. | Foto: Berlinale/dpa

Wobei die Story auf dem Papier auch wie ein Relevanzfilm vom Reißbrett klingen kann: Die junge Mutter Clara flieht mit ihren zwei Söhnen vor ihrem gewalttätigen Ehemann vom Land in die Anonymität von New York. Dort kann sie nicht Fuß fassen, stürzt die soziale Leiter hinab bis ins Obdachlosenasyl und wagt sich, als ihr brutaler Gatte auftaucht, nicht mal zur Polizei – denn er ist selber Polizist. Doch dank zufälliger Begegnungen mit der selbstlosen Krankenschwester Alice, dem Ex-Häftling Marc, dem kauzigen Restaurantbesitzer Tim und dem scheuen Anwalt John Peter erwächst aus kleinen Freundlichkeiten allmählich ein rettendes Netz.

Selbstlose Helferin: die Krankenschwester Alice (Andrea Riseborough, hier mit Caleb Landry Jones). | Foto: Berlinale

Nachlässig erzählt könnte dieser Plot schnell Schiffbruch im See des Kitsches erleiden. Doch wie bereits bei ihrem 2001 in Berlin ausgezeichneten Debüt „Italienisch für Anfänger“ lässt Scherfig hier gescheiterte Existenzen aneinander neuen Halt finden. Auch ihren neuen Film hat sie stimmig besetzt und mit Feingefühl inszeniert. Von Zoe Kazan als Clara, die ihre Kinder schützen will, über Andrea Riseborough als menschgewordenes Helfersyndrom Alice und Tahar Rahim als zurückhaltender Helfer Marc bis zu Bill Nighy als melancholischer Hagestolz Tim erschafft das Ensemble ein stimmiges Panorama an Figuren. Reale Charakterzüge werden hierbei nur so weit überhöht wie es für die große Leinwand angemessen ist.


Dass etliche Figuren unter der ständigen Bedrohung des gesellschaftlichen Absturzes leben, fängt der Film durch Dialoge von beiläufigem Humor auf. So kommt es in einer Restaurantszene zum wohl unbeholfensten Beischlafangebot der jüngeren Filmgeschichte, und sehr pointiert sind die Szenen mit Bill Nighy, dessen Tim seinen Wunsch nach menschlicher Nähe einfach nicht formulieren kann.

Der britische Darsteller selbst war hingegen nicht um Worte verlegen, als er bei der Pressekonferenz das Anliegen des Films erklärte: „Wir brauchen Filme, die Menschen vereinen, statt sie zu trennen. Im gegenwärtigen gesellschaftlichen Klima, das weithin von so vielen Vorurteilen bestimmt wird, sogar Hass, halte ich das für extrem wichtig.“