Volker Spengler
Volker Spengler, hier als Meister Simon in «Der Geizige» nach Molière, war ein Schauspiel-Schwergewicht. | Foto: Matthias Balk/dpa

Mit 80 Jahren

Fassbinder-Star Volker Spengler gestorben

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Berlin (dpa) – «In Frankfurt, der Stadt von Müll und Tod, liebt ein Mann namens Erwin einen anderen Mann, der nur Frauen liebt. Er lässt sich chirurgisch in Elvira umwandeln, wird abermals zurückgestoßen und bringt sich um.»

So fasste die Kulturzeitschrift «Du» einst den Film «In einem Jahr mit 13 Monden» von Rainer Werner Fassbinder zusammen. Nun ist mit Volker Spengler der Hauptdarsteller dieses Melodrams aus dem Jahr 1978 gestorben.

Am 16. Februar wäre er 81 geworden. Spengler starb am Samstagvormittag in Berlin, wie die Deutsche Presse-Agentur aus seinem engen Freundeskreis erfuhr. Der gebürtige Bremer wirkte auch in Fassbinder-Filmen wie «Satansbraten», «Die Sehnsucht der Veronika Voss», «Chinesisches Roulette», «Die dritte Generation», «Die Ehe der Maria Braun» sowie in der TV-Miniserie «Berlin Alexanderplatz» mit. In der Romanverfilmung «Der Unhold» von Volker Schlöndorff war er 1996 als Nazi-Politiker Hermann Göring besetzt.

In seiner jahrzehntelangen Bühnenkarriere arbeitete Spengler mit Theater-Regiestars wie Peter Palitzsch, Frank Castorf und René Pollesch zusammen. In Heiner Müllers letzter Inszenierung, dem Brecht-Stück «Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui», stand der schwergewichtige Spengler unter anderem neben Martin Wuttke auf der Bühne des Berliner Ensembles.

Spengler soll schon als Teenager Anfang der 50er Jahre als Küchenhilfe zur See gefahren sein und später eine Kaufmannslehre gemacht haben, bevor er in Salzburg und am Wiener Max-Reinhardt-Seminar Schauspiel studierte. Seine frühe Laufbahn führte ihn mit Prominenten wie dem Komiker Heinz Erhardt und dem Regisseur Fritz Kortner zusammen. Mitte der 70er Jahre stieß er zum Fassbinder-Clan mit Schauspielern wie Margit Carstensen, Irm Hermann, Brigitte Mira und Kurt Raab.

Später gehörte er zum Kreis des 2010 gestorbenen Aktionskünstlers und Regisseurs Christoph Schlingensief. Er bereicherte dessen Filme wie die Wiedervereinigungs-Groteske «Das deutsche Kettensägenmassaker», «100 Jahre Adolf Hitler – Die letzte Stunde im Führerbunker» und «Die 120 Tage von Bottrop». Spengler war auch bei Theaterprojekten von Schlingensief dabei, etwa 2001 an der Berliner Volksbühne bei «Rosebud».

Im zweistündige Film «In einem Jahr mit 13 Monden», der Spengler berühmt machte, werden die letzten fünf Tage im Leben der transsexuellen Elvira erzählt. Verlassen von allen, verzweifelt die Außenseiterin am Leben. Zum astrologischen Titel seines Werks hieß es von Fassbinder (1945-1982): «Jedes siebte Jahr ist ein Mondjahr. Und wenn es gleichzeitig ein Jahr mit 13 Neumonden ist, kommt es für gefühlsbetonte Menschen oft zu Katastrophen.» So gefährdete angeblich auch 1978, das Entstehungsjahr des Films, das Dasein von vielen. 2020 ist übrigens auch ein Mondjahr, hat aber nur zwölf Neumonde.

Spengler war in dem Klassiker, den Kritiker als «kunstvolle Abrechnung mit Kälte und Ignoranz» («Cinema») lobten, an der Seite von Kolleginnen wie Ingrid Caven (als Nutte «Rote Zora»), Elisabeth Trissenaar (als Ex-Frau) und Eva Mattes (als Tochter) zu sehen. Der Spekulant Anton (Gottfried John), dessentwegen sich Ernst einst zu Elvira operieren ließ, weist sie in einem gefühlskalten Frankfurt mit Hochhäusern und Spielsalons ab. Der Film gilt als einer der persönlichsten von Fassbinder, weil der Regisseur damit den Suizid seines Freundes Armin Meier künstlerisch verarbeitet haben soll.