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Eröffnung auf dem Schlachthof-Gelände

Faszinierende Artistik eröffnet das Atoll-Festival in Karlsruhe

Die Schwerkraft scheint aufgehoben, wenn die französische Compagnie XY beim Atoll-Festival im Tollhaus Karlsruhe auftritt. Und wenn sie doch zuschlägt, sind die Artisten gewappnet.

Höhenflüge und grenzenloses Vertrauen: Die Artisten der Compagnie XY aus Frankreich müssen sich auf die Achtsamkeit ihrer Mitspieler verlassen können. Ihr neues Stück „Möbius“, das zum Auftakt des Atoll-Festivals zu sehen war, handelt von der Stärke des gemeinsamen Handelns. Foto: Christophe Raynaud

Das Spiel mit der Schwerkraft ist ein Spiel mit dem Feuer. Das vergisst man gern angesichts der verblüffenden Leichtigkeit der fließenden Bewegungen, mit denen die Artisten der Compagnie XY ihre fulminanten Sprung- und Wurfszenen darbieten. Ein unsicherer Griff, und es kann ungeplant mehrere Meter in die Tiefe gehen.

Doch wo bei anderen Gruppen für Szenen in besonderer Höhe dann doch mal eine Matte aufgebaut wird, gibt es bei diesem französischen Ensemble nur das Kollektiv. Und das funktioniert: Als am Karlsruher Premierenabend der neuen Show „Möbius“ ein besonders heikler Sprung nicht so perfekt glückt wie noch bei der mittäglichen Probe, da sind sofort starke Arme da, um die abstürzende Artistin aufzufangen.

Absicherung nur durch Spielpartner

In solchen Momenten verschlägt es einem dann noch mehr den Atem als es die geradezu hypnotischen Balance- und Tanzfiguren ohnehin tun. Bereits zum zweiten Mal begeistert das international gefragte Ensemble das „Atoll“-Publikum im Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus. Schon 2017 hatte die vielköpfige Truppe das Festival eröffnet mit seiner damaligen Produktion „Il n’est pas encore minuit“. Nun gab es zum Start der fünften „Atoll“-Ausgabe die neue Produktion „Möbius“, die bewährte Markenzeichen der Gruppe mit neuer atmosphärischer Stimmung kombiniert.

Inspiriert wurde das Stück von dem Phänomen, dass Stare in Schwärmen ein regelrechtes Flugballett aufführen, bei dem sich eine große Masse wie durch einen gemeinsamen Willen zu bewegen scheint. Diesen optischen Eindruck vermitteln auch viele Nummern der Compagnie XY: Alles läuft so organisch ab, als stünde ein großer Masterplan dahinter. Jede und jeder steht immer exakt am richtigen Platz - schon allein, weil die Absicherung der halsbrecherischen Kunststücke während der Aufführung eben ausschließlich durch auffangbereite Kollegen erfolgt. Manchmal ist es da auch geplant, dass eine Artistin nach einem fulminanten Sprung kopfüber nach unten saust und erst kurz vor dem Aufprall durch eine Quasi-Umarmung gestoppt wird. Das Vertrauen in den jeweiligen Bühnenpartner scheint hier grenzenlos zu sein.

Gruppe führt gemeinsam Regie

Noch faszinierender wird diese Präzision, wenn man den Arbeitsprozess der Gruppe fragt. Denn da gibt es eben kein alles steuerndes Mastermind. Die Compagnie XY versteht sich ausdrücklich als Kollektiv. „Sogar die Frage, wie viele Auftritte sie bei einem Gastspiel geben, müssen sie alle zusammen besprechen“, seufzt Tollhaus-Chef Bernd Belschner, freilich nur mit gespielter Verzweiflung: Tatsächlich sieht er die Gruppe als „absolutes Geschenk“. Nicht zuletzt wegen ihres Gemeinschaftssinns, der auch die organische Ästhetik ihrer Szenen prägt und in gewisser Weise den inhaltlichen Kern ihrer Stücke bildet.

Demenstprechend werden die Abläufe auch gemeinsam entwickelt. „Wir suchen immer nach Figuren, die man so noch nicht gesehen hat, und hier bringt jeder sein Päckchen ein, dass er seit der Zirkusschule mit sich trägt“, sagt Florian Sontowski. Der aus Darmstadt stammende Artist gehört als „Untermann“ (auf französisch „importeur“) zu jenen in der Gruppe, die ihre Kolleginnen und Kollegen hochwerfen, auf den Schultern tragen oder eben auch mal auffangen.

Seine Biografie kann als symptomatisch für diese Kunstform gesehen werden: „Angefangen habe ich im Kinderzirkus Waldoni, wo ich zehn Jahre lang aktiv war“, erzählt Sontowski im BNN-Gespräch. Die Begeisterung für die Artistik ließ ihn auch während des Studiums der Energiewirtschaft nicht los. „Ich hatte das Glück, einen Coach aus der französischen Zirkusszene zu finden“, so Sontowski. „Der hat mich auch mit der Gruppe bekannt gemacht - und dort wiederum hatte ich das Glück, schon ab 2016 zeitweise bei der damaligen Show mitwirken zu können.“

Sein Studium hat der heute 30-Jährige zwar abgeschlossen, sein Leben aber widmet er jetzt dem Zirkus. Dafür ist er auch nach Frankreich umgezogen - auch wegen der dortigen Arbeitsstruktur. „Freischaffender Künstler zu sein ist dort ein offizieller Beruf“, erklärt Sontowski und verweist auf die große Branche der „intermittent des spectacles“. Zudem gilt der neue Zirkus, wie sein Arbeitsfeld genannt wird, in Frankreich als „Cirque Nouveau“ als staatlich gefördertes Kulturgut.

Traumwandlerisch und surreal

Welches Level diese Kunstform erreichen kann, ist in „Möbius“ zu erleben. Im Zusammenspiel mit sphärischer Ambient-Musik entstehen Szenen von traumwandlerisch surrealer Sogkraft. Da wiegen sich Zwei-Mann-Türme wie Schilfgras, da scheinen Artisten wie in einer Umkehrung der Schwerkraft nach oben gesogen zu werden, da wird von zwei übereinander stehenden Frauen die untere einfach weggetragen und die obere bleibt unbeweglich in der Luft, nur gestützt durch einen Arm eines Spielpartners. Irgendwann hält man es für fast normal, dass ein Mann sich von zwei Kollegen rückwärts über zwei übereinander stehende Männer schleudern lässt und vor der Landung noch einen Salto macht. Und was kann man sich von Kunst mehr wünschen als den Blick in eine Welt, die man im Alltag nicht für möglich halten würde?

Service



Das Atoll-Festival bietet bis zum 27. September insgesamt zwölf Produktionen in 24 Vorstellungen. Für die meisten Festivaltermine sind nur noch wenige Karten erhältlich. Aktuelle Infos unter Telefon (07 21) 96 40 50. Internet: atoll-festival.de



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