So ausweglos wie für die Figuren ist Sam Mendes’ eindrucksvolles Kriegsdrama „1917“, in dem zwei britische Soldaten von der Kamera ohne sichtbare Unterbrechung auf einer höchst gefährlichen Mission begleitet werden

Oscar-Kandidat

Film „1917“ zerrt in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs

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Das Kino hat seit jeher darauf gesetzt, sein Publikum mitten hinein ins Geschehen zu versetzen. Von den monumentalen Breitwandfilmen der 1950er bis hin zum 3D-Boom der vergangenen Jahre reicht der Bogen der technischen Entwicklung, der freilich oft mehr zur Effekthascherei als zur Erzählung genutzt wurde. Der jüngste Trend ist da vielversprechender – auch, weil sein Einsatz so kompliziert ist, dass er nur mit guter Planung möglich ist. Die Rede ist von Filmen, die aussehen, als seien sie in einer einzigen Einstellung gedreht worden. Weil das Geschehen ohne sichtbaren Schnitt abläuft, rückt der Zuschauer zwangsläufig ganz nah an die Protagonisten und ihr Schicksal.

Wegweisend waren hier zwei Filme von 2015: Sebastian Schippers Drama „Victoria“, in dessen 140 Minuten die Kamera einer jungen Spanierin durch eine Berliner Nacht folgt, in der sie die Liebe zu finden scheint und dann aber in einen Banküberfall verwickelt wird, sowie die Tragikomödie „Birdman“ von Alejandro González Iñárritu über die wachsende Panik eines Schauspieler vor seiner großen Broadway-Premiere.

Nominiert für zehn Oscars

Der neueste Film dieser Art ist auch der bislang aufwühlendste: Das für zehn Oscars nominierte Drama „1917“ des britischen Regisseurs Sam Mendes zerrt den Zuschauer geradezu hinein in die Schützengräben des Ersten Weltkriegs. Am 6. April 1917, so kündigt es der Titelvorspann an, werden die beiden britischen Soldaten William Schofield und Tom Blake an einer Frontlinie in Frankreich auf ein Himmelfahrtskommando geschickt.

Sie sollen auf eigene Faust rund acht Kilometer zwischen den Kampflinien durchqueren, um eine britische Einheit vor einem tödlichen Hinterhalt zu warnen. Und für Tom Blake ist das Ganze nicht nur ein Befehl: Einer der 1.600 Soldaten, deren Leben es zu retten gilt, ist sein Bruder.

Schweben in ständiger Gefahr

Entlang der schier unmöglichen Mission der beiden jungen Männer, die mit den Newcomern George MacKay als Schofield und Dean-Charles Chapman als Blake hervorragend besetzt sind, führt der Film durch die Schrecken des Krieges. Das gelingt gerade weil die beiden Hauptfiguren von genreüblichen Kriegsfilm-Situationen abgekoppelt werden: Die ständige Gefahr, in der sie schweben, ist verstörender als drastische Kampfszenen, bei denen man irgendwann innerlich abschaltet.

Und auch wenn sie selber kaum kämpfen, sind um sie herum immer die Folgen des gnadenlosen Schlachtens sichtbar. So wird vor allem die erste Hälfte zum Eintauchen in einen Albtraum, dessen Ausweglosigkeit schon nach einer Filmstunde so beklemmend ist, dass man sich gar nicht vorstellen will, über welch lange Zeit hinweg er einst Realität war.

Allzu gefühliger Soundtrack

Doch als das Ziel näherrückt, werden die feindlichen Linien enger. Und hier verliert der Film, trotz der durchweg grandiosen Kameraarbeit von Roger Deakins, mitunter seine packende Nüchternheit und rutscht in Action-Konventionen ab. Am irritierendsten ist der gefühlige Orchester-Soundtrack von Sam Mendes’ langjährigem Wegbegleiter Thomas Newton, der sich für Filmmusik-Konzerte aufdrängt, in diesem Kontext aber völlig unpassend wirkt. Dieser Versuch, das Gezeigte massentauglich abzufedern, erweist dem ansonsten beeindruckenden Film leider einen Bärendienst.