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Karlsruher Dokumentarfestival „dokKa“

Film-Marathon mit Qi-Gong-Entspannung

Das Karlsruher Dokumentarfestival „dokKa“ eröffnet seine diesjährige Ausgabe als Online-Veranstaltung.

Am Rand der kapitalistischen Verwertungsketten: Der Film „Bewegung eines nahen Bergs“ dokumentiert die Arbeit eines Mechanikers aus Nigeria, der in den steirischen Alpen alte Autos für den Export in seine Heimat aufbereitet. Foto: Sebastian Brameshuber

Dass Musik und Theater ihr Live-Publikum brauchen, leuchtet unmittelbar ein. Macht es aber auch für Filme einen Unterschied, ob sie irgendwann alleine zuhause oder zu einer verabredeten Zeit gemeinsam im Kino angeschaut werden? Oder ist es für Filmfestivals nicht sogar ein Vorteil, dass mittlerweile viele Menschen an Online-Streaming gewöhnt sind, so dass man nun statt nur Besuchern vor Ort theoretisch ein weltweites Publikum erreichen kann?

Ganz so simpel ist die Situation nicht – und das nicht nur, weil die Kinos als Abspielstätten auf zahlende Besucher angewiesen sind. Sicher: Im Mai, als weltweit alle Kinos geschlossen waren, zogen Veranstaltungen wie das Internationale Trickfilmfestival Stuttgart oder die Kurzfilmtage Oberhausen konsequent ins Internet um, und selbst das Flagschiff Cannes präsentierte trotz Festivalabsage online eine kleine Auswahl des Programms.

Doch schon Locarno ging im August wieder mit einer Hybrid-Veranstaltung an den Start, die auch lokale Vorführungen bot, und in Venedig waren dann Anfang September wieder Filme, Zuschauer und Jurymitglieder gemeinsam in den Kinosälen – freilich unter Corona-Einschränkungen.

Wir hatten nicht die Ressourcen, mehrgleisig zu planen.
Nils Menrad, Festivalleiter „dokKa“

Ist es insofern ein Rückschritt, wenn das Karlsruher Dokumentarfestival „dokKa“ ab diesem Mittwoch vorwiegend online stattfindet? „Wir hatten nicht die Ressourcen, mehrgleisig zu planen“, erklärt Festivalgründer und -leiter Nils Menrad. Ohnehin sei ein wesentlicher Punkt des Festivals wegen Corona nicht zu halten gewesen: „Es gehört zum Wesen unseres Festivals, dass die Zuschauer nach einer Filmvorführung mit den jeweiligen Machern diskutieren können“, erklärt Menrad. Derzeit aber fänden in der Kinemathek, wo „dokKa“ seit jeher stattfindet, nur 25 Besucher Platz. Da sei die Relation zu den Anreisekosten für internationale Filmemacher nicht darstellbar, abgesehen von der ohnehin derzeit erschwerten Reisesituation.

Streaming ohne Terminbindung

Man wolle aber online eine „Begegnung“ mit den Filmemachern bieten und stelle dafür Interview-Videos bereit. „Den üblichen Rhythmus von Vorführung und anschließender Diskussion können wir online nicht bieten, da im Streaming alle Beiträge für die gesamte Festivaldauer abrufbar sind, um die Zuschauer nicht an fixe Zeiten zu binden“, erklärt Menrad.

So können Nutzer eines Festivalpasses die 13 Filme und sechs Hördokumentationen vom 30. September bis zum 7. Oktober abrufen.

Online-Treffen per Zoom

Vier Online-„Treffpunkte“ soll es dennoch geben: Am 30. September sowie am 2., 3. und 6. Oktober gibt es jeweils ab 21.30 Uhr eine Zoom-Konferenz, bei der bis zu 100 Teilnehmer zugelassen sind. Und die Festivalmacher denken auch an das Wohlbefinden ihrer Zuschauer: Am 2. Oktober gibt es ab 17 Uhr online einen Qi-Gong-Kurs – zur „Bewegung und Entspannung für alle vom Online-Festival verspannten Muskeln“.

Die visuelle Kraft vermittelt sich erst auf der großen Leinwand.
Nils Menrad, Festivalleiter „dokKa“

Nicht nur wegen der Nackenverspannung durchs Starren auf Bildschirme hofft Menrad auf eine baldige Rückkehr von Festivals ins Kino. „Auch im Dokumentarbereich haben viele Arbeiten eine visuelle Kraft, deren Intensität sich erst auf der großen Leinwand verrmittelt.“ Immerhin drei davon sind in vier „echten“ Kinovorstellungen zu erleben: So zeigt die Kinemathek an diesem Mittwoch ab 20 Uhr den Film „Bewegung eines nahen Bergs“ von Sebastian Brameshuber.

Die Naturdokumentation „The Whale and the Raven“ wird am 4. Oktober ab 15 Uhr und am 7. Oktober ab 19 Uhr gezeigt, und am 10. Oktober gibt es ab 18 Uhr „Kunst kommt aus dem Schnabel wie er gewachsen ist“. Zudem wird am 14. Oktober ab 19 Uhr der diesjährige Preisträgerfilm öffentlich gezeigt.

Gentrifizierung und Warenkreislauf als Themen

Thematisch liegt der Schwerpunkt auf ökologisch-ökonomischen Fragen. „Bewegungen eines nahen Bergs“ etwa entführt in eine verlassene Fabrikhalle in den steirischen Alpen, wo der Nigerianer Cliff aufgekaufte alte Autos zerlegt, um die Teile für den Verkauf in seinem Heimatland aufzubereiten.

Andere Beiträge wie „Träume von Räumen“ oder „Berlin/Brooklyn“ blicken auf die Gentrifizierung von Wohnvierteln, während „Landretter“ von Menschen berichtet, die sich der Verödung ländlicher Gebiete entgegenstellen. Und es gibt eine Hommage mit lokalem Bezug: Der Film „Eine neue Umwelt – Heinrich Klotz über Architektur und Neue Medien“ von Christian Haardt porträtiert den 1999 verstorbenen Kunsthistoriker und Gründungsdirektor des Karlsruher Zentrums für Kunst und Medien (ZKM).

Service

Alle Programmpunkte ab 30. September, 19 Uhr, bis zum 7. Oktober online unter w ww.dokka.de. Festivalpass ab 15 Euro.

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