Regisseur und Produzent Fatih Akin spricht während der Pressekonferenz zum Film "Der goldene Handschuh".
Regisseur und Produzent Fatih Akin spricht während der Pressekonferenz zum Film "Der goldene Handschuh". | Foto: Christoph Soeder/dpa

Interview mit Fatih Akin

Frauenmörder-Film: „Der Typ hat um die Ecke gehaust“

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Vor 15 Jahren eroberte er die Berlinale mit seinem Film „Gegen die Wand“, dem damals ersten deutschen Hauptpreisträger seit 1986. Nun ist Fatih Akin wieder im Wettbewerb vertreten, mit dem umstrittenen Film „Der goldene Handschuh“ über den Hamburger Frauenmörder Fritz Honka (Kinostart: 21. Februar). Über die umstrittenen Gewaltszenen, die Darstellung der 70er Jahre und den Horror des Realen sprach Fatih Akin im Rahmen eines Berlinale-Interviews mit BNN-Redakteur Andreas Jüttner.

 

Die Buchvorlage von Heinz Strunk führt den Leser über Milieuschilderungen allmählich hin zu Fritz Honka und seinen Taten. Der Film beginnt gleich mit dem Zerstückeln einer Leiche. Warum?

Akin: Ich bin ein großer Horrorfilm-Fan – so bin ich überhaupt zum Film gekommen. Genrefilme sind in Deutschland aber schwierig zu machen. In dem Roman habe ich die Möglichkeit erkannt, mich mit diesem Genre zu beschäftigen.

 

Gab es keine Möglichkeit, den schnoddrigen Unterton des Buches in den Film zu bringen?

Akin: Mir haut auch der Roman in die Magengrube. Heinz Strunk hat mich mal eingeladen zu einer Lesung. Da waren dann 1 200 Menschen, und die haben alle nur gelacht. Als so witzig hab ich den Roman nie empfunden. Vielleicht haben die Leute gelacht, weil sie verunsichert waren, vielleicht weil Strunk eben diesen schnoddrigen Ton hat. Für den Film war aber immer klar, dass das keine Lachnummer werden darf. Es ging auch nie darum, die Gewalt zu feiern. Ich musste einen Weg finden, dass man die Würde der Opfer behält und dass man zeigt, dass es gar nicht so einfach ist, jemanden umzubringen, wie das Kino so oft behauptet.

 

Inwieweit steht der Film in der Tradition des Kolportagekinos der Nachkriegszeit?

Der Regisseur und seine Schauspieler: Fatih Akin (m.), Margarethe Tiesel und Jonas Dassler.
Der Regisseur und seine Schauspieler: Fatih Akin (m.), Margarethe Tiesel und Jonas Dassler. | Foto: Christoph Soeder/dpa

Akin: Ich hatte, ehrlich gesagt, nicht sehr viel Zeit, über den Roman hinaus zu recherchieren oder zu überlegen, wie ich das angehe.  Ein Orientierungspunkt war eine Episode in dem italienischen Pseudo-Dokumentarfilm „Mondo Cane“. Da gibt es die 1963 in Hamburg gedrehte Szene „Drunken Germans“ – Aufnahmen von Betrunkenen, die einerseits hässlich sind und andererseits eine ganz eigene Schönheit haben, auch wegen des Neonlichts. Der präziseste Beobachter der Zeit, in der der Film spielt, war Fassbinder. Dessen Filme habe ich der Kostümbildnerin und dem Ausstatter gezeigt, vor allem „Händler der vier Jahreszeiten“.

 

Haben die Szenenbilder und die eingesetzten Schlager das Ziel, die persönliche Erinnerungen des Publikums an diese Zeit mit dieser Brutalität zu konfrontieren?

Akin: Wir wollten auf keinen Fall die Taten aus der damaligen Zeit heraus erklären. Es gibt solche Täter auch heute, es gab sie in der Weimarer Republik, es gab sie in den 80ern. Ich glaube, dass das pathologische Dinge sind. Es gab sogar den Gedanken, die Geschichte in die Gegenwart zu verlegen, weil wir kein großes Budget hatten. Das wäre aber dem Roman nicht gerecht geworden.

 

Man sieht in der Kneipe, die der Geschichte den Titel gibt, auch die Verlorenen der Wirtschaftswunderära und die Präsenz der NS-Zeit, die nicht aufgearbeitet ist. Eines von Honkas Opfern ist ja eine KZ-Überlebende…

Akin: Wenn ich feststelle, wie präsent uns die Zeit der Wende vor 30 Jahren noch ist und wie spürbar die Folgen noch sind – die SPD hat ja jetzt erst den Osten entdeckt –, dann muss der Zweite Weltkrieg für die Leute im Film genauso präsent gewesen sein. Aber nochmal: Ich glaube nicht, dass das Honkas Taten erklärt. Ich wollte überhaupt nicht erklären, warum er so ist wie er ist. Wir hatten einige solcher Szenen gedreht, die hab ich alle wieder rausgeschnitten. Der Mann war krank, und ich kann mich da nicht so hineinversetzen wie in Diane Krugers Figur in „Aus dem Nichts“.

 

Warum, meinen Sie, sollten sich Zuschauer den Film angucken?

Akin: Warum guckt jemand „Der Junge muss an die frische Luft“? Gottseidank habe ich das Privileg, mir meine Projekte instinktiv auszusuchen. Ich kann dabei nicht darüber nachdenken, wie diese oder jene Gruppe auf den Film reagiert. Das Buch ist ein großer Erfolg, und es ist ja nicht weniger herausfordernd. Da hab ich Kommentare gehört wie: „Oh, das ist so eklig, aber ich habe es doch zu Ende gelesen.“ Unser Trailer ist in kürzester Zeit sehr viel geguckt worden, es scheint also ein Interesse zu geben. Ich muss aber sagen: Es ist kein Film für jedermann. Es ist ein radikaler Film, und den kann man ablehnen. Bestimmte Platten von Iggy Pop kannst du auch ablehnen und ich höre sie trotzdem gerne.

 

Inwieweit hat die „MeToo“-Debatte die Frage beeinflusst, wie man Gewalt an Frauen zeigt, zumal an nackten Frauen?

Regisseur und Produzent Fatih Akin (m.), Schauspieler Jonas Dassler und Autor Heinz Strunk (l.) bei der Premiere des Films "Der goldene Handschuh".
Regisseur und Produzent Fatih Akin (m.), Schauspieler Jonas Dassler und Autor Heinz Strunk (l.) bei der Premiere des Films „Der goldene Handschuh“. | Foto: Jörg Carstensen/dpa

Akin: Ich finde die Diskussion in Ordnung, aber es darf nicht zu Zensur führen oder zum vorauseilenden Gehorsam, dass man Gewalt an Frauen im Film nicht mehr darstellen darf. Alles entstand im Dialog darüber, was die Szene aussagen und vermitteln soll. Die Frauen haben das alle unterstützt, und da kann ich mich dann nur auf sie verlassen. Es sind eben Schauspielerinnen, keine Leute vom Sozialamt. Das größte Kompliment, das ich zu diesem Film bekommen habe, war übrigens die Reaktion von ein paar richtig heftigen Typen auf St. Pauli: Wir hatten die als Aufpasser beim Dreh engagiert, falls da irgendwer kommt und Ärger macht. Diese Leute haben sich den Film angeguckt und waren hinterher erschüttert. Und das zu erreichen ist nicht einfach. Vielleicht überlegen sie es sich jetzt zweimal, bevor sie eine Frau verhauen.

 

Dekonstruiert der Film auch das Horrorgenre, indem der Horror so gar keinen Spaß macht? Man gruselt sich ja nicht, sondern fühlt sich wie an einen Stuhl gefesselt und zum Zuschauen gezwungen…

Akin: Es ist keine Haunted-House-Story. Ich habe einen großzügigen Begriff von Horror, und für mich sind die größten Horrorfilmer unserer Zeit die Österreicher. Ich kann mir „Conjuring“ angucken und da lacht sogar mein 13-jähriger Sohn drüber. Aber Ulrich Seidl und Michael Haneke – deren Filme machen mir wirklich Angst. Ich will ja eigentlich nicht zitieren, aber die Besetzung von Margarete Tiesel ist gewissermaßen meine Verneigung vor Seidl.

 

Seidls Spielfilme wirken oft irritierend dokumentarisch. Welche Rolle hat es für sie gespielt, dass der Fall Honka real war?

Akin: Das macht es natürlich gruseliger. Mir machen Sachen Angst, die ich glaube. Das wird schwierig mit dem nächsten Projekt: Wenn alles klappt, verfilme ich als nächstes Stephen King, aber da versuche ich gerade alles zu machen, dass ich das auch glaube. Hier ist es so, dass der Typ in meiner Nachbarschaft gehaust hat. Und Adam Bozoukis aus „Soul Kitchen“ spielt seinen eigenen Patenonkel – der war nämlich der griechische Nachbar von Honka. Das war alles wirklich real, es ist um die Ecke passiert. Das war für meine Vorstellung von einem Horrorfilm glaubhaft.