Marktplatz von Goslar
Goslars gute Stube: Der Marktplatz mit dem Rathaus wird überragt von den ungleichen Türmen der Marktkirche. Foto: Schiefer | Foto: Schiefer

Ein städtischer Schatz im Harz

Goslar: Wo Goethe seine Höllenszene fand

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Goslar: tausendjährige Kaiserstadt im Harz; lebhafte Stadt mit malerischen Gassen und Plätzen; zweifaches Weltkulturerbe: Sowohl die Altstadt mit ihren über 1500 Fachwerkhäusern, als auch das Besucherbergwerk Rammelsberg mit seinen technischen Anlagen über und unter Tage stehen unter dem Schutz der Unesco. Hier kann man Geschichte erleben und begegnet obendrein berühmten Besuchern.

Mir war, ob ein richtig gut einparfümierter Teufel vorweg gelaufen wäre.

Hans Christian Andersen, der berühmte dänische Märchendichter, dürfte sich nicht nur an dem infernalischen Gestank gestört haben, der ihn bei seinem Besuch im Rammelsberg im Harz umfing. Der lange Schlaks, der – ganz Gentleman – mit Zylinder durchs Leben ging, wird an dem niedrigen, mit Hammer und Meißel in den Berg getriebenen Roederstollen keine rechte Freude gefunden haben.

Rammelsberg:  Wunderwelt unter Tage

Der Zwei-Meter-Mann aus Bayern, der sich heute höchst unwillig der Helmpflicht gebeugt hat, ist jedenfalls heilfroh über das knallgelbe Stück auf seinem Kopf. „Klong“ hallt es alle paar Meter durch den Stollen, als wieder einmal einer der Gruppe mit dem Kopf gegen die Decke knallt.

Quelle des Wohlstands: 1 000 Jahre lang wurden am Rammelsberg bei Goslar Erze abgebaut.
1 000 Jahre lang wurden am Rammelsberg bei Goslar Erze abgebaut. | Foto: Goslar Marketing/ Schiefer

Aufrecht gehen können in dieser Wunderwelt unter Tage wohl nur Kleinwüchsige und Kinder. Kaum vorstellbar, dass Menschen tagein, tagaus im Rammelsberg geschuftet haben, bereits vor über 1 000 Jahren. 27 Millionen Tonnen Erz, vor allem Zink, Kupfer, aber auch Silber und Gold wurden in dieser Zeit den Eingeweiden der Erde entrissen. Kein anderes Erzbergwerk auf der Welt war so lange in Betrieb, weshalb der Rammelsberg schon 1992 zum Unesco-Weltkulturerbe erhoben wurde: als erstes Industrie-Denkmal Deutschlands.

Der Schwefelgeruch ist verschwunden

Nach Schwefel riecht es in dem grob behauenen Roederstollen aus dem frühen 19. Jahrhundert schon lange nicht mehr. Heerscharen von Bergmännern trotzen ihn Zentimeter für Zentimeter dem Berg ab. Statt wackliger Leitern gibt es heute stählerne Treppen und bequeme Holzbohlen über Wasserläufen; statt simpler Öllämpchen erleuchten batteriebetriebene Grubenlampen die Finsternis.

Goethe und sein Faust

Doch das Einzigartige dieser dunklen Welt, die den Besucher Goethe angeblich zu seinen Höllenszenen im „Faust“ inspiriert haben soll, ist geblieben. Jahreszeiten haben hier keine Macht, genauso wenig wie Tag und Nacht. Hinter jeder Biegung dieses Labyrinths zweigen Gänge ab. Neulinge verlieren rasch die Orientierung. Unablässig tröpfelt Wasser herab, immer an die gleichen Stellen.

Mit seiner Hartnäckigkeit gräbt es Löcher in hartes Gestein oder modelliert steinerne Wellen wie auf dem Meeresgrund. Weiße, türkise und rotbraune Vitriolen schimmern an den Wänden, glasartige Kristalle, die unsere Vorfahren für alle möglichen Zwecke einsetzten. Das durchsichtige Goslarit, das den Namen der Stadt im Harz in die Welt hinaustrug, wurde beispielsweise zum Gerben von Leder eingesetzt.

Wasserrad im Besucherbergwerk Rammelsberg bei Goslar im Harz.
Noch immer gibt es die großen Wasserräder im Rammelsberg. | Foto: wit

Bergbau schon 1000 Jahre vor Christus

Mit der systematischen Erschließung des Rammelsbergs unweit von Goslar wurde Ende des 10. Jahrhunderts begonnen, während der Herrschaft Ottos des Großen. Doch eine bronzene Schmuckscheibe belegt, dass die Exploration der Erz führenden Schichten schon viele Jahrhunderte zuvor begonnen hatte: Das wertvolle Stück, gefunden bei einer archäologischen Grabung im Südharz, wurde nämlich nachweislich aus Kupfer aus dem Rammelsberg gefertigt und stammt aus der Zeit 1060 vor Christus.

Türme der Kirche St. Cosmas und Damian über den Dächern Goslars.
Die Türme der Kirche St. Cosmas und Damian prägen die Silhouette Goslars. | Foto: Goslar Marketing/ Schiefer

Der Aufstieg Goslars

Für die aufstrebende Siedlung an Gose und Abzucht war der Berg vor ihren Toren Gold wert, eine nie versiegende Einnahmequelle. Ohne die verborgenen Schätze aus dem Schoß der Erde wäre Goslar wohl nie zu einem Hauptsitz der deutschen Kaiser aufgestiegen. Das Städtchen am Nordrand des Harzes wäre kaum Freie Reichsstadt und Gründungsmitglied der Hanse geworden.

Das „Rom des Nordens“

Das Gold und Silber des Rammelsberges lockte die salischen Kaiser nach Goslar. Hier bauten sie eine prächtige Pfalz und machten die Stadt für zwei Jahrhunderte zur heimlichen Hauptstadt ihres Reiches. Heinrich III. war so Feuer und Flamme vom „Rom des Nordens“, dass er noch auf dem Totenbett bestimmte: Mein Herz soll in Goslar bleiben. Seine Untertanen taten ihm diesen Gefallen, bestatteten das Organ in der Pfalzkapelle und den Rest des toten Kaisers im Speyerer Dom.

Innenstadt von Goslar im Harz
Eine Adlerfigur ziert den Marktbrunnen, ein Relikt aus romanischer Zeit. | Foto: Goslar Marketing/ Schiefer

Der „goldene Adler“ taumelt

Als der Herzog von Braunschweig sich Mitte des 16. Jahrhunderts des Bergwerks bemächtigte und der Stadt ihrer wirtschaftlichen Grundlage beraubte, waren die Höhenflüge des goldenen Adlers, des Wahrzeichens Goslars, vorüber. Lethargie und Armut machten sich breit, wobei Letztere durchaus ihr Gutes hatte.

Jahrhunderte lang blieb die alte Bausubstanz unangetastet: die schmucken Fachwerkhäuser mit den pechschwarz gestrichenen Holzbalken und den ockerfarbenen Gefachen; die reich verzierten Bürgerhäuser mit ihren silbrig schimmernden Schieferdächern; die Reste der Kaiserpfalz, wo mehr als 100 Reichstage abgehalten worden waren. Nach der Reichsgründung 1871 wurde sie umfassend saniert und in den Rang eines Nationaldenkmals erhoben. Der riesige Kaisersaal im Obergeschoss wurde im 19. Jahrhundert mit monumentalen Wandgemälden ausgestattet, die von Karl dem Großen bis zu Wilhelm I. führen.

Nur für den baufälligen Dom, der einst neben der Kaiserpfalz stand, gab es keine Rettung. Übrig blieb nur die romanische Vorhalle und der Grundriss des Gotteshauses im Pflaster des Parkplatzes:

Wir leben in einer bedeutungsschweren Zeit. Tausendjährige Dome werden abgebrochen und Kaiserstühle in die Rumpelkammer geworfen.

notierte Heinrich Heine in seiner „Harzreise“. Heute steht das berühmte Möbelstück mit den kunstvoll verzierten bronzenen Lehnen wieder in der Domvorhalle.

die Kaiserpfalz in Goslar im Harz.
In der Kaiserpfalz machten deutsche Kaiser einst Weltpolitik. | Foto: Goslar Marketing/Schiefer

Alt und Neu nebeneinander

So allgegenwärtig die Spuren der glorreichen Vergangenheit in Goslar sind: Ein Freiluftmuseum ist die einstige Kaiserstadt nicht, auch wenn die Busladungen, die zur Pfalz pilgern und sich zum Gruppenfoto vor den Reiterstandbildern Barbarossas und Wilhelm I. posieren, eine andere Sprache sprechen. In der Altstadt, die wie der Rammelsberg zum Weltkulturerbe der Unesco zählt, prallen ruhmreiche Vergangenheit und prekäre Gegenwart aufeinander:

Aderlass für die Stadt

Im vergangenen Jahrzehnt hat die 50 000-Einwohner-Stadt fast ein Zehntel ihrer Bevölkerung verloren. Über die schmalen, kopfsteingepflasterten schmalen Straßen und Gassen quälen sich die Autoschlangen. Neben manchem herausgeputzten Fachwerk-Schmuckstück prangt ein nüchterner Zweckbau aus Beton. Hübsche Läden mit Delikatessen aus dem Harz konkurrieren mit unsäglichen Souvenirshops, wo kitschige Postkarten, Kräuterlikör und Harzhexen Made in Fernost verkauft werden.

Die gute Stube Marktplatz

Am Marktplatz, der von den ungleichen Türmen der Kirche St. Cosmas und Damian überragt wird, liegen die Perlen gut sichtbar vor den Augen des Betrachters: das Kammereigebäude, dessen Glockenspiel vier Mal täglich bergbauliche Weisen erklingen lässt; das Gildehaus Kaiserworth, wo es sich nobel nächtigen lässt; das Bäckergildehaus mit seinem imposanten Erker.

Idyllische Winkel an der Abzucht

Doch schöne Ecken, verwunschene Winkel finden sich auch anderswo, an der Abzucht, die munter durch die Stadt gurgelt, sowie in der Münzstraße. Dort lohnt sich definitiv der Blick nach oben: Die stolzen Fachwerkhäuser mit ihrem überreichen Fassadenschmuck haben sich über die Jahrhunderte so zueinander geneigt, als wollten sich die Dachrinnen küssen.

Das Kaiserworth, eines der schönsten gebäude am Markplatz in Goslar im Harz.
Das Kaiserworth ist eines der schönsten Gebäude am Marktplatz. | Foto: wit

Informationen

Das Besucherbergwerk Rammelsberg (Bergtal 19, 38640 Goslar; Telefon 0 53 21 / 75 00) hat in den Sommermonaten von 9 bis 18 Uhr geöffnet, von November bis März schließt es bereits um 17 Uhr. Die Tageskarte für Erwachsene kostet neun Euro, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre zahlen 4,50 Euro. Auf eine Führung sollte man keinesfalls verzichten. Dabei geht es beispielsweise zu Fuß in den aus dem frühen 19. Jahrhundert stammenden Roederstollen, mit der umgebauten Grubenbahn in die jüngere Geschichte des Erzbergwerks oder per Schrägaufzug 100 Meter den Berg hinauf. Diese Führungen werden täglich angeboten. Der Eintritt plus Führung kostet 16 Euro für Erwachsene, für Kinder und Jugendliche neun Euro. Wer gleich an zwei Führungen teilnehmen möchte, zahlt 21 Euro, beziehungsweise zwölf Euro. Tickets können auch online gebucht werden.

Ein abenteuerliches Erlebnis ist die Führung durch den Rathstiefste Stollen, der bis aufs 12. Jahrhundert zurückgeht. Bei der vierstündigen Tour geht es – eingekleidet in originale Bergmannskleidung und mit Öllampen in der Hand – in einen der ältesten Wasserlösungsstollen der Welt. Am Ende der Tour wartet ein typisch bergmännisches Tscheper-Essen auf die Teilnehmer. Für die Tour, die 77 Euro pro Person kostet, ist eine Voranmeldung erforderlich.

Stadtführungen: Jeden Tag um 10 Uhr geht es „Tausend Schritte durch die Altstadt“. Die Teilnahme an der zweistündigen Tour kostet für Erwachsene sieben Euro, Kinder und Jugendliche bis 17 Jahre zahlen fünf Euro. Daneben gibt es die Goslarer Bimmelbahn, die alle 45 Minuten in der Nähe des Rathauses zu ihrer 6,5 Kilometer langen Rundtour startet. Kosten für Erwachsene 6,50 Euro, für Kinder von vier bis zwölf Jahren drei Euro.

Kaiserpfalz: Das einzigartige Denkmal weltlicher Baukunst hat von April bis Oktober von 10 bis 17 Uhr geöffnet, von November bis März bis 16 Uhr. Führungen durch den Kaisersaal sind um 11, 13 und 15 Uhr. Der Eintritt kostet 7,50 Euro. Kinder und Jugendliche zahlen 4,50 Euro.

Auskünfte: Tourist Information Goslar, Markt 7, 38640 Goslar, Telefon (0 53 21) 7 80 60.