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Ein Nachruf

Gottfried Böhm: Deutschlands bedeutendster Architekt stirbt im Alter von 101 Jahren

Seine zahlreichen Kirchen gleichen Gebirgen aus Beton und lassen sich keiner Modeströmung zuordnen. Jetzt ist der Pritzker-Preis-Träger m Alter von 101 Jahren gestorben.

Titan: 1986 erhielt Gottfried Böhm als erster deutscher Architekt den Pritzkerpreis, der als Nobelpreis der Künste gilt. Jetzt ist er im Alter von 101 Jahren gestorben. Foto: Ulrich Coenen

Gottfried Böhm hat gewaltige Gebirge aus Beton erschaffen. Jetzt ist der wohl bedeutendste deutsche Architekt der vergangenen Jahrzehnte im Alter von 101 Jahren gestorben. Berühmt wurde Böhm in der Nachkriegszeit vor allem durch seine Kirchen.

Wie tief der Architekt im Glauben verwurzelt ist, verdeutlichte er 2015 im BNN-Interview. In seiner unvergleichlichen Art, die gleichermaßen selbstbewusst und bescheiden war, sagte Böhm: „Wenn viele Menschen heute weniger glauben, ist es trotzdem schön, wenn wir in unseren Städten und Dörfern Zeichen haben, die unser Leben auf eine höhere Stufe stellen. Das fehlt mir beispielsweise in den Vereinigten Staaten, wo es Ortschaften ohne Kirchturm gibt, die nichts zu sagen haben, was den Menschen etwas höher hinaufhebt.“

Kapelle Madonna in den Trümmern in Köln Foto: Ulrich Coenen

Nach dem Gespräch saß Gottfried Böhm im verglasten Erker des von seinem Vater Dominikus 1932 erbauten Atelierhauses in Köln für ein eindrucksvolles Porträtfoto Modell.

Dokumentarfilm zeigt die „Architektur einer Familie“

Gottfried Böhm wurde 1920 in Offenbach geboren und ist in Köln aufgewachsen. Sein Schaffen reicht von der unmittelbaren Nachkriegszeit bis in das neue Jahrtausend und umfasst fast 200 ausgeführte Bauten. Böhm ist Sohn und Vater von Architekten.

Als Sohn des großen Kirchenbaumeisters Dominikus Böhm, den der Kölner Erzbischof Josef Kardinal Frings als „bahnbrechenden Meister“ bezeichnet hat, der die kirchliche Baukunst aus den Fesseln des Historismus befreit hat, begann er aus Angst vor dem übermächtigen Vorbild des Vaters 1942 in München mit dem Studium der Bildhauerei. Schon bald wandte sich Gottfried Böhm zusätzlich der Architektur zu und schloss diese Ausbildung 1947 an der Technischen Universität München ab.

Sakrales Hauptwerk: Die Wallfahrtskirche in Neviges im Bergischen Land ist das herausragende Beispiel für den skulpturalen Stil des Architekten. Foto: Ulrich Coenen

Im längst denkmalgeschützten Atelierhaus im Kölner Stadtteil Marienburg arbeitete Gottfried Böhm bis zuletzt mit seinen drei Söhnen Stephan, Peter und Paul, die nach dem Vorbild des Vaters und des Großvaters Architekten wurden. Maurizius Staerkle-Drux hat den Böhms 2014 einen bemerkenswerten Dokumentarfilm gewidmet: „Die Böhms – Architektur einer Familie“.

Gottfried Böhms Gebäude sind große und großartige Skulpturen, weil die Bildhauerei auch seine Arbeit als Architekt bestimmte. „Felsen aus Beton und Glas“ war deshalb die große Ausstellung über Böhm 2006 im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt überschrieben.

Es war die Präsenz einer baumeisterlichen Souveränität, von der man sofort wusste, dass man sie selber nie würde erreichen können.
Jan Pieper, Professor für Baugeschichte und Denkmalpflege

Bis zum Tod des Vaters 1955 arbeitete Gottfried Böhm als Partner in dessen Kölner Büro. Sein Frühwerk wird durch die unverwechselbaren Sakralbauten geprägt, die keiner zeittypischen Mode folgen. Dank des ungeheuren Baubooms in der katholischen Kirche erhielt er in der Nachkriegszeit dutzende Aufträge. Von der 1950 in den Ruinen der kriegszerstörten Kolumba-Kirche in Köln vollendeten Kapelle „Madonna in den Trümmern“ bis hin zur 1968 fertiggestellten Wallfahrtskirche in Neviges im Bergischen Land hat er Sakralbauten geschaffen, die heute als Ikonen gelten. Die an ein Felsmassiv erinnernde Wallfahrtskirche aus Beton ist mit 6.000 Plätzen nach dem Dom übrigens die größte Kirche in der Erzdiözese Köln.

Moderne Akropolis: Das Bensberger Rathaus, das über den Ruinen einer mittelalterlichen Höhenburg entstand, ist heute Pilgerstätte für Architekturbegeisterte. Foto: Ulrich Coenen

Der Profanbau gewann ab Böhms mittlerer Schaffensperiode an Bedeutung. Sein profanes Meisterwerk ist das 1964 bis 1969 auf die Ruine einer mittelalterlichen Höhenburg gesetzte Bensberger Rathaus. Mit dieser Trutzburg aus steinmetzmäßig geformtem Beton, die Vergangenheit und Gegenwart verbindet, erhielt die Stadt im Bergischen Land ihre Akropolis und macht sie heute zur Pilgerstätte zahlreicher architekturbegeisterter Besucher.

Die Staffeln des Altstadtcenters in Bad Godesberg schuf Gottfried Böhm 1980. Im Hintergrund die von Böhm sanierte und um ein Restaurant erweiterte Ruine der Godesburg. Foto: Ulrich Coenen

Böhms Bauwerke haben immer eine städtebauliche Komponente. Das wird vielleicht bei seinem Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach am deutlichsten. Dort schuf er 1962 bis 1968 eine Siedlung in Form eines Angerdorfes mit Kirche und Platz im Zentrum.

Kinderdorf Bethanien in Bergisch Gladbach Foto: Ulrich Coenen

Böhm wurde 1963 als Professor an der RWTH Aachen berufen, wo er den Lehrstuhl für Stadtbereichsplanung und Werklehre bis 1985 leitete. Der Titan der Architektur hat dort ganze Generationen von Studenten geprägt, die ihm geradezu mit Ehrfurcht begegneten. Sein Schüler Jan Pieper, später Ordinarius für Baugeschichte und Denkmalpflege in Aachen, sagt über Böhm: „Es war die Präsenz einer baumeisterlichen Souveränität, von der man sofort wusste, dass man sie selber nie würde erreichen können.“

Auch in Baden-Württemberg gibt es Werke von Gottfried Böhm. Die bedeutendsten sind das 1985 fertiggestellte Züblin-Verwaltungsgebäude in Stuttgart und die 2004 vollendete Stadtbibliothek in Ulm in Form einer gläsernen Pyramide. Beide Bauwerke sind typisch für sein Schaffen seit den 1970er Jahren, als Stahl und Glas zunehmend Beton ersetzen. Im Alterswerk wandte sich Böhm mit dem Hans-Otto-Theater in Potsdam (2008) und der Ditib-Zentralmoschee in Köln (gemeinsamer Wettbewerbserfolg mit Sohn Paul, der schließlich 2017 einen eigenen Entwurf umsetzte) wieder den Betonskulpturen zu. Der Kreis hat sich geschlossen.

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