Sehr zweideutig ist der Blick des kleinen Jesus auf einem bald 500 Jahre alten Gemälde „Maria mit Kind und Papageien“ (1533) von Hans Baldung Grien.
Sehr zweideutig ist der Blick des kleinen Jesus auf einem bald 500 Jahre alten Gemälde „Maria mit Kind und Papageien“ (1533) von Hans Baldung Grien. | Foto: Uli Deck

Nackt und meist sehr attraktiv

Heilige oder Hure? Frauen im Werk des Renaissance-Künstlers Hans Baldung Grien

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Oh Gott, wie verführerisch: Verdächtige Blicke und viel nackte Haut bestimmen sein Werk. Das Bild der Frau könnte kaum vielseitiger, rätselhafter und widersprüchlicher sein als in den Gemälden, Zeichnungen und Grafiken von Hans Baldung Grien. Und er macht dabei kaum einen Unterschied, ob es sich um eine Heilige handelt, eine Hure oder eine Hexe.

Bei Eva leuchtet das ein. Bei Maria irritiert es: Die Muttergottes – eine Verführerin? Sehr zweideutig ist der Blick des kleinen Jesus auf einem bald 500 Jahre alten Gemälde „Maria mit Kind und Papageien“ (1533), der die Knospen ihrer entblößten Brust zwischen seinen gespitzten Lippen hält. Auch der Papagei über ihm, der Maria am Hals knabbert, fixiert den Betrachter. Man muss schon sehr frömmelnd sein, um in diesem Vogel das im späten Mittelalter noch durchaus verbreitete Symbol der Jungfräulichkeit, Sündlosigkeit und Keuschheit zu erkennen.

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Der verräterische Papagei

Das mag für den zweiten Papagei gelten, der die Szene der stillenden Maria – Maria lactans – von unten mit Abstand betrachtet. Es gab damals aber auch eine andere Lesart: Sie verweist auf die laszive Art des Papageien und seine unkeuschen Eigenschaften. Als „Liebesvogel“ ist er daher auf weltlichen Gemälden mit Liebespaaren, auf Stillleben oder Hochzeitsbildern zu finden. Und ein solcher trunkener Vogel, der nach Konrad von Megenberg (1309 bis 1374) gerne Jungfrauen ansehe und sich an ihrem Anblick erfreue, findet sich diesmal am nackten Hals der Maria. Deren Hand über der Brust und ihre Kette sind obendrein vor allem eines: verführerisch.

Sehr zweideutig ist der Blick des kleinen Jesus auf einem bald 500 Jahre alten Gemälde „Maria mit Kind und Papageien“ (1533) von Hans Baldung Grien. | Foto: Uli Deck

Baldung spielt mit den Widersprüchen

Das Bild der Frau könnte kaum vielseitiger, rätselhafter und widersprüchlicher sein als in den Gemälden, Zeichnungen und Grafiken von Hans Baldung Grien (1484 oder 1485 bis 1545). Verehrt und vergöttert, patent und findig, schuldig und unschuldig, listig und sündhaft. Schön. Dominant. Und oft einfach nur sexy. Baldung spielte bewusst mit den Widersprüchen. Er platzierte zwei Papageien und mit ihnen zwei ambivalente Deutungen. Der Dürer-Schüler wusste um die Bildung seiner Klientel, für die er malte – und hinterließ sie ratlos bis angenehm irritiert.

Die Frau hat die Macht

So ergeht es auch dem Besucher in der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe, die ihrer Großen Landesausstellung über den Renaissance-Künstler den Untertitel „heilig | unheilig“ gab. Man steht verblüfft vor christlichen Werken, weil sich göttlicher Auftrag und menschlicher Trieb in ihnen sehr oft eindrucksvoll zu reiben scheinen. Der Frau kommt hierbei eine zentrale Rolle zu: Mit ihr beginnt die Sünde der Welt. Aber sie hat auch die Macht.

Wenn die Frauen eine problematische Rolle haben, dann gilt das auch für den Mann.

Diese beiden Aspekte haben die Ausstellungskuratoren Holger Jacob-Friesen und Julia Carrasco besonders gut herausgearbeitet in der Hängung der ausgestellten Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken. Carrasco hat ein Buch geschrieben über den Sündenfall im Werk Hans Baldung Griens. „Und da ist natürlich das Frauenbild zentral. Mit Eva hat alles angefangen“, betont Jacob-Friesen, der im Museum die Abteilung Sammlung und Wissenschaft leitet. „Aber es ist nicht nur das Frauenbild, sondern auch das Männerbild, das immer mit zu bedenken ist. Wenn die Frauen eine problematische Rolle haben, dann gilt das auch für den Mann.“

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Vom Andachtsbild bis zur kunstvollen Pornografie

Carrasco gibt außerdem zu bedenken: „Es war eine Kunst für Männer, die Baldung schuf. Deshalb muss der männliche Betrachter mitgedacht werden bei Überlegungen zum Bildverständnis.“ Gleichwohl sei es schwierig, vom Werk auf Baldungs persönliche Haltung zu schließen. Baldung hatte seine Auftraggeber im Blick und die Frage, wovon diese sich geistig anregen lassen wollten. Und hier reicht die Spanne vom Andachtsbild bis zur kunstvollen Pornografie.

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Maria als Gleichberechtigte

Mal irritiert Adam, der Eva wie ein Lustobjekt präsentiert und den Betrachter einladend fixiert („Adam und Eva“, um 1531). Mal ist es die nur scheinbar reine Maria, die mit der ganzen Erotik traditioneller Venus-Darstellungen ausgestattet wird und mit Engeln, die wie Amor-Knaben wirken. Ob der Bezug zur antiken Mythologie das christliche Bild profanisiert oder ob der Rückgriff auf das verehrte Altertum im humanistischen Sinne eine Steigerung des christlichen Gehaltes ist? Beides sei möglich, ist Jacob-Friesen überzeugt. Das mache das Werk Baldungs so reizvoll. Will man das Frauenbild bei Baldung studieren, müsse man bei Maria und Eva anfangen. Aber auch die vielen weiblichen Heiligen von Dorothea über Katharina und Barbara spielen eine wichtige Rolle, sie wurden verehrt. Und dass Maria in der „Kreuzigung Christi“ (1512) ein liturgisches Gewand trägt, das nur männlichen Diakonen vorbehalten war, kennzeichnet Baldungs Gottesmutter als gleichberechtigt.

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Der Mann wird zum Opfer seiner Lust

Ein repressives Frauenbild war zwar die gesellschaftliche Norm, erklärt Carrasco, aber: Künstler dieser Zeit wie Baldung arbeiteten die weibliche Sexualität als etwas faszinierend Anziehendes und zugleich Bedrohliches heraus. Ganz besonders gilt dies für Baldungs Hexendarstellungen und für das Motiv der „ungleichen Paare“, in denen sich der alte Mann zum Narren seiner Lust macht und die junge Frau – oft als Dirne dargestellt – gemäß des damals wohlbekannten Themas der „Weiberlist“ sehr wohl wusste, wie sie dadurch an sein Geld kommt. Es sind Frauen, die einen Mann dominieren, indem sie ihn zum Opfer seiner Lust machen.

Hexen und schlaffe Würste

Hexen sind verantwortlich für Impotenz, so ein Irrglaube in Zeiten der Hexenverfolgung. Schlaffe Würste hängen daher auch in der Zeichnung „Hexensabbat“ (1514). Baldung sieht in der Hexe nicht wie damals üblich die nur scheinbar harmlose, aber gefährliche Nachbarin. Bei ihm sind sie nackt und meist sehr attraktiv. Darin bestehe ihre Gefährlichkeit, in ihrer Verführungskraft. Daher ist die Frage umstritten, ob Baldung Klischees der Zeit transportiert, bildlich zuspitzt und weiter tradiert, oder ob er sie mit kritischer Distanz ironisiert und dem Amüsement dient. Natürlich werde die Augenlust des Betrachters angeregt. Auch und besonders im „Neujahrsgruß mit drei Hexen“ (1514) für einen befreundeten Kleriker. Eine hoch erotische Zeichnung, in der Baldung den Schambereich der Frauen zugleich verdeckt und betont. „Es steckt artistisches Feuer in der Zeichnung. Das ist ein Kunstwerk, das sind keine Propagandablätter zur Hexenverfolgung“, betont Holger Jacob-Friesen entgegen verbreiteter Meinung.

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Erotische Fantasien in Form von Locken

„Warum kämmen sie, fragst du, am Spiegel die haarigen Schenkel? Weil im Tempel hier Priapus demnächst ein Fest gibt.“ Die Inschrift auf Baldungs Gemälde „Frauenbad mit Spiegel“ aus der Zeit um 1515, von dem es nur eine Kopie gibt, erklärt die erotischen Fantasien, die der rechten Figur in Form ihrer Locken um den Kopf fliegen, während sie sich mit dem Pinsel stimuliert. „Das Bild hat eindeutig eine pornografische Tendenz“, sagt Jacob-Friesen. Die Inschrift verweist auf Priapus, den Gott der Fruchtbarkeit.

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Baldungs Kunst spielt mit dem Gewissen

Der moralisierende Gedanke war die Legitimation für die Darstellung von Erotik und Sexualität, ist sich Julia Carrasco sicher. In Baldungs Werk bleibe ein Resträtsel, es fordere den mündigen Betrachter, der selbst entscheide, wie er es deutet. Eine eindeutige Lesart gebe es nicht. Es sei Kunst für Kenner gewesen, die den intellektuellen Hintergrund hatten, die Dinge zu reflektieren. Diese Kunst spielt mit dem Betrachter und seinem Gewissen.

Vortrag
Am 6. Februar hält Sigrid Schade aus Zürich einen Vortrag zum Thema: „Schadenzauber und Weibermacht. Hans Baldungs voyeuristischer Blickwechsel auf das Hexenthema“, Beginn: 19 Uhr im Hauptgebäude der Kunsthalle Karlsruhe, Hans-Thoma-Straße 2. Die Ausstellung „heilig | unheilig“ läuft bis 8. März.