Einblick in die Werkstatt: Die Schauspielerin Anna Gesa-Raija Lappe bei der Präsentation "Was Regie bedeutet" am Eröffnungstag der Hörspieltage. | Foto: Peter A. Schmidt / SWR

Hörspieltage im ZKM Karlsruhe

Ohrenkino mit Hintersinn

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Was Regie bedeutet und wie leicht man beim Hören den Boden unter den Füßen verlieren kann, war beim Eröffnungstag der ARD-Hörspieltage im ZKM Karlsruhe zu erleben. Bei der Fachtagung „Hörspiel macht Schule“ gaben Profis Einblicke in die enorme Bandbreite, wie ein Text interpretiert werden kann. Und das Auftaktstück erfreute die Jury mit „hintersinniger Spitzbübigkeit“.

So geschäftig ging es noch nie zu bei der Eröffnung der ARD-Hörspieltage, die seit 2006 im ZKM Karlsruhe stattfinden: Ständig bahnen sich am Mittwoch abend Menschen mit Rollkoffern durch die Besuchergruppen, von allen Seiten ertönen Geräusche und Durchsagen. Es geht zu wie in einer Flughafen-Abflughalle, als Martin Daskes radiophone Performance „Do not leave your luggage unattended“ aufgeführt wird. Mehrere Musiker, eine Sängerin und zehn Studierende der HfG sind als Darsteller beteiligt und verwandeln das ZKM-Foyer in einen großen Klangraum, in dem man durchaus die Orientierung verlieren kann bei der Suche, welcher Sound gerade von wo kommt.

Rollkoffer im ZKM-Foyer: Eröffnung mit der Performance „Don’t leave your luggage unattended“.

Eine inhaltliche Orientierung fällt freilich auch schwer, aber das passt in gewisser Weise zum „richtigen“ Auftakt. Denn das erste Wettbewerbsstück, Jakob Noltes Hörspiel „Unbekannte Meister 4: Eine Einführung in das Werk von Klara Khalil“, war ein gewitztes Werk von „hintersinniger Spitzbübigkeit“, wie der Juryvorsitzende Thomas Böhm befand.

Zu einem betriebsamen Flughafen-Ambiente, wie es die Performance vorsieht, gehört auch eine aktuelle Zeitung (rechts im Bild).

In der Form eines Kulturmagazins wird über die fiktive Künstlerin Klara Khalil berichtet, die sich der Werbung als reinster aller Kunstformen verschrieben hat. Denn: Wenn alles, was hergestellt wird, auch Werbung ist (ein Kunstwerk beispielsweise „wirbt“ für das Können des Künstlers), dann ist Werbung die insofern besonders ehrlich, weil sie eben nur Werbung sein will und nichts anderes.

Stück mit bewussten Fehlern

Dieses kunsttheoretische Konstrukt wird ziemlich amüsant aufbereitet in einem Stück, das bewusst Fehler einstreut, an denen man wie an Haken hängenbleibt, wie es die Autorin Kirsten Fuchs umschrieb, die kurzfristig statt der erkrankten Lyrikerin Nora Gomringer zur fünfköpfigen Jury gestoßen war. Etwa eine irritierende Mehrfach-Wiederholung eines Dialogs (der aber kein Loop ist) oder abrupte Wechsel zwischen Hyperrealismus und offenkundiger Ironie. Da verliert man beim Hören irgendwann den Boden unter den Füßen. Unter dieser spielerischen Oberfläche steht aber für Juror Böhm die existenzielle philosophische Frage, wofür es sich denn zu leben lohnt.

Die Festivaljury: Bibiana Beglau, Ludger Brümmer, Kirsten Fuchs, Jochen Meißner und Thomas Böhm (von links). | Foto: Peter A. Schmidt / SWR

Inszeniert hat den nur scheinbar einfachen Text der Autor selbst. Unter anderen Händen könnte das Stück aber auch ganz anders klingen. Welch entscheidende Rolle die Regie spielt, wurde bei dem Fachtag „Hört, hört! Hörspiel macht Schule“ im Vorfeld der Festivaleröffnung vor Augen geführt.

Enorme Bandbreite

Unter dem Titel „Was Regie bedeutet“ inszenierten dort Alexander Schuhmacher, Antje Vowinckel und Wolfgang Seesko öffentlich Szenen aus Johanna Kapsteins Dramolett „Nathalie“. Besetzt waren die Szenen jeweils mit Claudia Hübschmann, Anna Gesa-Raija Lappe, Robert Besta und Timo Tank (alle aktuell oder ehemals im Ensemble des Staatstheaters). Und schon der Wechsel von Schuhmacher zu Vowinckel zeigte die enorme Bandbreite an Arbeitsmethoden sowie an Deutungs- und Interpretationsmöglichkeiten eines Textes.

Öffentliches Inszenieren: Alexander Schuhmacher (Mitte) mit Technikern und Ensemble beim Fachtag „Hörspiel macht Schule“. | Foto: Peter A. Schmidt / SWR

Die Titelfigur Nathalie arbeitet in einem Callcenter, hofft vergeblich auf einen Rückruf ihres Freundes (dem sie die Mobilbox vollquatscht), verliert ihren Job und wird von obskuren Stimmen in den Selbstmord getrieben. Schuhmacher erklärt Anna Gesa-Raija Lappe, er sähe Nathalie „rosa“ und überreicht als inspirierendes Requisit die eingangs erwähnte Nagelfeile.

Körperlose Stimmen

Die körperlosen Stimmen sind in seiner Deutung einerseits Echos frustrierter Kunden, denen Nathalie per Telefonmarketing sinnlose Verträge aufgedrängt hat, andererseits die verlogenen Erfolgsversprechungen der Werbewelt. Er erklärt dem Ensemble vor allem, wie es sich anhören soll. Vowinckel hingegen verortet die Figuren detailliert: Die körperlosen Stimmen sind bei ihr die Geister ehemaliger Top-Manager, die nun aus einem Zwischenreich heraus das menschliche Dasein verfolgen und weiterhin tun, was sie in ihrem Job getan haben: Personalkosten senken. Allerdings nicht mehr nur für eine Firma, sondern global – und final.

Gegensätze bereichern sich

Nathalie, die Lappe bei Schuhmacher noch naiv, aber auch unberechenbar und verstockt angelegt hatte, wird nun zu einer unsicheren jungen Frau, die gefallen will, indem sie es allen recht macht. Der Text funktioniert in beiden Ansätzen so gut, dass man sich glatt wünscht, eine solche Gegenüberstellung öfter erleben zu dürfen.

Umfangreiches Programm

Andererseits gibt es bei den Hörspieltagen nun erstmal Ohrenkino satt: Am Donnerstag und Freitag läuft täglich um 11, 14, 16 und 19 Uhr je ein Wettbewerbsstück, plus nachfolgender Jury- und Publikumsdiskussion. Am Samstag folgen um 11, 14 und 16 Uhr die drei letzten Stücke, abends steigt dann ab 21 Uhr die „Nacht der Gewinner“ mit der Verleihung der fünf Festivalpreise. Und am Sonntag steht traditionell der Kinderhörspieltag auf dem Programm.

Hörspiele am Hörer gibt es bei „Helga’s Bar“ auf dem Musikbalkon, wo man in Retro-Ambiente Hörspiele durchs Telefon hören kann. | Foto: Peter A. Schmdit /SWR

Wem das alles nicht reicht, der sollte sich zwischendurch in „Helga’s Bar“ auf dem Musikbalkon des ZKM einfinden: In bezauberndem 50er-Jahre-Ambiente kann man hier nicht nur zeitgemäße Snacks wie Toast Hawaii bestellen, sondern aus einer in Kunstleder gebundenen Speisekarte auch Hörspiele auswählen, die über ein historisches Telefon auf dem Tisch „serviert“ werden – von kurzen Häppchen bis zum fast zweistündigen Vierteiler.

Hier geht’s zur Festivalhomepage.