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Karlsruher Kultur in Aufruhr

Immer mehr Staatstheater-Mitarbeiter erheben schwere Vorwürfe gegen Spuhler

Die Kritik an der Amtsführung des Staatstheater-Intendanten Peter Spuhler reißt nicht ab. Ein BNN-Bericht über Kritik von scheidenden Mitarbeitern hat viele Rückmeldungen aus dem Haus ausgelöst.

Zwei Seiten einer Medaille: So entgegengesetzt wie dieser Satz an der Staatstheater-Fassade und seine Spiegelung im Wasser sind offenbar die Verhaltensweisen von Generalintendant Peter Spuhler in der Öffentlichkeit und hausintern. Foto: Uli Deck/ARTIS

Die Kritik an der Amtsführung des Staatstheater-Intendanten Peter Spuhler reißt nicht ab. Der Personalrat hat in einem offenen Brief das „toxische Arbeitsklima“ am Haus angeprangert. Öffentlich geworden war die Kritik zunächst durch einen BNN-Bericht, in dem drei scheidende Mitarbeitern der Opernsparte drastische Missstände offen legten. Dieser Bericht stieß auf großes Echo und viele Rückmeldungen aus dem Haus.

„Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht in meterhohen Buchstaben an der Fassade des Badischen Staatstheaters. Die Inschrift wurde dort im März 2019 zur Eröffnung der Wochen gegen Rassismus enthüllt.

Zu diesem Anlass sagte Generalintendant Peter Spuhler laut der Homepage des Theaters: „Wir sind ein offenes Haus für eine offene Gesellschaft. Wir stehen für Weltoffenheit, Respekt und Toleranz, Freiheit, Gleichheit, und Gleichberechtigung aller Menschen mit dem obersten Ziel: Bewahrung und Verteidigung der menschlichen Werte.“

Vor einer Woche übten erste Mitarbeiter namentlich Kritik

Für das Programm des Hauses mag das vollauf gelten, ebenso für seine Mitarbeiter. Wie es mit der Theaterleitung aussieht, ist eine andere Frage. Denn nicht nur dieser Auftritt des seit 2011 amtierenden Generalintendanten steht in eklatantem Widerspruch zu dem, was über seine Amtsführung ans Licht kommt, seit die BNN vor genau einer Woche über die Kritik an Spuhler durch drei scheidende Mitglieder der Opernsparte berichteten.

In die Kritik geraten: Staatstheater-Chef Peter Spuhler, hier 2018 mit Plänen für den Umbau des Hauses, werden schwere Mängel in der Amtsführung vorgeworfen. | Foto: jodo Foto: Jörg Donecker

Deren übereinstimmende Kernaussage war: Unter der von extremem Kontrollzwang geprägten Leitung sei weder künstlerisches Arbeiten noch Einbringen der eigenen Kreativität möglich. Statt dessen werde man systematisch zermürbt, indem man, oft in äußerst rüdem Tonfall, auf die Rolle als ausführende Kraft zur Erfüllung von Spuhlers Vorgaben reduziert werde.

Zahlreiche Angestellte bestätigen die Vorwürfe

Das Echo auf den Bericht war enorm. Über mehrere Tage hinweg kamen zahlreiche E-Mails von aktiven und ehemaligen Mitarbeitern des Theaters, die erklärten, alle Aussagen bestätigen zu können. Von der Theaterleitung kam bislang keinerlei Reaktion. Ebenso wenig von Spuhlers Dienstherren, dem Kunstministerium und der Stadt Karlsruhe, die nun vom Personalrat in einem offenen Brief zur Stellungnahme aufgefordert wurden.

Nur der ehemalige stellvertretende Operndirektor Achim Sieben, mittlerweile in Frankfurt tätig, meldete sich mit einem Leserbrief. Darin bedauert Sieben, dass der Text „sehr einseitig auf negative Beispiele konzentriert“ sei, statt auch die Erfolge des Hauses zu erwähnen, und kritisiert, dass sich „emotionale, persönliche Gründe mit strukturellen und künstlerischen Gründen“ mischten. Er weist aber keinen der Vorwürfe zurück.

Allen Anzeichen nach dürfte das auch nicht einfach sein. Spätestens seit dem offenen Brief des Personalrats sind die Missstände auch aus dem Haus heraus bestätigt. Das entspricht dem Bild aus ausführlichen Gesprächen, die sich aus den erwähnten Rückmeldungen betroffener Theaterleute mit den BNN ergaben. Die Berichte von rund 20 Personen zeichnen ein alarmierendes Bild von verheerenden Zuständen am Haus.

Kritik an permanentem Kontrolldruck am Badischen Staatstheater

Übereinstimmend bestätigen Mitarbeiter aus unterschiedlichen Sparten und Abteilungen, dass Spuhlers permanenter Kontrolldruck zu schier unerträglichen Arbeitsverhältnissen führe. Ganz besonders gelte dies für sein direktes Umfeld: Das sind zum einen die Spartenleitungen mit den Dramaturgie-Abteilungen, zum anderen die Abteilung für Kommunikation und Marketing, deren hausinternes Kürzel „Koma“ in diesem Kontext von bitterer Ironie ist.

Ich war schockiert, was an diesem Theater abgeht.
Michael Matt, Social-Media-Fachmann

„Ich war schockiert, was an diesem Theater abgeht“, sagt Michael Matt. Er war ab Herbst 2018 als Social Media Manager engagiert. „In eineinhalb Jahren, in denen ich da war, habe ich drei Abteilungsleiter erlebt. Die Leute sind regelmäßig den Tränen nahe, haben Angst und sind erschöpft.“ Arbeitszeiten würden regelmäßig überschritten, etwa indem verpflichtende Vorstellungsbesuche nicht als Arbeitszeit abgerechnet werden dürften.

Zwar sind Überstunden an Theatern nicht ungewöhnlich. „In einer Endprobenphase ist man schon bereit, bis zur erlaubten Obergrenze der 60-Stunden-Woche mitzugehen“, sagt ein Techniker. „Wir brennen ja alle für unsere Berufe und wollen, dass die Produktionen gut werden.“

Mindestens acht Personen verließen das Theater in Karlsruhe mit Burn-Out

Doch die Überlastung sei zum Dauerzustand geworden. „Schon in den ersten Amtsjahren von Spuhler sagte mir ein Dramaturg: ’Ich habe eine Teilzeitstelle und arbeite hier 200 Prozent’“, berichtet Barbara Kistner, Vorsitzende des Personalrats.

Sie weiß von mindestens acht Personen, die in Spuhlers neun Amtsjahren das Theater mit Burn-Out verlassen haben – aus leitenden künstlerischen Positionen, aber auch aus dem Vorzimmer des Theaterchefs.

Fuhr Spuhler gezielte Attacken gegen Einzelne?

Noch zermürbender als das schiere Arbeitspensum bei einem Chef, der permanente Erreichbarkeit einfordere und selbst mitten in der Nacht die sofortige Erledigung von Banalitäten verlange, sei der Umgangston Spuhlers.

Übereinstimmend berichtet wird von gezielten Attacken gegen Einzelpersonen. „Meistens pickt er sich für ein paar Wochen eine Person raus – und alle anderen ducken sich weg und hoffen, dass sie nicht als nächste dran sind“, so ein Beobachter. „Was hier passiert, das kann man sich von außen nicht vorstellen.“

Cholerische Anfälle seien ebenso die Regel wie die Unterstellung, man strenge sich nicht genug an. „Er gibt einem ständig das Gefühl, nicht zu genügen“, sagt eine ehemalige Marketing-Mitarbeiterin. „Das hat zur Folge, dass man bis zur Erschöpfung arbeitet, in der Hoffnung, mal etwas richtig zu machen.“

Viele schweigen aus Angst vor beruflichen Folgen

Michael Matt hat daraus seine Schlüsse gezogen: „Peter Spuhler hat mir das Theater so verleidet, dass ich die Branche gewechselt habe“, sagt er. Das unterscheidet ihn von den vielen anderen Gesprächspartnern, die ihre Namen nicht in der Zeitung lesen möchten.

Selbst ehemalige Mitarbeiter, die längst an anderen Häusern arbeiten, fürchten um ihre berufliche Zukunft. Der Grund liegt im Theatersystem: Der Normalvertrag Bühne, der für alle künstlerisch Beschäftigten gilt ist stets befristet. Daher herrscht die Sorge, in der eng vernetzten Theaterlandschaft als „Nestbeschmutzer“ isoliert zu werden.

Die erste Präsentation der Mediation war für ihn vernichtend.
Barbara Kistner, Vorsitzende des Personalrats

Trotz dieser Ängste traten Anzeichen einer Krise bereits 2015 zutage. Spuhlers Versuch, den damaligen Verwaltungsdirektor Michael Obermeier nach Stuttgart versetzen zu lassen, weil dieser ihm unbequem war, löste eine Protestwelle im Haus aus. Als salomonische Lösung wurde eine Mediation verordnet. „Wie Peter Spuhler die überstanden hat, weiß kein Mensch“, sagt Barbara Kistner. „Die erste Präsentation war für ihn vernichtend.“

Peter Spuhlers Vertrag läuft bis 2026

Doch mit jeder weiteren Vorlage sei das Ergebnis abgeschwächt worden. Bestätigt wird dies durch eine Mitarbeiter-Umfrage des Personalrats: Mehr als 50 Prozent der Befragten stuften die Atmosphäre am Haus als eher schlecht ein.

2018 wurde diese Umfrage dem Verwaltungsrat vorgelegt. 2019 verlängerte dieses Gremium Spuhlers Vertrag dennoch erneut um fünf Jahre. Er läuft nun bis 2026 – dem Vernehmen nach mit einem exorbitanten sechsstelligen Jahresgehalt.

Enge Vertraute in Leitungspositionen

Für Unmut sorgt auch, dass Spuhler enge Vertraute in Leitungspositionen setzt, um sich Rückhalt zu schaffen. Mehrere Gesprächspartner verweisen darauf, dass Ivica Fulir, der von Spuhler aus Heidelberg geholte Sanierungsbeauftragte, ohne Stellenausschreibung zum Technischen Direktor gemacht wurde.

Auch Fulir falle chronisch durch cholerische Ausbrüche auf, heißt es. „Mittlerweile hat Spuhler vielleicht noch eine Handvoll Leute, die hinter ihm steht – bei fast 800 Beschäftigten ist das kein guter Schnitt“, bemerkt ein Abteilungsleiter.

Ruf des Badischen Staatstheaters leidet

Die Folge: Das bereits zuvor auffällige Tempo des Personalkarussells nimmt weiter zu – und mit jedem, der geht, zieht die Kunde von den Zuständen in Karlsruhe weitere Kreise in der Theaterwelt.

„Es bewirbt sich schon fast niemand mehr bei uns“, heißt es aus einer technischen Abteilung. „In der Schauspielszene gibt es mittlerweile den Ausdruck ’gespuhlert werden’ – was bedeutet, im Erstengagement verheizt zu werden“, berichtet ein Ensemblemitglied.

Dass auch in den Ensembles eine hohe Fluktuation herrscht, wurde von Spuhler gern als Qualitätsbeweis gedeutet: Karlsruhe, so heißt es dann, sei ein Karrieresprungbrett. Tatsache ist, dass einigen echten Aufstiegen viele Abschiede an kleinere Theater, andere Branchen oder gar die Arbeitslosigkeit gegenüberstehen.

Die ganze Seele des Theaters bricht weg.
Statement aus dem Musiktheater, anonym

Zudem ist nicht zu übersehen, wie dieses Durchlauferhitzer-Prinzip das Haus künstlerisch schwächt, indem jede Kontinuität unterbunden wird. Besonders hart trifft dies nun die Opernsparte. Dort wird die Leitungsebene fast komplett neu besetzt, bis auf Direktorin Nicole Braunger – die dem Vernehmen nach nur deshalb geblieben ist, weil ihr selbst ein Aufhebungsvertrag verweigert wurde.

Es mache sich Resignation breit, war mehfach zu hören. „Die ganze Seele des Theaters bricht weg“, so eine Stimme aus dem Musiktheater. „Das macht uns große Sorgen.“

Spuhler war wichtig für Sanierungsprojekt

Das ist nachvollziehbar. Denn Spuhler mag ein passender Mann gewesen sein, um das 325-Millionen-Euro-Projekt der notwendigen Sanierung und Erweiterung voranzutreiben. Von seinen Fähigkeiten als überzeugender Kommunikator nach außen sprechen auch seine Kritiker mit Respekt.

Nur: Wenn 2029 ein neu gebautes Staatstheater mit Opern- und Schauspielhaus fertig ist, dann sollten dort auch immer noch gute Leute arbeiten, um ein attraktives Programm zu bieten.

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