Beobachter eines verheimlichten Massensterbens: Der Film "Mr. Jones" mit James Norton erinnert an die Hungerkatastrophe in der Ukraine unter Stalin. | Foto: Berlinale

Kontraste bei der Berlinale

Wie man zum Augenzeugen wird

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Jetzt hat auch die Berlinale ihren Frauenmörderfilm. In Cannes hatte im vergangenen Jahr Lars von Trier mit „The House That Jack Built“ so manche Zuschauer aus dem Saal getrieben, in Berlin stellte nun Fatih Akin deren Stand- bzw. Sitzfestigkeit auf die Probe. Seine Verfilmung von Heinz Strunks Roman „Der Goldene Handschuh“ handelt von dem wahren Kriminalfall des Hamburger Serienmörders Fritz Honka, der zwischen 1970 und 1974 vier Frauen getötet hat. Wobei das Grauen dieses Films nicht nur in der schonungslosen Darstellung der Morde liegt, sondern in der unentrinnbaren Trostlosigkeit des hier gezeigten Lebens.

Kaputte Existenzen

Die Gäste der titelgebenden Kneipe sind gescheiterte, kaputte Existenzen – der missgestaltete Hilfsarbeiter Honka konnte nur so lange unbemerkt morden, weil niemand seine Opfer vermisste. Es waren ältere, alleinstehende Frauen, sozial dermaßen abgestürzt und ausgestoßen, dass sie sich für Schnaps und eine Schlafstätte verkauften.

Lebenswillen im Elend

In diesem Film gibt es nichts Schönes. Doch es sei ihm darum gegangen, zu zeigen, wie sich der Mensch auch unter den schlimmsten Umständen ans Leben klammert, sagt Akin. Ob sich das aber wirklich vermittelt, wenn man als Kinozuschauer minutenlang zusehen muss, wie der von Jonas Dassler angemessen abstoßend gespielte Honka eine korpulente halbnackte Frau zu strangulieren versucht?

Der Zuschauer sitzt mit im Raum: Fatih Akins Film lässt dem Publikum ebenso wenig Fluchtmöglichkeiten aus der Trostlosigkeit wie seinen Figuren. | Foto: Berlinale

Wenig überraschend, dass der Film polarisiert: „Spiegel Online“ sprach von einem „Splatter-Kammerspiel“, der RBB sah das „erste große Ärgernis des Festivals“, die „FAZ“ nannte den Frauenhass im Film „schmerzhaft“, „hoch problematisch“ und „auch kontextlos“. Der Berliner „Tagesspiegel“ dagegen befand, der Film sei „gelungen düster“.

Millionenfaches Sterben

So furchtbar Honkas Taten sind, sie verblassen vor dem Massenmord, an den der Film „Mr. Jones“ erinnert. Der Wettbewerbsbeitrag der polnischen Regisseurin Angnieszka Holland („Hitlerjunge Salomon“), handelt von der Hungerskatastrophe in der Ukraine in den 30er Jahren, als der Fünf-Jahres-Plan des Stalin-Regimes Millionen Menschen den Tod brachte.

Erinnerung an Stalin-Opfer

Erzählt wird, wie der junge britische Reporter Gareth Jones 1933 heimlich in die Ukraine reist, um die offiziellen Lobgesänge auf das Bauernparadies Sowjetunion zu überprüfen. Was er dort erlebt, übersteigt seine schlimmsten Befürchtungen. Und obwohl Hollands Film sich fast durchweg an massentaugliche Kino-Ästhetik hält und den Horror nur sehr ausschnitthaft schildert, enthält auch dieser Film Bilder, die einen verfolgen.

Einschneidende Bilder

Einmal beobachtet Jones, wie zwei Männer stoisch einen Pferdewagen voller Leichen aus einem Dorf ziehen. Am Wegesrand liegt die Leiche einer offenbar gerade gestorbenen Frau, daneben ihr noch schreiendes Baby im Tragekorb. Die Männer halten an, werfen beide Körper auf den Wagen und setzen ihren Weg fort. Die Szene endet mit dem Blick auf Jones, der fassungslos im Schnee steht, unfähig, den Moment mit seiner Fotokamera festzuhalten.

Zuschauer als Augenzeuge

Dieses Bild markiert, wie unterschiedlich diese beiden Filmen von furchtbarem Grauen erzählen, das Menschen einander zugefügt haben. „Mr. Jones“ führt durch die Figur eines Augenzeugen an die Ereignisse heran und lässt diesen Augenzeugen, stellvertretend für das Publikum, an seine Belastungsgrenzen stoßen „Der goldene Handschuh“ hingegen zwingt das Publikum selbst zur Augenzeugenschaft. Indem der Film in langen Einstellungen gedreht ist und viele Szenen in Honkas enger, schäbiger Wohnung spielen, fühlt man sich als Zuschauer mit in diese Räume gezwängt und muss selbst entscheiden, ob und wann man nicht mehr hinsehen oder -hören will.

Zur Geisterbahn reduziert

Wohlwollend könnte man dies als Verzicht auf eine moralische Bevormundung deuten. Und natürlich hat Akin recht, wenn er sagt, solche Taten könne man nicht erklären. Doch der Verzicht auf jeden Kontext und jede Alternative reduziert den Film zur Geisterbahn.

Verantwortung des Beobachtens

„Mr Jones“ erklärt auch nicht psychologisch, was in Menschen vorgeht, die ihre gestorbenen Familienmitglieder essen, um zu überleben. Aber er erzählt nachdrücklich von der Verantwortung des Beobachtens und Handelns. Denn der Film thematisiert nicht nur die Hungerkatastrophe. Er zeigt auch, wie Jones‘ Berichte im Westen aus egoistischen, ideologischen und wirtschaftlichen Gründen als pure Erfindung diskreditiert werden. Als Mahnung an die Fehlbarkeit politischer Einschätzungen – auf Stalin ruhten in Zeiten der Weltwirtschaftskrise viele Hoffnungen in Europa, während Hitler nicht ernst genommen wurde – ist „Mr. Jones“ aufwühlend aktuell.