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Wilde Möhre, Falsche Kamille, Bitterkraut

Kunsthalle Karlsruhe startet mit „Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst“ ins Eröffnungswochenende

Die große Abschiedsschau vor der Sanierung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe „Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst“ zeigt 177 Werke vom Mittelalter bis heute.

In der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe wird das Werk "Pflanzen dichten" von Gerda Steiner und Jörg Lenzlinger aus dem Jahr 2021 gezeigt. Foto: Uli Deck Uli Deck/dpa

„Haus mit Garten, einzigartige Gelegenheit“ heißt eine Fotoarbeit des finnischen Künstlers Illka Halso. Doch befindet sich das Haus nicht an Stadtrand oder an einem anderen idyllischen Ort, sondern wird in einem riesigen Warenlager angeboten.

„Es ist typisch für die Menschen, die Natur zu formen und sein Handeln mit den ästhetischen und ökonomischen Ansprüchen zu rechtfertigen“, heißt es auf der Homepage des Künstlers.

Aber die Natur könne nicht alles ertragen, fährt er fort. Indem Halso in seinen Fotomontagen die Natur als praktisch verpackte Module darstellt, schuf er vor zehn Jahren eine Zukunftsvision, die heute schon gar nicht mehr schockiert.

Das Thema Natur ist nicht nur brandaktuell, es wächst uns von außen zu.
Pia Müller-Tamm, Direktorin Kunsthalle Karlsruhe

Die große Abschiedsschau vor der Sanierung der Kunsthalle „Inventing Nature – Pflanzen in der Kunst“ zeigt 177 Werke vom Mittelalter bis heute. „Das Thema Natur ist nicht nur brandaktuell, es wächst uns von außen zu“, sagt Pia Müller-Tamm, die Direktorin der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe.

Wie auch schon die Ausstellungen „State and Nature“ in der Kunsthalle Baden-Baden oder „Critical Zones“ im ZKM deutlich gemacht haben, ist das Verhältnis des Menschen zur Natur zu einem zentralen Topos der Kunst geworden.

Die Kunsthalle Karlsruhe stellt dieses Phänomen in einen historischen Rahmen. Die Kuratorin Kirsten Claudia Voigt brachte alte und neue Kunst in spannungsvolle Gegenüberstellungen. Doch geht es ihr bei denen Paarungen weniger um formale Korrespondenzen, sondern um inhaltliche Akzentverschiebungen.

Fotografien aus der Gegend um Tschernobyl

Wie Fremdkörper wirken zunächst die dokumentarischen Schwarzweißfotografien von Volker Kreidler. Sie zeigen von der umgebenden Vegetation zugewucherte moderne Wohnblöcke der Stadt Prypjat, die unweit des Atomreaktors Tschernobyl liegt.

Sie wurde nach dem Reaktorunfall 1986 geräumt. Die Natur hat sich – wenn auch genmutiert – ihren Raum zurückerobert. Das in der Galerie benachbarte Relief von Jean-Baptiste Carpeaux hingegen feierte die Regenerationskraft der Natur lustvoll und ungebrochen in Form eines üppigen Frauenakts.

Solche Dialoge schlagen den Bogen über große Zeitspannen. Nachdenklich macht die Paarung von William Kentridges Linolschnitt „Walking Man“ und einem Heiligen Sebastian von Martin Schongauer aus dem 15. Jahrhundert.

Während der trotz erlittener Folter unversehrte Märtyrer von Ästen umfangen in die Ewigkeit eingeht, schleppt der gehende Mann des südafrikanischen Künstlers anstatt des Kopfes eine ausufernde Baumkrone mit sich.

Falsches Ranken und eine seltsame Papaya

Teil des Ausstellungskonzepts ist die botanische Bestimmung von auf Kunstwerken dargestellten Pflanzen. Martin Schongauer etwa ließ für eine Initiale den Akanthus ranken, obwohl er gar nicht rankt. Und Georg Dionysius Ehret, einst Gärtner Karl Wilhelms von Baden-Durlach, zeichnete eine Papaya-Pflanze, bei der fälschlicherweise die Früchte an Stengeln wachsen.

Damals lebte Ehret in England, wo seine Expertise als Botaniker und Künstler geschätzt wurde. Für seinen Fehler ist er jedoch nicht haftbar zu machen, denn in Europa gelang es erst nach seinem Tod Früchte einer Papaya zu ziehen, die direkt am Stamm wachsen.

Manche der zeitgenössischen Werke sprengen solche Betrachtungen und Vergleiche. Susanne Kriemann beschäftigt sich seit Jahren mit radioaktivem Gestein. Ihre Recherchen führten sie nach Thüringen, wo zu DDR-Zeiten die Wismut-AG in großem Maßstab für die Sowjetunion Uran abbaute. Noch heute ist der Boden kontaminiert. Zusammen mit Wissenschaftlern der Universität Jena untersuchte sie Pflanzen, die Verunreinigungen aus verseuchten Böden absorbieren können.

Die Zerstörung der Natur wahrnehmen

Daraus entstand „Wilde Möhre, Falsche Kamille, Bitterkraut“, ein großformatiges Fotogramm der Pflanzen. Die Professorin für Fotografie der HfG Karlsruhe stellte zudem aus den getrockneten Pflanzen und der Erde Pigmente her, die sie für Siebdrucke verwendete. Das vergängliche Material wird verschwinden, radioaktive Teilchen bleiben als schwarze Punkte zurück.

Solche Studien erhellen, dass fundamentale Dinge, die unser Leben betreffen, nicht leicht in Worte zu fassen ist. Es geht darum, die Zerstörung der Natur, an die wir uns gewöhnt haben, als solche wahrzunehmen.

Julian Charrière griff zu drastischen Bildern. Der Künstler montierte Filmaufnahmen von Rodungen majestätischer Bäume aneinander. Aus dem Off splittert es und kracht, und die zarten und wilden Blumenstillleben, die in Pflanzen verwandelten Nymphen oder floralen Ornamente, die in der Ausstellung gezeigt werden, sind in diesem Moment wie pulverisiert.

Service

Bis zum 31. Oktober. Eröffnungswochenende am 24. / 25. Juli bei freiem Eintritt, Samstag und Sonntag 10 bis 20 Uhr. – Parallel zu „Inventing Nature“ wird die Kinder-Schau „Iss mich! Obst und Gemüse in der Kunst“ gezeigt, ebenfalls im Hauptgebäude der Kunsthalle. Zahlreiche Kurzführungen und Programmpunkte unter www.kunsthalle-karlsruhe.de/kalender

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