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Verbindung nach Karlsruhe

Legendäre „Vater und Sohn”-Bildgeschichten kehren zurück

Mit seinen „Vater und Sohn”-Geschichten war e.o. plauen überaus erfolgreich. Die Nazis hatten ihn im Visier. 1944 nahm er sich im Gefängnis das Leben. Seine Witwe Marigard Bantzer lebte bis zu ihrem Tod in Karlsruhe.

Ein Bronzedenkmal vor dem Erich-Ohser-Haus in Plauen erinnert an die „Vater und Sohn”-Geschichten des Zeichners Erich Ohser (1903-1944). Foto: Stadt Plauen/Philipp Reclam jun.

Erich Kästner war begeistert: „Man kommt aus dem Lachen nicht raus,“ schrieb er Anfang der 1930er-Jahre seinem Freund Erich Ohser. Beide hatten in Dresden einen Skandal ausgelöst, beide hatten sich in Berlin etabliert – Kästner als Literat, Ohser als Zeichner. Beide standen im Visier der Nazis: Kästners Bücher wurden verbrannt, Ohser konnte nicht mehr als Pressezeichner arbeiten.

Rettung kam vom Ullstein-Verlag. Der wollte in der „Berliner Illustrirten Zeitung“ eine Comic-Serie starten. 35 Künstler unterbreiten Vorschläge – keiner überzeugt. Da kommt Ohser, schlägt Geschichten mit einem pummeligen Vater und einem gewitzten kleinen Sohn vor und findet rasch Anklang. 1934 erscheint die erste Bilderfolge. Jede Woche ging das so. Fortan kam nicht nur Kästner aus dem Lachen nicht mehr raus.

Die heiteren Episoden waren ein Erfolg, waren beliebt und haben immer wieder neue Freunde gefunden. Und so bringt jetzt der Reclam-Verlag die Neuauflage eines Bandes mit 150 Streichen und Abenteuern des ungleichen Paares heraus. Den Namen des Zeichners sucht man dort – zumindest auf dem Bucheinband– vergebens: „e.o. plauen“ steht da.

Nur unter diesem Pseudonym war es Erich Ohser erlaubt, seine Bildgeschichten zu publizieren. Der Künstler ergänzte einfach die Initialen seines Namens mit dem Namen seiner Geburtsstadt. Dort gibt es seit 1993 ein Museum, das sich dem Werk des Künstlers widmet und das seit 2010 über ein eigenes Haus im Herzen der Stadt verfügt.

Von Plauen führt eine Spur nach Karlsruhe. Zwar ist die Dauerausstellung auf die – kurze – Lebensspanne des Zeichners begrenzt, aber: „Wir haben auch Arbeiten von Marigard Bantzer“, erklärt Delia Kottmann, die neue wissenschaftliche Leiterin des Erich-Ohser-Hauses und Vorstand der e.o.plauen-Stiftung. Marigard Bantzer (1905 bis 1999) war seit 1930 mit dem Zeichner verheiratet, ein Jahr später kam Christian zur Welt, Vorbild für den kleinen Kerl mit dem Wuschelkopf, der durch die „Vater und Sohn“-Geschichten weltberühmt werden sollte. Seine Mutter lebte nach dem Krieg fast ein halbes Jahrhundert in Karlsruhe.

Christian Ohser hat sie hier oft besucht. In der Virchowstraße, wo Marigard Bantzer mit ihrem zweiten Ehemann, Heinrich Klumbies eine Wohnung hatte, stand ein Bauernschrank aus der Zeit, als die Welt noch einigermaßen in Ordnung war. Nicht mehr lange: Nach der Machtergreifung der NSDAP führte die Familie ein Leben auf dem Pulverfass. Während der Weimarer Republik hatte Ohser die Nationalsozialisten und ihren „Gröfaz“ (Größten Führer aller Zeiten) kräftig aufs Korn genommen. Jetzt bedrohten sie Ohsers Existenz. Umso erstaunlicher, wie scheinbar unbeschwert e.o. plauens Zeichnungen für die „Berliner Illustrirte“ daherkommen.

„Fußball” nannte Erich Ohser alias e.o.plauen diese Folge seiner „Vater und Sohn”-Geschichten, die jetzt wieder aufgelegt wurden. Foto: Philipp Reclam jun.

Da verschüttet der Sohn Tinte auf dem Teppich, der erzürnte Vater will schon zur Züchtigung schreiten, doch als er sieht, wie das Kind den Klecks in einen Löwen verwandelt, ist er gerührt und malt mit, bis der Teppich mit Tierornamenten bedeckt ist. Im sechsten Bild betrachten beide selig ihr Werk. Titel dieser Folge: „Kunst bringt Gunst“.

Oder „Fußball“: Vater und Sohn kicken auf der Straße, ein Kanaldeckel ist offen, prompt fällt der Ball in das Loch; um ihn zu holen, steigt Papachen in den Schacht, doch als er sich wieder nach oben begibt, hält der Sohn den runden Glatzkopf für den verlorenen Fußball und tritt mit Schmackes dagegen – peng, Papa hat eine Beule. Tränen fließen, und was macht der lädierte Vater? Er nimmt sein trauriges Kind in den Arm und tröstet es.

Das ist ein Grundzug von e.o. plauens Bildgeschichten: der liebevolle Umgang des Vaters mit dem Sohn. Ein weiteres wichtiges Merkmal liegt in der unverkennbaren Distanz zum kriegerisch-fanatischen Zeitgeist des sogenannten Dritten Reichs. Ohser alias e.o.plauen schildert nachsichtig die kleinen Schwächen der Menschen oder erzählt vom Scheitern im Alltag. Damit ist er meilenweit entfernt von der„Flink wie Windhunde, zäh wie Leder, hart wie Kruppstahl“-Ideologie, wie sie Adolf Hitler etwa auf dem Nürnberger Parteitag 1935 propagierte.

Dann ließ sich Ohser doch noch von den Braunherren in Dienstnehmen. 1940 wurde ihm die Mitarbeit an der Zeitschrift „Das Reich“ angetragen, einem Prestigeprojekt des Propagandaministers Joseph Goebbels. Der Zeichner fertigte bitterböse Karikaturen über die Alliierten, die er auf der einen Seite als geldgierige Kapitalisten, auf der anderen als blutrünstige Kommunisten darstellte.

„Innerlich nach wie vor ein entschiedener Verächter des Nationalsozialismus und zunehmend illusionslos über den Krieg, geriet diese Gratwanderung zur Zerreißprobe mit am Ende tödlichem Ausgang.“ Die gefährliche Liaison endete damit, dass Ohser und sein Freund, der Journalist und Schlagertexter („Heimat, Deine Sterne“) Erich Knauf, wegen politischer Witze denunziert wurden. Knauf wurde am 2. Mai 1944 enthauptet. Ohser hatte sich bereits Anfang April in der Nacht vor seinem Prozess erhängt – noch bevor ihn der Richter Roland Freisler demütigen konnte, wie er es schon mehrfach praktiziert hatte.

Marigard Bantzer, verheiratete Ohser und ihr Sohn Christian waren zu der Zeit bereits in Sicherheit. Sie hatten bei Freunden in Reichenbach an der Fils Zuflucht gefunden. Christian Ohser wurde später Geschäftsmann, wobei er Deutschland den Rücken kehrte.

Seine Mutter heiratete den Maler Heinrich Klumbies, den sie noch aus ihren Berliner Jahren kannte, und lebte bis zu ihrem Tod am 3. Juli 1999 in Karlsruhe. 94 Jahre wurde sie alt, wobei sie, die sich als Kinderbuch-Illustratorin einen Namen gemacht hatte, zuletzt mehr und mehr in ihren Erinnerungen an die Kindheit als Tochter des seinerzeit überaus renommierten Malers Carl Bantzer zuhause war.

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