Meilenstein der Kinogeschichte: Vor 100 Jahren kam Robert Wienes Film "Das Cabinet des Dr. Caligari" heraus, der nun zur Eröffnung des 18. Karlsruher Stummfilmfestivals in einer restaurierten Fassung gezeigt wurde. | Foto: F.W. Murnau Stiftung

100 Jahre „Caligari“

Renommierte Live-Musiker beim Stummfilmfestival Karlsruhe

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Energisch schreitet der unheimliche Finsterling dem Publikum entgegen. Beim Gang durch eine verwinkelte Gasse scheint der mysteriöse Dr. Caligari ins Monströse zu wachsen, wozu nicht nur die verzerrte Perspektive des Szenenbilds beiträgt, sondern auch die Musik: Aggressive Rhythmen am Klavier und unaufhaltsames Klappern am Schlagzeug untermalen die Szene des Filmklassikers „Das Cabinet des Dr. Caligari“. Zum 100-jährigen Bestehen dieses Klassikers von 1920 widmet sich das Karlsruher Stummfilmfestival dem „Kino in deutscher Umbruchzeit“.

„Einen guten Film kann man immer wieder begleiten“, sagt der Pianist Stephen Horne vor der Vorstellung im BNN-Gespräch. Und fügt schmunzelnd hinzu: „Auch wenn es handwerklich die größere Herausforderung wäre, einen schlechten Film so zu untermalen, dass er für die Zuschauer erträglich wird.“

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Meilenstein der Filmkunst

Dieses Problem stellt sich dem renommierten Stummfilmpianisten aus London und seinem Freiburger Kollegen Frank Bockius am Schlagzeug an diesem Abend nicht: „Das Cabinet des Dr. Caligari“ von Regisseur Robert Wiene, ein sowohl märchenhafter wie auch gesellschaftskritischer Horrorfilm um einen mordenden Schlafwandler und dessen teuflischen Gebieter, ist ein Meilenstein der Filmkunst.

Zur Eröffnung der 18. Ausgabe des Karlsruher Festivals ermöglichte nun eine digital restaurierte Version ein Wiedersehen, das durch die Livemusik noch eindrucksvoller wird. Denn Horne und Bockius agieren derart präzise auf die Szenen abgestimmt, dass man versucht ist, nach den Notenblättern auf dem Flügel zu suchen. Doch die Musik wird live improvisiert.

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Improvisationen passen präzise

„Wir sprechen vorab einige Ideen ab, aber was wir spielen, passiert im Moment“, erklären die beiden Musiker, die bereits seit rund zehn Jahren regelmäßig zusammen agieren – unter anderem beim wohl bedeutendsten europäischen Stummfilmfestival „Il Cinema Ritrovato“ in Bologna. Ihr Zusammenspiel beim „Caligari“ wirkt derart organisch und homogen, als sei es mit der Filmspur verwachsen.

Die faszinierende Vielfalt reicht von der schwirrenden Vertonung einer albtraumhaften Szene, in der sich der Mörder langsam durch einen großen Raum auf eine schlafende junge Frau im Bildvordergrund zubewegt, bis zum ruppigen Kirmeswalzer in den Jahrmarktszenen, bei dem Horne Akkordeon und Klavier gleichzeitig bedient. An anderen Stellen kommen auch Querflöte und Perkussion ins Spiel – das Duo musiziert während der rund 80 Filmminuten wie im Fluss.

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Faszination ist ungebrochen

Der starke Besuch der Eröffnung im Stephanssaal zeigt, dass solche Veranstaltungen auch im Zeitalter des Filmkonsums auf Smartphones eine ungebrochene Faszination ausüben. Ein Grund dafür ist laut Horne: „Stummfilm ist als Genre einzigartig. Er ist ein gutes Beispiel dafür, wie aus der technischen Beschränkung, keinen Ton aufnehmen zu können, etwas Schönes erwachsen kann.“

Aufführungen haben für ihn etwas Opernhaftes: „Es ist wie eine Heirat zwischen Musik und visuellem Erzählen.“ Wie viele Facetten es in dieser „Ehe“ gibt, lässt sich noch an drei Tagen erleben. Die meisten dieser zehn Filme werden am Klavier begleitet. Doch zum Abschluss des Festivals, das der Verein Dejà-Vu in Kooperation mit der Kinemathek und dem Roncalli-Forum veranstaltet, gibt es am Samstag ein Filmkonzert zu Buster Keatons „Der General“ (1926).

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