Kent Nagano + Mari Kodama
Kent Nagano und seine Frau Mari Kodama. | Foto: Georg Wendt

Mit allen Sinnen

Mari Kodama auch in der Küche virtuos

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Postignano (dpa) – Wenn in der kleinen umbrischen Gemeinde Postignano an diesem Donnerstag das Festival «Tra Luce & Sogno» («Zwischen Licht und Traum») Premiere hat, ist die Tafel nicht nur für Musikliebhaber angerichtet.

Das Dinner nach dem Konzert in der kleinen Kapelle gehört für Gäste genauso dazu wie die Weinverkostung, der Cocktail-Empfang oder der Ausflug ins nicht weit entfernte Spoleto. Als der Pianistin Mari Kodama die Idee für das Festival an diesem faszinierenden Ort kam, hätte man sich denken können, dass es nicht bei musikalischen Genüssen bleiben wird. Denn die aus Japan stammende Weltbürgerin ist selbst eine leidenschaftliche Köchin und empfiehlt auf ihrer Website Rezepte.

Mari Kodama, Ehefrau des Dirigenten Kent Nagano, stammt aus Osaka und wuchs in Düsseldorf und Paris auf. Sie studierte in Paris und arbeitete mit berühmten Pianisten wie Alfred Brendel. Seit ihrem New Yorker Rezital-Debüt in der Carnegie Hall 1995 ist sie bei Orchestern in aller Welt zu Gast. Sie gilt als Spezialistin für Beethoven und tritt oft gemeinsam mit ihrer Schwester Momo Kodama (Klavier) auf. Unlängst waren beide auf Schloss Elmau in Bayern zu erleben – mit Mozart und Strawinsky. Nach Postignano folgen 2018 noch Auftritte in Frankreich, Kanada und Japan. Ab Herbst nimmt sie eine Art Auszeit vom Konzertbetrieb und studiert neue Werke ein.

Die Liebe zum Kochen hat sie von ihrer Großmutter und ihrer Mutter geerbt. «Zur japanischen Kultur gehört der Respekt vor der Natur, aber auch der Respekt vor einem guten Essen. Die Nahrungsmittel sollen aus der jeweiligen Region stammen und der Saison entsprechen. Alles muss frisch zubereitet und liebevoll angerichtet sein, um damit Menschen glücklich zu machen», beschreibt sie das Credo. In ihrer Familie habe man immer einfach gekocht, aber stets mit viel Sorgfalt: «Das habe ich als Kind gar nicht so gemerkt. Aber wir haben immer ziemlich gut gegessen. Auch die abendlichen Essen sind mir als fröhliches Ereignis in Erinnerung.»

Die Zunge als wichtiger Teil des Geschmacksinns brauche Erfahrung, sagt Mari Kodama. Auch kulinarischer Genuss will gelernt sein. Sie ist überzeugt davon, dass Kochen eine Kunst ist. Verbindungen zur Musik gebe es genügend. In beiden Fälle brauche man Sorgfalt, Inspiration, Präzision und nicht zuletzt Improvisationsvermögen: «Beim Kochen ist das Material entscheidend, genau wie die Noten in der Musik. Auch beim Kochen muss man ein bisschen interpretieren», weiß die Musikerin. Auf Tourneen wähle sie fast immer lokale Gerichte: «Das ist schon zum Verständnis der Kultur notwendig. Außerdem schmeckt lokale Küche meist am besten.»

Dennoch gibt es für Mari Kodama auch so etwas wie ein kulinarisches Heimweh: «Ich bin mit einer leichten Kost aufgewachsen. Ein paar Mal im Monat muss es bei mir japanische Küche sein.» Die Zubereitung von Speisen sei eine regelrechte Philosophie: «Wie bei Musik kommen Menschen zum Essen zusammen und teilen etwas miteinander. Es geht nicht darum, etwas Teures für Gäste zu kochen, um Gourmet-Küche. Das Essen ist für mich eine Form, Respekt vor Menschen auszudrücken.»

Auch in Postignano dürfte opulent getafelt werden. «Man muss diesen Ort in vollem Umfang genießen können», sagt Kodama und verweist auf die besondere Geschichte des Ortes. Das mittelalterliche Dorf mit seinem burgartigen und wehrhaften Castello lag viele Jahre in einem Dornröschen-Schlaf versunken und wurde erst in jüngerer Zeit liebevoll reanimiert. «Da ist echtes Leben zu spüren, nichts Künstliches. Alles wurde auf eine sehr feine Art wiederhergestellt, alles dort ist bodenständig. Der Architekt liebt Musik und hat auch eine kleine Kapelle restauriert», erzählt Kodama und schwärmt von der Akustik. So sei die Idee für das Festival entstanden.

Deutschland ist in Postignano mit drei Künstlern vertreten: Bariton Christian Gerhaher, Pianist Gerold Huber und Bratscher Hartmut Rohde. Für Huber ist es eine Doppelpremiere: Denn er spielt am Sonntag auch erstmals mit Mari Kodama zusammen. Als Italien-Fan kennt sich der 49-Jährige in der Gegend aus, obwohl er noch nie in Postignano war. «Schon am Titel habe ich gemerkt, dass das Festival etwas Besonderes wird.» Ohnehin mag Huber eher die kleinen Musikfeste mit der großen Nähe zum Publikum: «Das gehört zu einem kleinen Festival dazu, dass man nicht genau weiß, was auf einen zukommt.»

«Ich finde es wunderschön, dass Künstler dort für eine Woche zusammenkommen, proben und dann ihre Freude mit dem Publikum teilen», betont Mari Kodama. Postignano werde für ein paar Tage ein sehr internationaler Ort. Denn nicht nur Einheimische würden zu den Konzerten kommen, sondern auch Musikfreunde aus den USA, Deutschland oder Großbritannien. Als Künstlerische Leiterin des Festivals sieht Kodama die völkerverbindende Kraft der Musik. Deshalb will sie die Programme von Postignano, darunter Konzerte unter anderem mit jüdischer Musik auch in Nordamerika und Asien vorstellen – praktisch ein Festival auf drei Kontinenten – Weltküche eben.