Was wird aus ihnen werden? Mit dem Serienfinale von "Game of Thrones" steht auch Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) und Jon Schnee (Kit Harrington) die letzte Begegnung bevor.| | Foto: Handout/Sky/dpa

Massive Kritik vor dem Finale

Warum „Game of Thrones“ so viele Fans enttäuscht

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Zur erfolgreichsten TV-Serie der Gegenwart ist „Game of Thrones“ unter anderem dadurch geworden, dass die Handlung immer wieder überraschende Wendungen nahm. Kurz vor der allerletzten Folge, die in der Nacht zum kommenden Montag (20. Mai) veröffentlicht wird, ist allerdings eine Wendung eingetreten, die von den Serienmachern Daniel Benioff und D. B. Weiss wohl nicht geplant war. Denn diese Wendung betrifft die Serie selbst, die plötzlich massive Zuschauerkritik hinnehmen muss. Bisheriger Gipfel der Eskalation ist eine Online-Petition, die eine neue Abschluss-Staffel fordert – und zwar eine, „die Sinn ergibt“. Um zu verstehen, wie es zu diesem Absturz kommen konnte, muss man auf Details der Handlung schauen. Daher kann dieser Text nicht ohne einige Spoiler zur achten Staffel auskommen.

Hohe Erwartungen, tiefe Enttäuschung

Zunächst aber mal ist zu sagen: Tiefe Enttäuschung kann nur entstehen, wo sehr hohe Erwartungen aufgebaut worden sind. Das ist Benioff und Weiss zweifellos gelungen, allerdings nicht ganz auf eigene Faust. Dass „Game of Thrones“ fünf Staffeln lang auf einem Niveau spielte, das andere Serien höchsten drei Staffeln lang durchhalten, lag an der Vorlage. Die Story wurde nicht von „Showrunnern“ im Dienst eines Fernseh- oder Streamingkonzerns erdacht, um je nach Quotenerfolg in die Länge gezogen zu werden, sondern beruhte auf bereits vorliegenden Romanen. Und so wie Peter Jackson bei der filmischen Komprimierung des „Herrn der Ringe“ einen Meilenstein schuf, so definierten Benioff und Weiss in den ersten fünf Staffeln das serielle Erzählen neu.

Viel Handlung, keine Erzählung

Doch den erwähnten Peter Jackson kann man ebenso heranziehen als abschreckendes Beispiel dafür, was passiert, wenn effektversessene Filmemacher keinen ausformulierten Stoff adaptieren, sondern vorliegende „plot points“ selbst ausformulieren müssen. Als er den schmalen „Hobbit“-Roman zu einer Trilogie aufplusterte, kam nur unsinnige Action ohne jegliche Figurentiefe heraus.

Daraus hätte man lernen können: Schon Peter Jackson verhob sich mit „Der Hobbit“ an dem Versuch, eine dünne Handlung zu strecken statt dicht erzählte Romane zu komprimieren. | | Foto: dpa

Bei „Game of Thrones“ gab es ein ähnliches Phänomen. Ab Staffel sechs bestätigte sich, welch wichtige Basis die fertigen Romane waren. Denn seit diesem Punkt musste die Serie auf eigenen Füßen weitermarschieren, weil Martin mit dem sechsten Buch einfach nicht fertig wurde (angeblich ist es immer noch nicht abgeschlossen). Prompt gibt es seitdem zwar viel Handlung, aber keine richtige Erzählung mehr.

Keine Wege in die Tiefe

Je näher die Serie dem großen Showdown kam, um so offensichtlicher wurde, dass Benioff und Weiss mit Martin wohl abgestimmt haben, welche Figur wann und wo welche Funktion erfüllen soll. Tiefe aber haben die Charaktere immer auf den Wegen zwischen diesen „plot points“ gewonnen. Doch diese Wege sind fast komplett weggefallen. Und das nicht nur erzählerisch, sondern auch geografisch: Einst brauchte die Armee des Nordens zwei Serienstaffeln, um gegen die Hauptstadt Königsmund zu marschieren. Mittlerweile bewältigen die Figuren diese Strecke innerhalb einer Folge. Und müssen dafür nicht einmal auf Drachen fliegen.

Achtung: Ab jetzt Spoiler zur achten Staffel

Warnung: Nun kommen wir zum nicht mehr spoilerfreien Teil dieses Artikels, den man nicht lesen sollte, falls man die achte Staffel noch mit einer gewissen Spannung sehen möchte.

Doppelbödige Dialoge waren seine Stärke, doch die gibt es in der achten Staffel kaum noch: Tyrion Lannister (Peter Dinklage). | Foto: Helen Sloan/HBO/Sky/dpa

Der Hauptgrund für den großen Unmut der Fans dürfte sein, dass die benannten Defizite in der letzten Staffel überhand genommen haben. Früher umkreisten sich die Figuren lauernd und verbargen ihre wahren Absichten in doppelbödigen Dialogen. Nun hat jeder Charakter gefühlt nur noch zwei Sätze, die er in jeder Folge wiederholt, um seine Grundhaltung kundzutun – falls die Autoren ihn nicht gleich lieblos über die Drehbuchklinge springen lassen. Einst waren die bestürzenden Tode von Sympathieträgern ein „unique selling point“ der Serie. Nun wird nur noch nach schlichtesten Hollywoodmustern exekutiert.

Ein Schockmoment, der aber erzählerisch vorbereitet war und weitreichende Folgen hatte: Am Ende der ersten Staffel wartete auf Ed Stark (Sean Bean) die Hinrichtung. | Foto: dpa

Ganz fatale Folgen hatte dieses Abhaken einer To-Do- (bzw. To-Kill-)Liste bei jener Wendung, die wohl ein zentrales Merkmal der Serie krönen sollte, aber bei vielen Fans das Fass der Frustration überlaufen ließ: die Entwicklung von Thronanwärterin Daenerys Targaryen (Emilia Clarke). Einst lag die Stärke der Serie darin, dass die Figuren sich entwickeln und unerwartete Facetten zeigen durften. Schurkische Charaktere bekamen heldenhafte oder tragische Momente und umgekehrt. Denn wie kaum eine andere Serie nutzte „Game of Thrones“ das Potenzial langer Erzählbögen, um darzustellen, wie falsch man liegen kann, wenn man jemanden nach nur einem kurzen Eindruck oder nur einer Situation beurteilt.

Verlust einer Identifikationsfigur

Daher passt es zwar zum Grundgedanken der Geschichte, wenn die lange Zeit als idealistische Freiheitskämpferin agierende Danaerys nun, tief verbittert nach vielen Verlusten, zur rasenden Amokläuferin wird. Warum also die massive Entrüstung vieler Zuschauer? Wohl weil Daenerys jene Identifikationsfigur war, der die meisten Fans die Rolle einer „guten“ Herrscherin zutrauten. Letztlich aber bricht bei ihr jene blinde Zerstörungswut aus, für die ihr wahnsinniger Vater einst ermordet wurde und die sie sieben Staffeln lang vehement von sich gewiesen hat. Das ist eine Ent-Täuschung im wahrsten Wortsinn.

Ihr Potenzial zur „guten“ Herrscherin machte Daenerys Targaryen (Emilia Clarke) zur Identifikationsfigur. | Foto: HBO/Sky/tsch

Diese Wirkung entsteht vor allem, weil hier die Logik dem Überraschungsmoment geopfert wird. Daenerys’ Sturz in den Wahnsinn kommt derart plötzlich, dass diese Wendung nicht aus dem bisherigen Weg der Figur entsteht, sondern diesen bisherigen Weg einfach ausradiert. Genau so ist es seit Beginn der achten Staffel vielen der lang aufgebauten Spannungsbögen und Konfliktlinien gegangen. Das weckt den Verdacht, dass den Machern nun endgültig die erzählerische Puste ausgegangen ist.

Steht die größte Pointe noch aus?

Es könnte aber auch darauf hinweisen, dass die größte Pointe noch aussteht. Möglicherweise steckt ein langfristiger und hinterhältiger Plan hinter der Entscheidung, die Serie nicht nach der Romanreihe zu benennen. Dann hieße sie „A Song of Ice and Fire“, doch sie heißt „Game of Thrones“. Die vorletzte Folge hat schon jegliche Illusion über Heldentum zerstört. Das nun anstehende Finale könnte auch noch jegliche Illusion einer „gerechten“ Herrschaft zerstören und zeigen, dass es in diesem Spiel um den Thron nur Verlierer geben kann.

Die Preview zur letzten Folge verrät zwar (wie immer) nichts. Aber vielleicht liegt die letzte und ultimative Wendung, die Benioff und Weiss diesem Spiel geben, darin, dass sie das Spielbrett komplett umwerfen und sich beim Zieleinlauf vor Bertolt Brecht verbeugen. In dessen „Leben des Galilei“ antwortet der unheldische Titelheld auf den Vorwurf „Unglücklich das Land, das keine Helden hat“ mit den Worten: „Nein. Unglücklich das Land, das Helden nötig hat.“

BNN-Umfrage: In der Nacht auf Montag wird die letzte Folge der Serie ausgestrahlt. Noch ehe die Arbeitswoche für viele Arbeitnehmer beginnt, werden Hartgesottene schon das Staffel- und Serienfinale kennen. Wir fragen uns, sind die bnn.de-Leser Fans der Serie? Oder beenden einstige Fans nur, was sie früher gerne mochten. Hier geht es zur Umfrage.