Peter Wedd (Siegmund), Katherine Broderick (Sieglinde). | Foto: Falk von Traubenberg

Brünnhilde „on the rocks“

Matte „Walküre“ beim Karlsruher „Ring“

So gnädig erlebt man das Karlsruher Premierenpublikum selten. Nur zwei oder drei dünne Buhs zwischen freundlichem Applaus für die Neuinszenierung der „Walküre“ durch Yuval Sharon in einem Ring-Projekt, das mit vier Regisseuren der Vielfalt und Frische huldigen möchte. War das von David Hermann inszenierte „Rheingold“ mit seiner Idee, bereits im Vorabend über etliche Seitenstränge den gesamten Ring zu erzählen, zwar überladen, aber doch quirlig und unterhaltsam mit fesselnd herausgearbeiteten Charakteren, so kehrt jetzt gelinde gesagt Ruhe ein. Eine gewisse szenische Entschleunigung ist der Walküre zwar zu eigen, doch wird Sharons inhaltlich recht arme Deutung mit zähen Längen diesem Giganten der Operngeschichte kaum gerecht. Schade. Denn Justin Brown und die Badische Staatskapelle bieten eine extrem farbenreiche und ausgewogene musikalische Interpretation.

Zerrupfter „Ring“

Unverblümt bezeugt das Programmheft, dass sich Ring-Regisseur 1 mit Ring-Regisseur 2 nur sehr bedingt auseinandersetzt: In einem offenen Brief an seinen Vorgänger David Hermann freut sich Yuval Sharon, dass er das „Rheingold“ nun „endlich“ sah, als man bereits drei Wochen Walküre geprobt hatte. Und dass ihm erst nachträglich beim Lesen des Programmheftes „gefiel“, dass es da gewisse Parallelen im Verständnis gebe. Zum Beispiel „die Zeit und die Wahrnehmung von Zeit als zentrale Ausgangspunkte“. In seiner Deutung ist das aber nicht erkennbar. Man würde sich wünschen, die Inszenierung wäre nur halb so gehaltvoll wie die sehr erhellenden Ausführungen des Dramaturgen Boris Kehrmann über Wagners Ideen im Programmheft.

Zugute halten muss man Sharons Inszenierung, dass sie schöne Bilder erzeugt und Wagners Werk in Ansätzen pädagogisch erklärt. Man kennt Sharons Neigung zur Schaukasten-Regie in Karlsruhe bereits aus seiner gelungenen Inszenierung von „Doctor Atomic“. Diesmal sind es Türen eines schier endlosen Flures, die Einblicke gewähren. Dieser Flur dominiert die Inszenierung und ist Projektionsfläche für allerlei ansprechende Schattenspiele und Videos (Video: Jason H. Thompson, Bühne: Sebastian Hannak). Zudem ploppen im ersten Akt die Türen auf und zeigen mal das Cello per Video, mal sitzen darin Holzbläser beim Spiel entsprechender Leitmotive. Immer wieder nähert sich das Geschwisterpaar Sieglinde und Siegmund, um dessen inzestuöse Liebe und Sinnlichkeit der erste Akt kreist, als Schattenfiguren einander an.

Vitaler sind die echten Figuren bedauerlicherweise nicht. Sehr schnell sehnt man sich bei Sieglinde und Siegmund nach einer fesselnden Personenführung. Ebenso im zweiten Akt bei Wotan, Fricka und Brünnhilde, die jetzt in einer geschmackvoll goldgrundigen räumlichen Raute auf einer inhaltlich fragwürdigen Rolltreppe exaltiertes Spiel bieten. Für eine verinnerlichte Charakterzeichnung scheint sich Sharon nicht zu interessieren. Der Ehe-Konflikt zwischen Wotan und Fricka, der immerhin ein Todesopfer (Siegmund) fordert und folgenschweren Ungehorsam von Wotans außerehelichem Kind Brünnhilde nach sich zieht, wird am Bild der Rolltreppe abgearbeitet. Mal fährt sie nach oben, mal nach unten. Mal ist Fricka die Überlegene, mal Wotan. Seinen Monolog singt er wie eine Rückblende über Mikrofon und per überdimensionaler Videoprojektion in den Zuschauerraum, bevor es wieder zurückgeht in den langen Flur.

Eine zwingende Personenführung fehlt

Dann die Erfrischung. Über Walküren, deren Outfit irgendwo zwischen Bergwacht und Müllabfuhr liegt, lässt sich grundsätzlich streiten. Zumal ihr berühmter „Ritt“ zuerst als Comic auf der Leinwand und schon wieder mit Stimmen aus dem Lautsprecher läuft: Wolken, Schneegestöber, Fallschirme. Doch mag ein nach zwei müden Akten sedierter Zuschauer im dritten Akt den Zeichentrick und das plötzlich leuchtende Bühnenbild in Eisblau mit Walküren in Orange als willkommene Erfrischung verbuchen. Allerdings fehlt hier einmal mehr eine zwingende Personenführung. Nachdem Wotan Brünnhildes Schicksal ausgesprochen und ihre acht Schwestern eingeschüchtert hat, stanzt er mit seinem Speer ein Loch ins Gefrorene, während Brünnhilde barfuß auf dem Eise tapsend versucht das Herz ihres ungnädigen Vaters zu erweichen. Was ihr bekanntlich nur halb gelingt. Nicht jeder Dahergelaufene soll die zum Menschen verdammte Ex-Walküre ehelichen dürfen, sondern nur ein Held, der den von Wotan gnädigerweise gelegten schützenden Flammenring um Brünnhilde zu durchschreiten wagt. Das genügt Yuval Sharon nicht. Seine Brünnhilde wird von Wotan im Eiswasser zum Würfel gefroren und wieder an Land gehoben: Brünnhilde on the rocks.

Jetzt stellt sich dem findigen Zuschauer, der Wagners Ring als Zyklus begreift, die entscheidende Frage: Ob Thorleifur Örn Arnarsson, der des zerrupften Karlsruher Ringes dritten Teil „Siegfried“ inszeniert, sich diese Walküre ein wenig früher anschauen geht als Yuval Sharon „Das Rheingold“? Denn das ist natürlich eine Vorlage. Der im Moment noch im Bauche Sieglindens weilende Siegfried wird nicht nur das Feuer durchschreiten, sondern zusätzlich das Eis zum Schmelzen bringen müssen um Brünnhilde wachzuküssen. Das Eis hat natürlich den Vorteil, dass seine Brünnhilde bis zur Befreiung nicht altert. Und es ist die einzige Klammer zum vorausgegangenen Rheingold. Aber vergessen wir das lieber. Der neue Karlsruher Ring will Vielfalt, nicht Stringenz.

Großartiges Gespür von Justin Brown

Stars des Abends sind Justin Brown, das Orchester und eine herausragende Ewa Wolak als Fricka. Der Generalmusikdirektor zeigt einmal mehr sein großartiges Gespür, Wagners tiefgründige Partitur gekonnt zu durchleuchten und er findet diesmal die perfekte Balance zwischen Kraft, die den Gesang niemals überflutet, und zarter Farbigkeit. Wolak gibt ihrer Fricka mit großem dramatischem Volumen und glühendem Timbre Inbrunst und Kompromisslosigkeit. Renatus Meszar hingegen kann weit mehr Farben aufbieten als an diesem Abend, sein Wotan wirkt beinahe distanziert. Heidi Melton überzeugt als Brünnhilde in der Mittellage, viele Höhen jedoch driften ihr aus der Kontrolle.

Ein absolut überzeugendes Debüt am Staatstheater gibt Katherine Broderick als Sieglinde mit ihrem voluminösen, beweglichen und farbigen Sopran. Sieglinde als Kind wird von Ella Schwarz so entzückend gespielt wie der kleine Siegmund von Nils Cordes. Avtandil Kaspeli ist als Hunding diesmal nicht auf der Höhe und kämpft mit Intonations- und Textschwierigkeiten. Peter Wedd als Siegmund erfreut im ersten Akt mit wundervoller Phrasierung, doch verliert seine farbenreiche Stimme im Laufe des Abends an Kraft.

Termine

Nächste Vorstellungen am 18. Dezember und 11. Februar (Gala) ab 16 Uhr, am 6. Januar, 4. März und 15. April ab 17 Uhr im Badischen Staatstheater.