Abrocken vor Autos: Max Giesinger machte auf seiner Autokino-Tournee auch Station auf dem Karlsruher Messplatz. | Foto: Elisa Walker

Konzerte lösen Filmprogramm ab

Max Giesinger statt „Känguru-Chroniken“: Autokinos werden zu Livebühnen

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Gefeiert von Fans in rund 700 Autos wurde Max Giesinger bei seinem Auftritt auf dem Karlsruher Messplatz. Der aus Waldbronn stammende Deutschpop-Star gehört zu den Künstlern, die derzeit ganz neue Konzerterfahrungen sammeln: Giesingers Open-Air-Tour „Die Reise“ wurde nach der Absage aller regulären Auftritte auf Autokinos umgebucht. Denn dort verschiebt sich derzeit das Programm von Filmen zu Live-Events. In der Region kommen im Juni sogar weitere Drive-In-Bühnen hinzu.

„Das erste Konzert dieser Art war noch sehr skurril“, erinnert sich der Sänger im BNN-Gespräch an einen Termin Anfang Mai. „Da haben wir nur zu zweit gespielt und mussten ständig lachen, weil die ganzen gewohnten Ansagen nicht funktioniert haben. Aber man gewöhnt sich schnell: Beim vierten Konzert war dann alles schon fast normal“, so Giesinger im Vorfeld seines Karlsruher Auftritts.

Dort freute er sich darüber, dass die Fans ihre Autos extra für ihn liebevoll „aufgetuned“ hatten. Lichterketten und Wolldecken sorgten im Innenraum für gemütliche Stimmung. Knicklichter in „MAX“-Form leuchteten von den Motorhauben und selbstgemalte Banner grüßten den Popstar aus den Frontscheiben.

Das etwas andere Max Giesinger-Konzert

Hupen und Blinken nach Zugaben

Zur Ballade „Die Ausnahme“ wurden Neonluftballons und Handylichter aus den Dachfenstern im Takt geschwenkt, wofür er sich gerührt bedankte. Das 90-minütige Konzert endete nach drei Zugaben mit lautstarkem Hupen und Blinken.

Verbindung zu den Fans trotz räumlicher Trennung: Max Giesinger beim Autokino-Konzert in Karlsruhe. | Foto: Elisa Waker

Das bestätigte, was Giesinger vorab gesagt hatte: Eine Verbindung zu den Fans entstehe trotz der räumlichen Trennung. Wobei sich ein Musiker, der so aktiv mit seinem Publikum arbeitet, für eine solche Auftrittssituation auch einiges einfallen lassen muss: „Man hört ja nicht, was die Leute einem zurufen. Also muss man was vereinbaren. Zum Beispiel: ein Mal hupen heißt Ja, zwei Mal hupen heißt Nein.“ .

Man hört ja nicht, was die Leute einem zurufen.

Max Giesinger, Sänger

Noch sei die zehn Termine umfassende Autokino-Tour auch spannend, weil sie zu neuen Ideen führe. Langfristig hofft er aber auf eine Rückkehr des normalen Konzertlebens: „Eigentlich geht es mir um die Begegnung mit den Leuten. Deswegen habe ich überhaupt angefangen, Musik zu machen.“ Die Autokino-Tour sei aber auch wichtig für seine Band und die Crew. „Ich bin mit 15 Leuten unterwegs, und die verdienen ihr Geld vor allem mit den Liveshows.“

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Auch regionale Künstler treten auf

Das gilt auch für regionale Künstler, denen durch die Corona-Schließungen alle Einnahmen weggebrochen sind. Einige davon werden in den nächsten Tagen nach dreimonatiger Corona-Pause wieder vor Publikum spielen. In Karlsruhe will die Seán Treacy Band am Pfingstmontag, 1. Juni, ab 20.30 Uhr vor den versammelten Autos abrocken.

Nach drei Monaten endlich wieder auf die Bühne gehen darf die Seán Treacy Band am Pfingstmontag in Karlsruhe. | Foto: Needham

„Wir sind sehr gespannt, wie das wird“, erklärt Schlagzeuger Stefan „Buchi“ Buchholz. Wirtschaftlich werde die Show zwar nur ein Tropfen auf dem heißen Stein der Verdienstausfälle, denn rund 60 bis 70 Auftritte seien der Band durch die Absagen aller Sommerveranstaltungen weggebrochen. „Aber jetzt freuen wir uns vor allem darauf, endlich mal wieder zusammen Musik machen zu können“, so Buchholz.

Improvisieren wird schwierig

Partner zum Musizieren braucht der Karlsruher Musikkabarettist Gunzi Heil nicht: Der blonde Schlaks aus Karlsruhe ist bekannt für seine furiosen Soloauftritte. Was er am 5. Juni ab 20 Uhr bei der Freibadbühne Remchingen machen wird, darüber sinniert er noch: „Ich reagiere ja gern improvisierend auf das Publikum, das dürfte vor Autos eher schwierig werden.“

Die Witze über Hamsterkäufe sind ja schon wieder verschwunden.

Gunzi Heil, Musikkabarettist

Als Kabarettist frage er sich auch, wie er auf die aktuelle Situation eingehen könne: „Die Entwicklung ist so schnell – die Witze über Hamsterkäufe oder Toilettenpapier sind ja schon alle wieder verschwunden.“ Ob den neuen Bühnen ein langfristigeres Dasein beschert sein wird? „Rückblickend wird 2020 wohl das Jahr mit dem größten Autokinosterben sein“, bringt es Heil es humorvoll auf den Punkt.

Wobei der Boom derzeit noch anhält: Auf dem Maimarktgelände Mannheim startet am heutigen Samstag das „Carstival“ (erneut mit Max Giesinger). Am Flughafen Stuttgart gibt es vom 13. Juni bis 11. Juli „Autokonzerte für den Süden“.

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Neue Kulturbühne bei Messe Karlsruhe

Und auch für die Region Karlsruhe ist eine neue Bühne angekündigt,  die „Drive-In-Kulturbühne an der Messe Karlsruhe“ mit Acts von Beatrice Egli (12. Juni) über Markus bis zu Haftbefehl (24. Juli). In Waghäusel startet am 6. Juni auf der Festwiese Eremitagegarten ein Liveprogramm, und in Bad Herrenalb gibt es vom 10. bis 13. Juni Filme und Livekabarett auf der Schweizerwiese.

Beifall per App

Die Verschiebung vom Film- zum Liveprogramm ist für etliche Betreiber nur folgerichtig: „Unser Ziel war von Anfang an ein Live-Angebot“, erklärt Jens Dietrich, Betreiber der Kleinkunstbühne Rantastic in Baden-Baden. Aktuell werden dort die Schweizer Komikerin Hazel Brugger (30. Mai), das Comedy-Trio Eure Mütter (5. Juni) und der Sänger Michael Schulte (7. Juni) erwartet.

Um die Live-Atmosphäre zu unterstützen, können Besucher dort eine App nutzen, die Beifallsgeräusche an die Künstler weitergibt.

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Kammertheater plant spezielle Show

Eine solche App will auch das Kammertheater Karlsruhe nutzen, das im Autokino auf dem Messplatz ab 7. Juni eigene Produktionen zeigt, von „Comedian Harmonists“ (7.) über „Traumschöff“ (12 bis 14. Juni) bis zu „Tussi Park“ (3. bis 5. Juli). Zudem wird ein neues Stück eigens für diesen Spielort entwickelt: Vom 10. Juli bis 1. August ist dort die Show „Heart Rock“ geplant, ein Musical mit vierköpfiger Liveband und elf Artisten des Motorrad-Zirkus Flic Flac.