Mit sympathischer Schüchternheit und virtuosem Gitarrenspiel eroberte Charlie Cunningham die Herzen des Zeltival-Publikums. Foto: Makartsev

Charlie Cunningham im Tollhaus

Melancholie mit Sogkraft

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Er kommt zurückhaltend daher, ein wenig schüchtern sogar. Der großgewachsene und schlanke junge Mann nennt dem Publikum im Tollhaus-Zelt kurz die Namen seiner Bandmitglieder, setzt sich hin, senkt den Blick zu Boden. Als seine Finger die Gitarrensaiten berühren, zittern sie leicht.

Charlie Cunningham beginnt mit einem Song über die Unbeständigkeit („Sie folgen dir, aber morgen kann es vorbei sein…“) und entschuldigt sich dann bei den Zuhörern für seine Nervosität: „Ich brauche immer zwei, drei Songs, um mich zu beruhigen.“

Es ist eben ein besonderes Talent, das die Zeltival-Besucher in seinen Bann zieht. Der junge Musiker aus der zentralenglischen Provinz hat seit seinem Debut 2016 Dutzende Konzerte in Europa gegeben, er gilt schon länger als aufkommender Star der Singer/Songwriter-Szene im Königreich.

Cunninghams Auftritt in Karlsruhe wirkt jedoch frisch, bewegend und gar nicht routiniert. Als sich die Aufregung legt, kommen die musikalische Virtuosität, der verhaltene Humor und das großartige harmonische Feingefühl des vielseitigen Briten zum Vorschein, der die Kritiker so oft schwärmen lässt.

Intime und persönliche Musik

„Solange du jung bist, lass dir dein armes Herz brechen, es ist ein wunderbarer Morgen, um es wegzuwerfen“, lautet übersetzt eine der Songzeilen des Mannes mit der warmen, kristallklaren Stimme. Und während seine Finger lustvoll auf der Gitarre flattern, liefert die Band im Hintergrund einen dezenten Groove mit Trompete, Keyboard und Schlagzeug.

Dass der Trompeter Sam sich das Haus seiner Oma auf sein Bein tätowiert hat, ist dem sympathischen Quartett eine Erwähnung wert.

Cunningham beschreibt seine von der spanischen Flamenco-Tradition deutlich inspirierte Musik als „sehr intim und persönlich“. Ihre ergreifende Melancholie wirkt jedoch nicht aufgesetzt und entfaltet dann eine Sogwirkung auf das Publikum, wenn der frühere Kellner, der zwei Jahre lang in Spanien das Gitarrenspiel gelernt hatte, eine gute Prise Sonnenschein durchscheinen lässt.

„Bleiben wir beisammen?“

Besonders eindrucksvoll kommt dies im Song „Permanent Way“ zur Geltung, der nach einer Minute zarter Wehmut rasant an Tempo aufnimmt. „Ich versuche, dauerhaft zu bleiben“, heißt es im Refrain dieses Songs. „Bleiben wir beisammen?“ Ja, Charlie, nach diesem Abend bestimmt.

Nicht unerwähnt bleiben soll an dieser Stelle die dänische Musikerin Oh Land, die das Publikum eingestimmt hat: Die charmante Blondine sorgte als Support-Act mit ihrem federleichten Pop im Stil von Adele und Goldfrapp für gute Stimmung im Tollhaus.