34 Jahre hat Thomas Gatzemeier nach seiner Übersiedelung aus der DDR in Karlsruhe gelebt und gearbeitet. Jetzt zieht er nach Leipzig, in die Stadt, in der er einst studiert hat. | Foto: ARTIS-Uli Deck

Ein Maler zieht nach Leipzig

Nach 34 Jahren in Karlsruhe geht Maler Thomas Gatzemeier zurück nach Sachsen

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In der DDR eckte er an: Grund genug für Thomas Gatzemeier, 1986 in den Westen zu übersiedeln. 34 Jahre lebte und arbeitete der Maler, Grafiker und Romanautor in Karlsruhe. Jetzt geht er nach Leipzig, wo er einst studiert hat.

Dreieinhalb Jahrzehnte – die wollen bewältigt werden: 1986 wurden Thomas Gatzemeier und seine Familie aus der damals noch real existierenden Deutschen Demokratischen Republik (DDR) ausgebürgert. Da in Karlsruhe eine Tante von Gatzemeier lebte, kamen er, seine Frau Marlies und die beiden Töchter gleich nach Baden. Ein Lageraufenthalt, wie er die meisten DDR-Flüchtlinge erwartete, blieb ihnen erspart. Bald schon wurde eine Wohnung gefunden: übergroß, schäbig, schwer zu heizen. Aber immerhin. Demnächst nun geht es wieder zurück nach Sachsen. Ab Ende des Monats werden Marlies und Thomas Gatzemeier in Leipzig zuhause sein. Bis dahin heißt es: packen, packen, packen.

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Leipzig als Wendepunkt

Leipzig markierte schon einmal einen Wendepunkt für den Arztsohn aus Döbeln. Hier beginnt er im September 1975 ein Studium an der nach wie vor renommierten Hochschule für Grafik und Buchkunst. Nach fünf Jahren beherrscht er sein Metier dermaßen gut, dass ihm ein 1,7 mal 2,4 Meter großes Gruppenbild gelingt. Man sieht nackte junge und ältliche Menschen. Stoisch steht ein Mann im Hintergrund. Er ist nicht ganz unverhüllt: Seine Armstümpfe sind verbunden. Vielleicht hat er die Hände bei einer Granatexplosion verloren. Der einzige, der Kleidung trägt, ist ein Kleinwüchsiger, der mit Schlägeln hantiert. Eine Anspielung auf Oskar Matzerath, die Hauptfigur aus dem Roman „Die Blechtrommel“ von Günter Grass.

Das Werk stand seinerzeit in der DDR auf dem Index. War das an sich schon eine Provokation für die Machthaber, so tat der Titel ein Übriges. Er basiert auf dem Armeebefehl Nr. 55, den Josef W. Stalin 1942 ausgab und der bei Gatzemeier so lautete: „Die Hitler kommen und gehen aber das deutsche Volk bleibt.“ Stalin meinte damit: Wenn die „Hitlerclique“ erst einmal beseitigt sei, werden sich wieder die guten Kräfte des deutschen Volkes durchsetzen. Gatzemeier meinte: Es hat sich seit der NS-Zeit nicht wirklich etwas geändert.

Ein Affront gegen das DDR-System

Ein Affront in einem Staat, der sich als Inbegriff des Antifaschismus verstand. Gatzemeiers Lehrer Arno Rink (1940 bis 2017) lehnte die weitere Betreuung seines Studenten ab. Der schaffte zwar das Diplom, stand aber fortan unter verschärfter Beobachtung. In einem „Informationsbericht“ der Kreisdienststelle Döbeln heißt es, man hege „Bedenken hinsichtlich der Tätigkeit des Gatzemeier, Thomas als freischaffender Künstler in der Stadt Döbeln.“

Es folgen Jahre der Repression. Die Familie schlägt sich durch. Stellt Ausreiseanträge. Im Februar 1986 ist es soweit. Innerhalb weniger Tage sollen sie die DDR verlassen. Ab nach Karlsruhe. Und bald wieder Leipzig. Ein ganz leichter Abschied wird das nicht.

„Ich hatte ja eine Westtante“

„Karlsruhe ist für mich schon Heimat“, sagt Gatzemeier. Die Stadt hat ihm den Anfang gerettet. Es gab Fördermittel. In der (längst aufgelösten) Galerie von Helga Paepcke erhielt er eine erste Ausstellung, 1988 bot ihm der damalige Geschäftsführer Andreas Vowinckel im Badischen Kunstverein ein Forum. Gatzemeier fand Freunde hier, auch begeisterte und treue Sammler. In der Karlsruher Kunstwelt jedoch blieb er nach eigenem Empfinden ein Fremder: „Ich bin halt der Ossi-Maler.“ Dabei hatte er sich vom altmeisterlichen Stil der Leipziger Schule längst entfernt, als er in die Bundesrepublik übersiedelte. Max Beckmann wurde zu einer Bezugsgröße. Pablo Picasso. Und dann der abstrakte Expressionist Willem de Kooning, dessen Werk er per Katalog kennenlernte: „Ich hatte ja eine Westtante.“

Also malte Gatzemeier seine Akte immer abstrakter. Die Sinnlichkeit weiblicher Körper wich der Lust am satten Farbauftrag. Das entsprach seinem Verständnis von der Kunst und von der Moderne. Ihr gemeinsamer Nenner: Freiheit. Und so nahm sich Thomas Gatzemeier die Freiheit auszuprobieren, gönnte sich die Neugier auf Neues. So wie er ohnehin seiner Gestaltungsfreude keinerlei Zwang auflegt. Gatzemeier hat Plastiken geformt, Zeichnungen, Drucke, Collagen gefertigt und dazu noch zwei sehr lesenswerte Romane herausgebracht: „Der Sekretär“ (2010) und „Morgen, morgen, wird alles zum guten Ende kommen!“ (2012).

Bunte Unterhosen in der Marienkirche

Zur Freiheit gehört für ihn auch, sich der erlernten handwerklichen Fähigkeiten zu bedienen. Ein kirchlicher Auftrag markierte eine neuerliche Richtungsänderung. Für die Marienkirche in Crailsheim-Onolzheim sollte er ein Altarbild malen. Das gesamte Jahr 2002 arbeitete Gatzemeier an dem Werk. Zwischendurch helles Entsetzen bei der Kirchengemeinde: so viele nackte Körper. Füglich ging der Künstler so vor wie man weiland bei Michelangelos verfuhr: Er übermalte die Unterleiber. Allerdings nicht mit wallenden Tüchern, sondern mit popbunten Unterhosen. Beim nächsten Besichtigungstermin fragte er: „Wollt ihr es so?“ Da waren auf einmal alle von der ursprünglichen Version überzeugt. Gatzemeier: „Heute lieben sie es.“ Eine Attraktion für Touristen. In Kürze wird er, der Maler,  dort wieder vorbeikommen. Mit dem Lkw nach Leipzig, seinem künftigen Wohnort, und weiter nach Döbeln, seiner Geburtsstadt, wo fortan seine Bilder lagern.

Hier geht es zur Website des Künstlers.