John Miles
John Miles wurde von seinen Fans mit einem Vorschuss-Jubel empfangen. | Foto: Georg Wendt

Zum 25. Mal

«Night of the Proms» – Ohne Miles‘ «Music» geht gar nichts

Anzeige

Hamburg (dpa) – Klassik und Pop – geht das zusammen? Als das Konzept für die «Night of the Proms» 1994 nach Deutschland kam, hatte es sich in Belgien und den Niederlanden bereits etabliert. Doch es gab Zweifler, ob mit diesem Crossover ein ganzer Konzertabend zu bestreiten sei.

Ein Vierteljahrhundert später blickt man auf eine Erfolgsgeschichte zurück. Das Mainstream-Publikum hat sich für Klassik geöffnet. Stars wie Andrea Bocelli und David Garrett schafften mit ihrem Auftritt bei den «Proms» in Deutschland den Durchbruch. Zum Auftakt der Jubiläumstournee am Freitag in der Barclaycard Arena in Hamburg ist die Halle wieder mal voll. Klassik trifft auf Pop trifft, junge Talente stehen neben etablierten Stars auf der Bühne – das ist auch bei dieser «Proms»-Ausgabe unverändert, die noch bis zum 22. Dezember durch elf Städte tourt.

Bis dahin präsentieren die Künstler ihre größten Hits in Begleitung des Antwerp Philharmonic Orchestras unter der Leitung der energischen Brasilianerin Alexandra Arrieche, der man gerne bei der Arbeit zuschaut. Bei der Ouvertüre befinden sich Dirigentin, Orchester und der Chor Fine Fleur allerdings hinter zwei versetzten Gitterwänden, auf die Bilder projiziert werden – was zwar optisch viel hermacht, aber auch den Blick versperrt.

Erster Star des Abends ist der deutsche Sänger Tim Bendzko (33), Typ Schwiegersohn, dem man den Respekt vor der Aufgabe anmerkt. Schnörkellos präsentiert er Hits wie «Keine Maschine». Das Stimmungsbarometer ist noch nicht ganz oben angekommen, als er bei «Nur noch kurz die Welt retten» die Mitsingfähigkeiten des Publikums austestet.

Der belgische Singer-Songwriter Milow (37) scheint hingegen wie gemacht für die «Proms», bei denen es immer auch um das Miteinander geht. Er taucht mit seiner Akustikklampfe mitten im Publikumsraum auf, stimmt bei seinem Hit «You Don’t Know» ein Duett mit dem klassischen Gitarren-Solisten Petrit Ceku (33) aus dem Kosovo an und später auch mit «Proms»-Legende John Miles (69). Seine Lockerheit und sein Charme übertragen sich sofort auf die Zuschauer, die wahlweise mitklatschen oder ein Lichtermeer in die Arena zaubern.

Weil die «Proms» auch immer musikalischer Jahresrückblick sind, wird «Zu Asche, zu Staub» aus der deutschen Erfolgsserie «Babylon Berlin» von einem mit Zylinder dekorierten Mann des Backup-Chors dargeboten. Leichte Klassik gibt es mit dem Stück «An der schönen blauen Donau» von Johann Strauss, zu dem ein einsames Pärchen vor der ersten Reihe den Walzer tanzt.

Für das US-amerikanische Soul-Disco-Trio The Pointer Sisters springen nach der Pause alle aus den Sitzen. Die Power-Damen, von denen nur noch Anita Pointer (70) zur Original-Besetzung gehört, haben mit «Jump» und «So Excited» zwei Stimmungsgaranten im Repertoire.

Ein Jahr hat es gegeben, in dem John Miles bei der «Night of the Proms» nicht seinen Evergreen «Music (Was My First Love)» zum Besten gab. Daraufhin hagelte es Beschwerden, und die Nummer wurde wieder ins Programm genommen. Mit Vorschuss-Jubel wird der Brite an diesem Abend von seinen treuen Fans empfangen, und er enttäuscht sie nicht: Es klingt immer noch bombastisch toll, wenn er das Rock-Epos am weißen Klavier zum Besten gibt.

Der größte Star des Abends kommt spät: Roxy-Music-Legende und Stil-Ikone Bryan Ferry (73) klingt stimmlich angeschlagen, als er Songs wie «Slave To Love» und «Let’s Stick Together» samt Pfeif- und Mundharmonika-Soli präsentiert. Lieder seines just an diesem Tag erschienenen Studio-Albums «Bitter-Sweet» spielt er nicht – auch für ihn gilt die alte «Proms»-Regel: «Hits only». Als Rausschmeißer gibt es die Beatles-Hymne «Hey Jude» in einer All-Star-Version, die die Zuschauer mit einem Lächeln in die Nacht entlässt.

Sadako (l-r), Ruth und Anita Pointer von den Pointer Sisters aus den USA: Die Gruppe hat mit ihren Hits «Jump» und «So Excited» ordentlich für Stimmung gesorgt. | Foto: Georg Wendt
Beim Tourauftakt von «Night of the Proms» war auch Bryan Ferry dabei. | Foto: Georg Wendt