Ein Klassiker kommt neu auf die Leinwand: "Pinocchio" mit Roberto Begnini als Gepetto und Federico Ielape in der Titelrolle. | Foto: Berlinale/Lazzaris

Berlinale: Der vierte Tag

„Pinocchio“ und „Undine“: Gegensätzliche Märchenfiguren bei der Berlinale

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Sie waren schon immer nicht ganz von dieser Welt, die Frauen in den Filmen von Christian Petzold. Auch wenn ihre Figuren klar verortet sind und spezifische Berufe haben, etwa Nina Hoss als Ärztin in „Barbara“, wirken sie stets so, als trügen sie ein Geheimnis mit sich herum – sei es nun eine besondere Kraft, ein besonderer Wunsch oder eine besondere Schuld. In Petzolds neuem Film „Undine“, der dem Berliner Regisseur die fünfte Teilnahme am Berlinale-Wettbewerb beschert, zeigt sich dies bereits im Titel.

„Undine“ beruht auf der Sage um eine Wasserfrau, die einen Menschen heiratet. Doch als er sie verlässt, muss sie ihn töten. In Petzolds Film ist Undine (Paula Beer) eine Fremdenführerin in Berlin, die sich diesem Fluch zu verweigern versucht, als sie nach einer Trennung auf den Taucher Christoph (Franz Rogowski) trifft.

Wer sie verlässt, den muss sie töten: Paula Beer, hier mit Jacob Matschenz, spielt in Christian Petzolds Berlinale-Wettbewerbsfilm eine moderne Undine.

Petzold sagte vorab, zwischen diesem Darstellerduo habe sich in „Transit“ eine so stimmige Chemie gezeigt, dass er für dieses Paar eine Liebesgeschichte schreiben wollte. Dies ist gelungen. Zwischen Beer und Rogowski spürt man ein starkes Band, auch wenn zur Geschichte jene Momente des Misstrauens und Verschließens gehören, die Petzold-Filme oft geprägt haben.

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Spagat zwischen Sage und Realität

Der Spagat zwischen mittelalterlicher Sage und heutiger Realität spiegelt sich in den zwei Orten des Films (Kinostart: 26. März): Auf der einen Seite stehen Unterwasserszenen von märchenhafter Sogkraft, wie man sie im Kino nur selten sieht. Auf der anderen Seite sind Undines nüchtern-faktische Vorträge zu Modellen des Berliner Stadtbilds.

In ihrem Vortrag über den Neuaufbau des Schlosses zum Humboldt-Forum sagt sie: „Hier entstehen für ein Museum des 21. Jahrhunderts die Räume eines Herrscherpalastes aus dem 18. Jahrhundert. Daraus könnte man auch schließen: Fortschritt ist nicht möglich.“ Diesem Fatalismus verweigert sie sich ebenso wie der Film. Dessen Schlusswendung zeigt, wie Undine einen Fortschritt aus ihrem ewigen männermordenden Dasein findet.

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„Pinocchio“ bleibt nah am Buch

Eine ebenfalls märchenhafte Figur, die ihr Tun seit langer Zeit unablässig wiederholen muss, ist Pinocchio. Und ganz besonders eng an seine Taten, wie sie in von Carlo Collodis 1883 erschienenem Roman vorgegebenen sind, muss sich das „hölzerne Bengele“ im neuen Film von Matteo Garrone halten. Der weicht von der Buchvorlage nämlich eigentlich nur in den Anfangsszenen leicht ab, indem er der Figur des armen Tischlers Gepetto etwas mehr Raum gibt.

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Begnini begeistert Premierenbesucher

Kein Wunder, wird diese Rolle doch gespielt von Italiens bekanntestem Kino-Tragikomiker Roberto Benigni. Der begeisterte das Publikum bei der Gala-Premiere im Berlinale-Palast, als er seine euphorischen Grußworte in sympathisch holprigem Englisch wie folgt schloss: „Ich gebe euch meinen Körper und meine Seele, macht damit was immer ihr wollt.“

2002 spielte er selbst den Pinocchio, in der Neuverfilmung hat Roberto Begnigni die Rolle dessen „Vaters“ Gepetto übernommen. | Foto: Berlinale/Lazarris

Gelungen sind auch seine kleinen Szenen, in denen Gepetto vergeblich versucht, kleine Aufträge an Land zu ziehen. Wie im Buch wird hier zunächst einmal vom Leben in Armut erzählt, bevor die Fantasiefiguren das Geschehen übernehmen.

Denn als der kleine Pinocchio, herzerwärmend gespielt von Frederico Ielapi, seinem „Vater“ davonläuft, trifft er weitere Marionetten, ein Betrügergespann namens Fuchs und Kater, eine blaue Fee mit riesiger Schnecke, eine sprechende Grille und viele andere wunderliche Gestalten mehr.

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Bewegtes Bilderbuch

All das ist mit viel Liebe fürs Detail in Szene gesetzt. Doch da es auch Episode für Episode aneinandergehängt wird,  widerspricht der Film atmosphärisch seinem Inhalt: In der Geschichte wird Pinocchio erst dadurch, dass er alle Regeln befolgt, ein Junge aus Fleisch und Blut. Einer Buchverfilmung hingegen wird durch allzu große Buchstabentreue das Eigenleben ausgetrieben. Denn über zwei Filmstunden hinweg ist das Ergebnis kaum mehr als ein bewegtes Bilderbuch, das die einzelnen Episoden mit wachsender Eile abhakt und trotzdem etwas zu lang wirkt.