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Hätte Verwaltungsrat früher handeln müssen?

Politik beteuert: Vorwürfe am Staatstheater waren „in dieser Vehemenz bislang nicht bekannt”

Ein Reformprozess ist angestoßen am Staatstheater Karlsruhe. Offen ist noch, wohin er führt - und ob er nicht schon viel eher hätte in Gang gesetzt werden müssen.

Unübersehbarer Unmut: Vor der jüngsten Verwaltungsratssitzung protestierten rund 300 Mitarbeiter des Badischen Staatstheaters gegen die Amtsführung von Peter Spuhler. Die Politik will von den Vorwürfen völlig überrascht gewesen sein. Foto: Uli Deck

Die Karlsruher Theaterkrise hat einen sehr dynamischen Prozess ausgelöst. Nach den Ferien wird im September nicht nur der Spielbetrieb im Staatstheater wieder beginnen, sondern auch die Debatte darüber, wie das Haus künftig geführt werden soll.

Der Karlsruher Kulturbürgermeister Albert Käuflein erklärt auf BNN-Anfrage, Gesprächseinladungen an alle Spartenleitungen und weitere Abteilungen ausgesprochen zu haben.

Das Staatstheater ist durch öffentliche Kritik vieler Mitarbeiter an der Amtsführung von Generalintendant Peter Spuhler auch überregional ins Blickfeld geraten.

Beim nun anstehenden Reformprozess soll unter anderem eine klare Aufteilung von Entscheidungskompetenzen festgelegt werden. Schauspieldirektorin Anna Bergmann hat bereits signalisiert, unter dieser Bedingung einen Reformprozess mit Peter Spuhler für möglich zu halten.

Karlsruher Kulturkreis distanziert sich von Solidaritäts-Demo

Auch an anderer Stelle im Karlsruher Kulturleben wird auf die Chance eines gemeinsamen Neustarts verwiesen. So hatten sich der Direktor des Badischen Landesmuseums und der Leiter des Generallandesarchivs Karlsruhe, Eckart Köhne und Wolfgang Zimmermann, als Sprecher des Karlsruher Kulturkreises von einer Solidaritäts-Demonstration etlicher Kulturschaffender am Freitag vor einer Woche am Staatstheater distanziert.

Diese gemeinsame Arbeit war immer offen, produktiv und künstlerisch bereichernd.
Eckart Köhne, Direktor des Badischen Landesmuseums und Wolfgang Zimmermann, Leiter des Generallandesarchivs Karlsruhe

In dem Schreiben heißt es, man habe mit Peter Spuhler in einigen Projekten zusammengearbeitet. „Diese gemeinsame Arbeit war immer offen, produktiv und künstlerisch bereichernd.”

Man habe ihn „als Unterstützer der Karlsruher Kultur gegenüber Politik und Gesellschaft erlebt” und er sei „ein integrer Kulturschaffender, der immer Kunst und Qualität im Blick” habe. „Wenn seine Führungskultur dem entgegensteht, dann braucht es Hilfe; diese hätte man wohl viel früher und nachhaltiger umsetzen müssen.”

Dieser letzte Punkt trifft einen Nerv der Debatte, der seit der am 6. Juli gegebenen Erklärung von Kunstministerin Theresia Bauer und dem Karlsruher Oberbürgermeister Frank Mentrup bloß liegt. Dort heißt es bereits im ersten Satz, die Vorwürfe gegen Peter Spuhler seien „neu und erstmals aufgeworfen”.

Dies hat bei vielen Theatermitarbeitern große Irritationen ausgelöst. Namentlich die ehemaligen Orchestervorstände Joachim Fleck und Rainer Engelhardt sowie deren Nachfolger Raimund Schmitz und David Panzer sowie die Personalratsvorsitzende Barbara Kistner betonen gegenüber den BNN, sowohl gegenüber Kulturbürgermeister Käuflein (auch schon während seiner Zeit als Stadtrat) als auch gegenüber dem Ministerium die Missstände klar benannt zu haben.

Wusste die Politik bereits 2012 von der Kritik an Spuhler?

Auf drei konkrete Gesprächstermine in den Frühjahren 2012, 2015 und 2018 angesprochen erklärt Käuflein, er habe die kritischen Hinweise stets als im üblichen Rahmen betriebsinterner Kritik wahrgenommen.

Allerdings erklärt der Orchestervorstand, bereits 2012 berichtet zu haben, dass Spuhler über Monate hinweg nicht mit dem Orchester geredet habe, weil er mit inhaltlicher Kritik konfrontiert worden sei.

2015 habe man ausführlich über Spuhlers Führungsstil gesprochen, und auch beim Antrittsbesuch des neuen Vorstands 2018 habe man sich deutlich geäußert.

Auch Barbara Kistner erklärt, aus Sicht des Personalrats das Ausmaß der Missstände sehr konkret beschrieben zu haben. „Wir wissen nicht, was wir sonst noch hätten tun können”, so das Fazit der Genannten gegenüber den BNN.

Natürlich frage ich mich jetzt, ob ich da früher hätte nachfragen müssen.
Alber Käuflein, Kulturbürgermeister in Karlsruhe

Käuflein hat aus den Gesprächen mit den Orchestervorständen die Kritik an Spuhler „nicht als dominierendes Thema” in Erinnerung. Er räumt aber ein: „Natürlich frage ich mich jetzt, ob ich da früher hätte nachfragen müssen. Das müssen wir uns jetzt alle fragen als Mitglieder im Verwaltungsrat, die den Vertrag von Peter Spuhler zwei Mal einstimmig verlängert haben.”

Im Rückblick seien solche Fragen aber leicht aufzuwerfen. „Vorwürfe in der Vehemenz, wie sie jetzt vorgetragen werden, waren mir bislang nicht bekannt”, betont Käuflein, für den der OB jüngst ein „Sondermandat” für eine direktere Kommunikation zwischen Theater und Rathaus angekündigt hat.

Kunstministerium wusste von hoher Fluktuation auf der Leitungsebene

Im Kunstministerium haben Warnsignale vor Ausbruch der Krise offenbar ebenfalls keine nachhaltige Wirkung hinterlassen. Das Ministerium bestätigt, dass „Personalrat und Orchestervorstand im November 2018 zum Abschluss des Moderationsverfahrens zu einem Gespräch im Ministerium waren”. Dabei sei „auf die Fluktuation auf der Leitungsebene und hohe Anzahl von Krankheitsfällen hingewiesen und Kritik am Moderationsprozess geübt” worden.

„Gleichzeitig wurde berichtet, dass an einer Dienstvereinbarung zum partnerschaftlichen Umgang gearbeitet wird.” Diese liege vor, „sehr umfangreich und auch mit Beschwerdestellen, wohin sich Betroffene wenden können”.

Diese bereits am 15. Juli erteilte und nun auf BNN-Nachfrage zum Kenntnisstand erneut erfolgte Mitteilung des Ministeriums schließt mit dem Satz: „Seitdem – also im Jahr 2019 bis zum offenen Brief 2020 – hat das Ministerium keine direkte Rückmeldung aus dem Theater erhalten.”

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