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Tanz am Staatstheater

Ballettpremiere in Karlsruhe: Schöne Bilder im Geiste Shakespeares

Große Premiere in Karlsruhe: Ballettdirektorin Bridget Breiner stellt mit „Was ihr wollt“ nach Shakespeare ihr erstes großes Handlungsballett in Karlsruhe vor.

Auftakt mit Schiffbruch: Pablo Octávio und Francesca Berruto als Zwillingspaar Sebastian und Viola in Bridget Breiners Shakespeare-Ballett „Was ihr wollt“ am Badischen Staatstheater. Foto: Costin Radu

Wenn es denn stimmt, dass „Musik der Liebe Nahrung ist“, wurde an diesem Abend alles richtig gemacht.

Der Aufforderung des Herzogs, der damit Shakespeares beliebte Komödie „Was ihr wollt“ eröffnet, kam Bridget Breiner bei ihrer Ballettadaption durch einen musikalischen Stilmix nach.

Dieser tat von Jean-Philippe Rameau über John Denvers kitschig schönen „Annie‘s Song“ bis zur Gegenwart dem Wunsch Genüge und trug bei zum Erfolg des ersten abendfüllenden Balletts, das sie speziell für das Badische Staatstheater entwickelt hatte.

Gruppendynamik und Bühnenzauber

Der pandemiebedingt lange und beschwerliche Entstehungsprozess ist der Aufführung dennoch deutlich anzumerken, da sie Längen und Löcher hat, aber letztlich durch Bühnenzauber sowie ausgefeilte Szenen besticht, in denen Breiner die Verwechslungskomödie auf den Punkt bringt. So, wie sie für Ordnung und penible Gruppen-Dynamik inmitten der vielen Stühle sorgt, auf denen Ausstatter Jürgen Franz Kirner in der Anfangssequenz das breit aufgestellte Ensemble auf der Bühne verteilt hat.

Die Geschichte: Viola und ihr Zwillingsbruder Sebastian geraten in einen Seesturm. Beide überleben, glauben aber, dass der Bruder bzw. die Schwester zu Tode kam. In Männerkleidung kommt Viola unter dem Namen Cesario an den Hof des Herzogs und überbringt als dessen Postillon d’Amour seine Liebesbeteuerungen der Gräfin Olivia, die aber selbst um einen verstorbenen Bruder trauert.

Es gibt viel zu erzählen, und nicht allzu viel zum Tanzen. Der Sturm, den Breiner und Kirner mit allen altmodischen Tricks, schaukelndem Mast und wirkungsvoll aufgebauschten Tüchern entfachen, ebbt erst nach der Hälfte des ersten Teils ab. Francesca Berruto und Pablo Octavio, die eingangs als Spielbilder vorgestellt wurden, so dass man kaum weiß, wer Mann oder Frau ist, haben viel zu Chargieren und Gestikulieren.

Treu nach Shakespeares Vorlage

Anders als bei ihrem aus Gelsenkirchen mitgebrachten Aschenputtel „Ruß“ hält sich Breiner bei der fünften Shakespeare-Arbeit ihrer Karriere treu an die Vorlage, erzählt die Geschichte ohne Brüche und Brechungen. Der breit ausgemalte Sturm vor der Küste wird unterbrochen von kleinen Schwenks an den Hof des Herzogs und das Haus der Gräfin.

Hier die schwarzlederne kraftstrotzende Soldaten-Gang, dort feines Etepetete der silberputzenden Dienerinnen, hier effektvoll strotzendes Jungmännergebalze, dort klassisch hingetupfte Trauergesten im gräflichen Haushalt, der bereits auf Spitzen hinter dem Sarg von Olivias Bruder durch die Wellen tippelte.

Mit großer Präsenz und Ausdruck tanzt Ledian Soto den zunehmend durch den angeblichen Diener Cesario verwirrten Herzog, mit dem er in schönem Gleichmaß seine Gefühle teilt, bis er ihn nach gut zweieinhalb Stunden als Viola umwerben darf. Mit Schalk in den Beinen und Hüften gibt Francesca Berruto diese Viola und wirkt hierbei ein bisschen wie Lilo Pulver als Gustav Adolfs Page.

Den Schmerz der Gräfin zelebriert Lucia Solari in lässiger Couture und zerbrechlichen Gesten, bevor sie endlich ein wenig Courage zeigen kann, wenn es um den richtigen Gatten geht - also Violas Zwillingsbruder. Im gemeinsamen Pas de deux darf Pablo Octávio als Sebastian aus dem Schatten der Schwester treten.

Tänzerisch nicht immer ergiebig

Das alles sind schöne Bilder, gut arrangiert und dramaturgisch verzahnt, doch auch ein wenig länglich und zwischen Pantomime und gestischer Erzählung tänzerisch oft nicht sehr ergiebig. Um so überraschender, wie hurtig Breiner die überkreuze Liebeshandlung im zweiten Teil auflöst.

Auch hat Breiner ein feines Händchen für das Kabarettistische und Clowneske im Umkreis der Gräfin, dem der trinkfesten Onkel Toby (Olgert Collaku) und der von Tomoteo Mock, entsprechend seinem deutschen Namen Bleichenwang, etwas karikaturblass getanzte Ritter Andrew angehören.

Allenfalls die gegenüber Shakespeare aufgewertete Zofe Maria erhält durch das aussagestarke Solo der Balkiya Zhanburchinova tatsächlich Profil.

Ausgefeilte Malvolio-Darstellung

Ausgefeilt daneben die Tragödie des Malvolio, des ehrgeizigen und dafür unendlich abgestraften Verwalters, den Paul Calderone als großartige Charakterstudie gestaltet: Er ist komisch noch im bodenlangen Schlafgewand, sozusagen mit verknoteten Beinen tanzend in den lächerlichen Verkleidungen, mit denen sich Malvolio dem Gespött aussetzt, und schließlich gedemütigt unter der Kutte des Narren hervorkriechend.

Luxus herrscht am Pult der Badischen Staatskapelle, wo Barock-Kenner Rubén Dubrovky das Moderne, Virtuose, Überraschende und natürlich den tänzerischen Drive in Rameaus Musik herausstellte, deren Elan er mit argentinisch-lateinamerikanischen Adaptionen verzahnte. Schade eigentlich, dass Breiners Uraufführung in diesem Jahr nur noch zweimal den wenig abwechslungsreichen Spielplan des Großen Hauses zieren wird, bevor sie im März neuerlich im Spielplan erscheint.

Service

Weitere Aufführungen: 17. November, 20 Uhr; 28. November, 18 Uhr. https://www.staatstheater.karlsruhe.de

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