Wie eine Vollbremsung in ein Jahr ohne Sommer, so empfindet der in Stuttgart lebende Regisseur Valentin Schwarz die Absage der Bayreuther Festspiele. Dort wäre in diesem Jahr seine Neuinszenierung von Richard Wagners "Ring des Nibelungen" herausgekommen.

Bayreuther Festspiele

Regisseur Valentin Schwarz fühlt sich nach der Bayreuth-Absage wegen des Coronavirus wie auf Entzug

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Als bisher jüngster „Ring“-Regisseur hätte Valentin Schwarz in die Geschichte der Bayreuther Festspiele eingehen können. Selbst Patrice Chéreau wäre mit 32 Jahren ein Jahr älter gewesen, als 1976 sein „Jahrhundertring“ herauskam. Nun macht die Corona-Pandemie einen Strich durch diese Rechnung.

Das Konzept des 1989 in Wien geborenen Valentin Schwarz für Richard Wagners „Ring des Nibelungen“ steht, die Proben hätten jetzt begonnen. Am Dienstag aber wurden die Festspiele abgesagt. Das bringt Karlsruhe in eine Pole-Position. Was die Absage bedeutet, darüber sprach Valentin Schwarz mit unserem Redaktionsmitglied Isabel Steppeler.

Wo sind Sie im Augenblick?

Valentin Schwarz: Zuhause in Stuttgart. Nach dieser künstlerischen Vollbremsung. So würde ich das für mich bezeichnen. Man ist gerade auf die Autobahn aufgefahren, hat ordentlich Tempo aufgenommen und wird dann zum plötzlichen Stillstand gezwungen.

Seit wann ahnen Sie, dass es auch Bayreuth trifft?

Schwarz: Ahnen tut man es schon länger, verdrängen noch mehr und befürchten insbesondere. Aber es sind viele Gespräche mit der Festspielleitung vorausgegangen. Nach der Sitzung am Dienstag hat mich Katharina Wagner dann persönlich informiert, dass die politische Entscheidung so gefallen ist.

Hat man über Alternativen nachgedacht?

Schwarz: Natürlich überlegt man Szenarien. Aber Bayreuth hat seine speziellen Voraussetzungen. Sie lassen sich anders nicht einfangen. Das besondere Erlebnis für das Publikum kann nur dort generiert werden. Es gehört auch zur Identität von Bayreuth, den gesamten „Ring“ in einer Woche zu bringen. Natürlich muss man das beibehalten. Daher bin ich froh, dass es aller Voraussicht nach im Jahr 2022 organisiert werden kann, den „Ring“ dann in toto zu präsentieren.

Gibt Ihnen die gewonnene Zeit nun Luft oder fürchten Sie, Ihr Regie-Konzept nimmt dadurch Schaden?

Schwarz: Das Konzept ist grundsätzlich unter Dach und Fach. Die ganze Manpower und künstlerische Energie ist schon hineingeflossen, natürlich auch die diffizile Organisation eines „Rings“, nicht zu vergessen die unzähligen Arbeitsstunden der verschiedenen Gewerke von Bühne über Kostüm bis hin zu den Werkstätten. Das Material existiert ja bereits und es wäre bei den Proben nun zum Einsatz gekommen. Dass das jetzt eingefroren und auf Eis gelegt wird, ist hart. Eine Art Entzug für das künstlerische Team. Aber wir sind hoffnungsvoll, dass es keinen Schaden nimmt.

In einem Jahr kann viel geschehen. Was, wenn Ihnen nun völlig neue Eingebungen kommen?

Schwarz: Theater ist eine lebendige Kunst, die sich am Objekt abarbeitet. Das heißt, ich gehe zwar grundsätzlich mit einem fertigen Konzept in den Probenprozess, bin aber nicht der Despot, der sein Konzept zu 100 Prozent durchexerziert sehen will. Ich möchte vielmehr in den Proben mit den Persönlichkeiten der Sängerinnen und Sänger diese Figuren finden und einbringen. Das ist ein gemeinsamer Prozess, der nicht im stillen Kämmerchen am Reißbrett entworfen werden kann, sondern der in einem kommunikativen Rahmen erfolgen muss. Bis zu diesem Zeitpunkt sind wir gekommen. Ich habe meine Vorarbeit geleistet. Jetzt fehlt der Kontakt mit den Sängern.

Der „Ring des Nibelungen“ – eine wundervolle Aufgabe für einen Regisseur, oder eine Bürde?

Schwarz: Ich denke, dass Wagner und speziell der „Ring“ als Monolith des Musiktheaters eine besondere Funktion einnehmen für jeden Regisseur, der sich dazu entschließt, in diesem Genre tätig zu sein. Wagners Werk fordert zu einer Haltung auf und entsprechend bilden sich für den „Ring“ zu Beginn des Studiums oder schon vorher Visionen, wie man zu einer Aussage kommen kann.

Das heißt, Sie tragen den „Ring“ schon lange mit sich herum?

Schwarz: Genau. Mit Richard Wagner gehe ich sehr lange schon schwanger.

Wie kamen Sie zum Musiktheater?

Schwarz: Ich komme aus einer Musikerfamilie, habe früh Geige und weitere Instrumente gespielt und in meiner Jugend als Schauspieler Theater gemacht. Und ich wurde von meinen Eltern in die Oper mitgenommen. Das war auch eine therapeutische Erfahrung, die in ihrer Überforderung auch jene Überwältigung bedeutete, die viele beim ersten Kontakt mit Musiktheater irritieren oder einschüchtern kann. Aber die wiederholte Beschäftigung hat zu unglaublichem Interesse geführt. Diese riesige emotionale Vielfalt der Werke habe ich im Studium der Musiktheaterregie wieder gefunden. Das hat mir gezeigt, dass beide Leidenschaften für Musik und Theater aufs Schönste verbunden werden können.

Welches  der von Ihnen bisher inszenierten Stücke hat Sie am meisten fasziniert?

Schwarz: Der größte Schritt für mich war der Ring Award, den ich 2017 gewonnen habe. Ohne diesen Wettbewerb wäre ich nicht da, wo ich heute bin.

Sie haben ihn mit Donizettis „Don Pasquale“ gewonnen, ein Konzept, dass Sie im Frühling 2022 auch nach Karlsruhe führt. Da kann man ja fast von Glück im Unglück sprechen, dass wir Sie vor Bayreuth bei uns erleben. Dennoch: Schade um Bayreuth.

Schwarz: Ja, mir fällt dazu nur ein historischer Vergleich ein: das Jahr ohne Sommer 1816 nach dem Ausbruch des indonesischen Vulkans Tambora. Genauso wird 2020 im Bewusstsein von Künstlern und Publikum als ein Jahr ohne Sommer in Erinnerung bleiben.