Eine Liebe, die nicht sein soll: Der alternde Firmenchef (Berth Wesselmann) und die junge Praktikantin (Lilli Lorenz) sind die Hauptfiguren in dem Drama "Vor Sonnenuntergang".

Saisonauftakt in Baden-Baden

Theater startet mit verbotener Liebe

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Ein 70-jähriger Unternehmer und Vater, der in Firma und Familie gleichermaßen als Patriarch schaltet und waltet, beginnt drei Jahre nach dem Tod seiner Frau ein Verhältnis mit einer 20-Jährigen – und plant sogar, sie zu heiraten. Da schrillen bei den vier erwachsenen Kindern ebenso die Alarmglocken wie beim Schwiegersohn, der als Direktor der Firma amtiert. Sturheit auf beiden Seiten führt zu verhärteten Fronten und endet in einer Katastrophe. So lässt sich Gerhart Hauptmanns 1932 uraufgeführtes Stück „Vor Sonnenuntergang“ kurz zusammenfassen – kein Wunder, dass das Theater Baden-Baden es zur Eröffnung der neuen Saison ausgewählt hat, die unter dem Motto „Erben“ steht. Denn im Kern ist die Geschichte zeitlos.

Zeitloser Grundkonflikt

Daher verweist auch die modernisierte Textfassung der Chefdramaturgin Kekke Schmidt zurecht nicht auf die „MeToo“-Debatte im Machtverhältnis zwischen alten Männern und jungen Frauen, sondern bleibt beim Grundkonflikt der Vorlage: Bis zu welchem Punkt ist ein Familienvater seiner Nachkommenschaft verpflichtet – und umgekehrt? Wer nach heutiger Relevanz dieser Frage sucht, denke nur an das Zerwürfnis zwischen Helmut Kohl und seinen Söhnen nach dem Tod seiner Frau Hannelore und der Heirat mit seiner früheren Mitarbeiterin Maike Richter.

Reigen der Intriganten

Hauptmanns Stück dreht sich allerdings vor allem um Gier und Egoismus der potenziellen Erben. Dieser Aspekt kommt auch in der Baden-Badener Inszenierung von Rudi Gaul deutlich zum Zug: Besonders im ersten Akt, in dem eigentlich noch alles zum Besten steht – der Unternehmer Matthias Clausen erhält zu seinem 70. Geburtstag die Ehrenbürgerwürde –, zeichnet das Ensemble ein wahres Panoptikum aus Intriganten und Taugenichtsen.

Abrechnung: Patriarch Matthias Clausen (Berth Wesselmann) ist von seiner Sippschaft tief enttäuscht. | Foto: Klenk

Da sind Max Ruhbaum und Simon Mazouri als die Söhne Wolfgang und Egmont – weltfremder Professor der eine, verschuldeter Lebemann der andere. Die älteste Tochter Bettina (Constanze Weinig) hat den Vater immerhin durch unermüdliche Unterstützung aus der Depression nach dem Tod der Gattin geholt, hält sich dafür aber nun für unersetzlich, die jüngere Tochter Ottilie (Maria Thomas) hat den unsensiblen, strikt profitorientiert denkenden Erich Klamroth (Patrick Schadenberg) geheiratet, der als Juniorchef den Zeitungsverlag des bildungsbürgerlichen Seniorchefs für die Digitalisierung rüsten will und überzeugt ist: „Der Kapitalwert einer Information hängt nicht in erster Linie von ihrem Wahrheitsgehalt ab, sondern von ihrer ökonomischen und politischen Wirkmächtigkeit.“

Giftspritze und Anwalt

Oberste Giftspritze ist Schwiegertochter Paula, von Nadine Kettler genüsslich mit der Arroganz der Überlegenen dargestellt. Die Tochter eines verarmten Adligen ist offenkundig dauerfrustriert in ihrer Ehe mit dem durchsetzungsschwachen Wolfgang und paktiert mit dem windigen Anwalt Hanefeldt (Mattes Herre mit schmierigem TV-Moderator-Charme), der die Affäre des alternden Hausherren mit der jungen Verlagspraktikantin über Bestechung von deren Großmutter (Rosaline Renn) beenden will. Auf der Seite des alten Clausen stehen nur der aufrechte Hausarzt Steynitz (Sebastian Mirow als brummiger Späthippie), der stocksteife Privatsekretär Wuttke (Michael Laricchia) und der zum 70. Geburtstag angereiste, im sich aufschaukelnden Konflikt machtlose Jugendfreund Geiger (Rainer Haring).

Unter Druck: Der Anwalt Hanefeldt (Mattes Herre, links) setzt Matthias Clausen (Berth Wesselmann) schwer zu. | Foto: Klenk

Packende Dynamik erhält dieser über zweieinhalbstündige Theaterabend immer dann, wenn der von Berth Wesselmann gespielte Matthias Clausen gegen seine Sippschaft antritt. Darstellerisch souverän pendelt Wesselmann zwischen ehrfurchtgebietender Präsenz, klarsichtigem Idealismus, selbstgefälliger Überheblichkeit, kompromisslosem Machtbewusstsein und kindischer Naivität.

Starker Hauptdarsteller

Vielschichtig zeichnet Wesselmann Clausen als so starken wie sturen Kopf (grandios ist die Szene, in der er seine Verbitterung in Small Talk voll kalter Verachtung kanalisiert), und Lilli Lorenz ist als große, schlanke, androgyn blonde Verlagspraktikantin Inken Peters die passende Partnerin: Eine äußerlich kühl-rational agierende Frau mit warmen Augen, der man glaubt, dass sie der belesene Charismatiker in Clausen mehr interessiert als der wohlhabende Chef.

Um rundum zu überzeugen, fehlt es der Inszenierung nach einem starken Auftakt allerdings an Szenen oder Momenten, die mehr erzählen als der Text ohnehin kundtut – die Figuren bilden eher einen Reigen als dass echte Beziehungen zwischen ihnen spürbar würden. Starker, anhaltender Premierenapplaus.

Nächste Vorstellungen: 19., 29., 30. September, 20., 26. Oktober, 1., 2. November. 

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