Jetzt schon eines der Gesichter der diesjährigen Berlinale: Helena Zengel, Hauptdarstellerin des Films "Systemsprenger". | Foto: dpa

Schauplatz Berlinale

Starke Storys statt Star-Glamour

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Wenn Nachrichtenagenturen es für berichtenswert halten, dass Heike Makatsch und Marius Müller-Westernhagen zu den Gästen der Berlinale-Eröffnung gehörten, dann lässt sich dem zwischen den Zeilen entnehmen: Mit internationaler Prominenz war da nicht wirklich viel los.

Die schlechte Nachricht für alle Boulevardblätter, Promi-Blogger und Star-Selfies-Sammler: Auch im weiteren Festivalverlauf wird Jury-Präsidentin Juliette Binoche oft die bekannteste Filmschaffende bei der Berlinale sein.

Eine Umarmung zum Schluss der Eröffnungs-Gala: Jury-Präsidentin Juliette Binoche und Berlinale-Direktor Dieter Kosslick. | Foto: dpa

 

Die noch angekündigten Stars mit Glamour-Faktor sind an einer Hand abzuzählen. Erwartet werden noch Diane Kruger und Martin Freeman („Die Agentin“), Christian Bale („Vice“), Catherine Deneuve  ( „L’adieu à la nuit“) und Charlotte Rampling, die den Goldenen Ehrenbären erhält. Früher hat Dieter Kosslick schon Nicole Kidman, Jack Nicholson, Leonardo DiCaprio, George Clooney und sogar die Rolling Stones in den Berlinale-Palast geleitet. Ausgerechnet bei seiner Abschieds-Berlinale gibt er sich auffällig promi-enthaltsam. Schwächelt die Berlinale?

Überrollende Wucht

Könnte man so sehen. Es lässt sich aber mit ebenso viel Recht sagen: In diesem Jahr sind die Geschichten die Stars. Etwa in dem deutschen Drama „Systemsprenger“. Da fällt ein neunjähriges Mädchen wegen unkontrollierbarer Aggressionen durch alle Therapieraster, obwohl es eigentlich nur Zuneigung sucht. Das Spielfilmdebüt von Nora Fingscheidt, Absolventin der Filmakademie Ludwigsburg, überrollt den Zuschauer geradezu. Das liegt an der Wucht und dem unfassbar glaubwürdigen Spiel der zehnjährigen Hauptdarstellerin Helena Zengel.

Starkes Kino: Helena Zengel als unkontrollierbare Benni in Nora Fingscheidts Spiefillmdebüt „Systemsprenger“. | Foto: Berlinale

Deren Leinwandpräsenz lässt sich vergleichen mit Natalie Portman in „Léon – der Profi“ oder Saoirse Ronan in „Wer ist Hannah?“. Es gelingt ihr, die dargestellte Figur mit ihrer mal ansteckend quirligen, mal schockierend destruktiven Energie über zwei Filmstunden hinweg so in der Schwebe zu halten, dass man sie ständig zugleich adoptieren und wegsperren lassen will.

Fokus auf private Geschichten

Francois Ozons Film „A Grace de Dieu“ arbeitet am konkreten Beispiel einer Diözese in Lyon die psychischen Langzeitschäden des Kindesmissbrauchs durch katholische Geistliche auf. Auch hier wirken die Figuren durch die weniger bekannten Gesichter echter, realistischer, gewissermaßen privater. Dazu passt, dass in diesem Jahr viele Berlinale-Filme von privaten Dramen erzählen. Freilich lassen sich dabei oft die großen gesellschaftlichen Zusammenhänge im Hintergrund erkennen.

Film gegen das Schweigen: Francois Ozon thematisiert in „Grace de Dieu“ den Skandal des Kindesmissbrauchs durch katholische Priester. | Foto: Berlinale

Da leuchtet ein, warum Kosslick über das Programm seiner 18. und letzten Berlinale das Motto „Das Private ist politisch“ gestellt hat. Zumal er mit diesem Slogan aus der Frauenbewegung von 1968 gleich auf einen weiteren Schwerpunkt des diesjährigen Festivals verweist. Denn das Thema weiblicher Selbstermächtigung zieht sich als Leitmotiv durch das Programm. Am augenfälligsten ist das in der Retrospektive, die sich Werken deutscher Filmemacherinnen zwischen 1968 und 1999 widmet.

Eine Frau, die in sich ruht: Dumlajav Ekhtarian als mongolische Hirtin in „Öndög“. | Foto: Berlinale

Aber auch in anderen Sektionen begegnen einem immer wieder Frauen, die entweder schon das Heft in der Hand haben (wie die resolute mongolische Hirtin im Wettbewerbsfilm „Öndög“), oder sich gezwungen sehen, die Initiative zu ergreifen. Die junge südafrikanische Regisseurin Jenna Bass etwa lässt in ihrem Film „Flatland“, mit dem die zweitwichtigste Festivalsektion „Panorama“ eröffnet wurde, eine junge Braut vor gewaltsamem Sex in der Hochzeitsnacht flüchten.

Auf dem Ross durch die Prärie – oder zumindest durchs südafrikanische Karoo-Becken: Izel Bezuidenhout und Nicole Fortuin in „Flatland“. | Foto: Berlinale

Was zunächst wie ein neuer Blick auf Ridley Scotts Klassiker „Thelma & Louise“ wirkt, spielt zudem mit Elementen des Westerns und mit einem staubtrockenen Blick auf männliche Armseligkeiten wie man ihn aus Filmen der Coen-Brüder kennt, etwa aus „Fargo“.

Im Abspann von „Flatland“ taucht übrigens ein in der hiesigen Fernsehlandschaft gut bekannter Name auf: Zu den vielen hier kooperierenden Produzentinnen und Produzenten gehört auch Desirée Nosbusch. Bei der Berlinale 2018 war sie mit der viel beachteten Serie „Bad Banks“ selbst noch als Schauspielerin zu Gast. Nun stand sie nach den Aufführungen von „Flatland“ mit dem Filmteam auf dem Podium. Das Publikumsinteresse galt aber der Regisseurin und die Darstellerinnen, die reichlich Fragen zur Story und zu den Figuren beantworten mussten. Denn die Stars bei dieser Berlinale sind die Geschichten.