Sind sich zweistimmig einig: Christoph Seiler und Bernhard Speer bei ihrem Auftritt im Karlsruher Substage | Foto: Elisa Reznicek

Seiler & Speer im Substage

Schweiß und Schmäh und G’suffa!

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Der Schweiß rinnt, das Bier fließt und flatscht beim Tanzen aus den Bechern. Seiler und Speer sind im ausverkauften Substage in Karlsruhe. Bis es in dieser gewittrig-schwülen Sommernacht ganz am Ende im Zugabenblock zum heiß ersehnten „Ham kummst“ kommt, einer großartigen Ballade für schlecht erziehbare Ehemänner, bis dahin ist es für jeden im gut gefüllten Saal eine schwere Herausforderung. Oder um es mit Seiler und Speer zu sagen: „a schware Partie“.

Die Versuchung des Zapfhahns

Es ist ein ständiges Ringen gegen die Hitze und die Versuchung des Zapfhahns. Es richtig „knoi’n lass’n“ ist trotzdem die Devise des Abends, und bei Songs wie „Ob und zua (samma zua)“ können einige gut mithalten. Kein Wunder: Die wartende Horde wurde ja vor Erscheinen der Stargäste aus Österreich ordentlich auf Bierzeltstimmung eingenordet von zwei anderen Burschen aus dem deutschen Süden: „Da Rocka & da Waitler“ sind das Punk-Rock-Duo aus München, dass seine Kunst, den Funken auf feiernde Massen überspringen zu lassen, irgendwo zwischen Wies’n und Apres-Ski gelernt haben muss. Nur, dass in Karlsruhe auf das zünftige „Oans, Zwoa, Drei…“ auf Anhieb keiner ein angemessenes „G’suffa!“ erwidert. Aber sonst sind sich schon beim Support alle einig: „Gehma in die Luft, ham a Gaudi, dass es kracht, und wir feiern die ganze Nacht“ („Gehma steil!“).

Ham a Gaudi, dass es kracht

In Sachen Stimmung können die Münchner dem Hauptact locker das Wasser respektive den Schweiß reichen. Der Unterschied liegt im Grunde vor allem im Dialekt und in der Tatsache, dass die musikalisch ohne Frage fähigen Jungs aus Bad Vöslau in Österreich nun dort angekommen sind, wo sie nie hinwollten – im Mainstream. Sie sind mit ihrem Hit „Ham kummst“ von 2016 durch die Decke geschossen, profitieren dank Wanda und Bilderbuch vom gut funktionierenden Boom des Austropop und exportieren diesen mit einer wirklich fantastischen, aber auch durch und durch professionellen Band.

Von den Lausbuben zu Vollprofis

Von österreichischer Nonchalance lebt ihr Auftritt jedenfalls nicht. Da stehen eben keine zwei österreichischen Lausbuben mehr auf der Bühne, sondern Vollprofis, die sich erfolgreich vermarkten. Hinzu kommt, dass Christoph Seiler mit seinem Harte-Schale-Weicher-Kern-Charisma, mit goldigen Rehaugen blinzelnd, aber mit bärtigem Bass und herrlich dreckertem Ösi-Slang in sein Mikro knödelnd seinen ein biss’l zu adrett mit Vorzeigepiercings und -Tattoos ausgestatteten Partner Bernhard Speer irgendwie in den Schatten stellt.

Neuer Aufguss Austropop

Es geht gleich zu Beginn gut zur Sache. Mit drei nach allen Regeln der Kunst treibenden Nummern setzen Seiler und Speer ihre musikalische Duftnote, die absolut zieht und doch nur ein neuer Aufguss des legendären österreichischen Austropop ist wie ihn Rainhard Fendrich schon vor gut 30 Jahren geprägt hat. Individueller oder überraschender ist die Variante jedenfalls bisher nicht, mit der sich das Duo nach eigenen Aussagen von der „deutschen Stangenware“ und der „08/15-Popmaschinerie“ abzuheben glaubt. Die meisten ihrer leicht angerockten Titel sind nicht weniger von der Stange, auch wenn die sympathisch angerostet ist.

Die Lieder gehen runter wie ein frisch Gezapftes

Die Liebe oder ab und zu ein kleiner Absturz, den man aber auch schnell wieder ausgeschlafen hat, das sind die Themen, mit denen es der Kabarettist und Schauspieler Seiler und der Produzent Speer schaffen, dass sich alle eins fühlen mit den beiden ungleichen Typen. Aus der vermuteten Eintagsfliege „Ham kummst“, die auch in die deutschen Charts kam, hat sich also eine kleine Erfolgsstory gemausert. Das Geheimnis ihrer Lieder, die runtergehen wie ein frisch Gezapftes: Es sind veritable Ohrwürmer, tanzbar, hervorragend zum Mitgrölen und auch mit ein paar Takten Zeit für Gitarrensoli, für die aber nicht Speer, sondern zwei Gitarristen von der die Tour begleitenden „MeliBar Combo“ ihre Saiten zum Glühen bringen.

Gaudi-Mix

Ein Gaudi-Mix aus den zwei Alben von „All inklusive“ inklusive Mitgrölanleitung („döp-döp-döp“) bis „Ois Ok“ gehört zur gut eine Stunde dauernden Setlist. Auch ein paar raue Balladen wie die „Sperrstund“ oder „Ala bin“. Am Ende werden die Songs auch musikalisch kreativer. Der neueste Song „Herr Inspektor“ lässt jedenfalls aufhorchen mit seinem Reggae-Groove und hoffen, dass die beiden, die Musik ja eigentlich nur nebenher machen, beim „grundsätzlich nie wos ernst nehmen“ trotzdem locker bleiben für neuen Schmäh.