In der Pause möchte man sie nicht missen: Seit einem Vierteljahrhundert arbeitet Sieglinde Mauersberger im Besucherservice am Bayreuther Festspielhaus. In dieser Zeit ist sie zum heimlichen Star vor allem für die Damen geworden. | Foto: Daniel Merk

In Bayreuth auf der Toilette

Sieglinde hat Schlüpfer in allen Größen

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Geht man mit Sieglinde für ein Foto vor das Bayreuther Festspielhaus, muss man Geduld haben. Es dauert keine Minute, da ruft eine Frau: „Ich kenne Sie!“ Nein, Sieglinde Mauersberger steht nicht auf der Bühne. Seit 25 Jahren aber gehört sie zum Festspielhaus. Und auch sie singt oft. Mehr so vor sich hin zwar und auch nur einen Dur-Dreiklang abwärts, aber er wirkt genauso heiter wie Sieglinde selbst, die „Muddi der Blauen Mädchen“, wie sie sich nennt. Und man möchte sich schon nach zwei Abenden bei den Bayreuther Festspielen eine Pause ohne die beliebte Toilettenfrau nicht mehr vorstellen.

„Sie haben mir schon so oft einen Platz an der Sonne angeboten!“, ruft also die Besucherin an diesem Nachmittag eineinhalb Stunden bevor die „Meistersinger von Nürnberg“ beginnen und eine halbe Stunde, bevor das altehrwürdige Haus aufgeschlossen wird. Sieglinde hat den Schlüssel. Sie kommt zum verabredeten Interview in ihrer Dienstrobe aus der linken von drei Eingangstüren heraus, die sie geflissentlich gleich wieder abschließt. Bevor das Foto für dieses Porträt der wohl beliebtesten Toilettenfrau der Opernwelt geschossen werden kann, wollen andere Besucher Selfies machen mit „unserer Sieglinde“ vor dem berühmten Balkon über dem Portal des Festspielhauses.

Als Toilettenfrau so berühmt wie die Stars

Seit 25 Jahren also kümmert sich die Bayreutherin Sieglinde Mauersberger um das Wohl der Festspielgäste. Früher war sie an der Garderobe, seit geraumer Zeit aber sorgt sie auf den Toiletten im Untergeschoss für einen reibungslosen Strom der Besucherinnen, von denen die meisten ungefähr zehn Minuten vor Beginn des nächsten Aktes noch schnell dafür sorgen wollen, dass sie bis zur nächsten Pause durchhalten ohne die Sitznachbarn aufscheuchen zu müssen. Das ist nämlich verpönt. Und dezentes Herausschleichen ist in den engen Klappstuhl-Reihen genauso undenkbar wie das Übereinanderschlagen der Beine. Die freie Lücke zwischen Knie und Vordersitz misst kaum fünf Zentimeter.

Manche kommen in Turnschuhen!

Wenn es aber etwas gibt, was Sieglinde Mauersberger an den sich verändernden Festspielbesuchern beobachtet seit Einführung der Online-Tickets, dann ist das eben die Unerfahrenheit mit den relativ starren, aber durchaus logischen Abläufen in dem denkmalgeschützten und daher etwas umständlichen Gebäude. Viele Gäste seien keine Wagnerianer, sondern wollen nur „einmal dabei gewesen sein“ bei den berühmten Richard-Wagner-Festspielen: „Sie kennen das strenge Zeremoniell nicht mehr, das wir hier haben“, sagt Mauersberger und meint die üblichen Knigge-Regeln beim Opernbesuch wie Handy ausschalten oder das Sakko anlassen. Da komme es vor, dass die eine oder der andere schnell noch eine rauchen gehen möchte kurz bevor es losgeht. Manche kämen in Turnschuhen. „Ich versteh’ nicht, dass man so überhaupt reinkommt“, wundert sich die Fränkin. „Vor allem jüngere Leute denken außerdem, sie können bei laufender Vorstellung einfach aufs Klo gehen und dann wieder zurück auf den Platz. Aber wer regelmäßig in die Oper geht, weiß, dass man sitzen bleibt und nicht aufsteht.“

Reibungsloser Strom zwischen Sonnenplatz und Schattenplatz

Was ausbrechende Besucherinnen jedenfalls ganz bestimmt nicht hören, ist Sieglinde Mauersbergers flötendes „Da drüben hab ich einen schönen Sonnenplatz für die Dame“ oder „zwei lauschige Plätzchen im Schatten, bitte, hier hinten!“. Die freundlichen Hinweise gibt sie immer dann, wenn es eng wird auf der Toilette mit ihren 15 Kabinen und acht Waschbecken. Zwischen Sonnen- und Schattenplätzen liegt immer ein frischer Raumduft in der Luft und Sieglinde summt, weist an oder erinnert liebevoll aber streng: „Fünf Minuten hamma noch!“ Das hat schon so manche Frau vor der verschlossenen Saaltür gerettet.

Schlüpfer in allen Größen

Außerdem liegen Bonbons bereit, Hygieneartikel, ein Kamm für strapazierte Frisuren samt Haarspray, Nähnadeln und Garne in allen Farben oder Smoking-Knöpfe. Es wurde schon alles gebraucht. Und es kommt noch besser. Denn was sich Besucherinnen in ihren schlimmsten Befürchtungen nicht ausmalen, da sorgt sie vor: Sieglinde hat Schlüpfer. „In allen Größen!“, betont sie. Und darüber muss schon so manche heilfroh gewesen sein. Ihre mütterlich liebevolle Art und die strengen Sprüche gehören inzwischen zum Betrieb wie Wotan zur Götterdämmerung. „Was soll man auch sagen?“, Mauersberger zuckt mit den Schultern. Sie findet es besser, freundlich zu sein als immer nur „bitte hier, bitte da“ zu sagen. Und weil die Kabinen vorne unter den Lampen sind, die hinteren nicht, kam ihr die Idee mit den sonnigen Plätzen und den schattigeren – „still, ruhig, lauschig“, lacht sie.

Zur Not ins „Kämmerle“

Mauersberger weiß genau, wo Pannen lauern und was sie bereithalten muss. Dass immer wieder Gäste in Ohnmacht fallen während der Vorstellung, sei neben der Tatsache, dass sie an heißen Tagen oft nicht genug trinken, meistens Kopfsache. Zuviel Flüssigkeit sei kein Problem, „das schwitzt man alles raus. Einfach ruhig angehen“, ist daher ihr Rat. „Und rechtzeitig vorher erkundigen, wie man auf seinen Platz kommt“, die Wege seien länger als man denkt. Wem es dann doch mal schlecht geht, der setzt sich zu Mauersberger ins „Kämmerle“.

Rettet auch Hemden

Es gebe viele Gäste, die sich jährlich auf sie freuen, sei es weil sie verlorene Hörgeräte wiedergefunden hat, sei es, weil sie Hemden schneller reinigt als Meister Proper. So habe ein Gast aus Italien, der zehn Jahre auf seine Festspiel-Karte gewartet habe, das Pech gehabt, dass sich eine junge Frau hinter ihm im „Parsifal“ über sein Hemd erbrochen hatte. Sieglinde half. „Ich bin hier nicht nur Toilettenfrau“, sagt sie. „Ich bin für alles da. Die Muddi von den Blauen Mädchen, nennen sie mich.“ Die Platzanweiserinnen bedanken sich daher auch jährlich am Ende der Festspiele mit einem kleinen Geschenk bei ihr.

Tränen für Plácido Domingo

Sieglinde Mauersberger selbst hat mit „Parsifal“ nur die schönsten Erinnerungen, was nicht zuletzt an Plácido Domingo liegt. Seine Mitwirkung bei der Aufführung im Jahr 1995 berührte sie so sehr, dass sie vor einem Jahr als Abschiedsgeschenk von den Blauen Mädchen die entsprechende Parsifal-Aufnahme mit dem Star-Tenor überreicht bekam. Und nicht nur das. Domingo war 2018 wieder in Bayreuth, diesmal als Dirigent. Die Blauen Mädchen arrangierten daraufhin ein Treffen, und Domingo kam zu Sieglindes Saison-Abschied in die Kantine. „Das war mein schönstes Erlebnis!“ Wie sie das erzählt, kommen ihr die Tränen. „Jetzt geht’s schon wieder los“, sagt sie lachend und weinend. Aber auch dafür hat sie ein Taschentuch.