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Zoom-Konferenz zu „Gott“

Staatstheater Karlsruhe: Online-Lebenszeichen mit Sterbehilfe-Drama

Zoom-Konferenz statt Aufführung: Das Staatstheater Karlsruhe lädt live im Internet zur Begegnung mit dem Stück „Gott“, das ärztliche Beihilfe zum Suizid diskutiert.

Schauspielensemble im Zoom-Format: Ein Screenshot aus der Online-Performance des Badischen Staatstheaters zum Stück „Gott" von Ferdinand von Schirach. Foto: Andreas Jüttner

War das Timing nun passgenau oder befremdlich? Wie bei vielen Dingen im Leben ist es eine Frage der Perspektive, wie man dazu steht, dass das Schauspiel des Badischen Staatstheaters Karlsruhe sein erstes Online-„Lebenszeichen“ im Corona-Lockdown mit einem Text zum Thema Sterbehilfe gab.

Passgenau war der Termin am vergangenen Sonntagabend insofern, als zwei Tage zuvor in Berlin ein Gesetzentwurf zur Sterbehilfe vorgestellt worden war. Befremdlich könnte man die Einladung nennen, ausgerechnet in Zeiten, in denen allerorts um das Überleben gerungen wird, zur Diskussion über Sterbehilfe einzuladen.

Diese Diskrepanz lässt bereits erahnen, an welche Grenzen das Theater als Kunstform stoßen kann, wenn es versucht, so zeitgemäß wie möglich zu sein. Immerhin: Ohne Corona-Lockdown hätte das Staatstheater mit dem Stück „Gott“ des Bestsellerautors Ferdinand von Schirach (Foto: Jens Kalaene/dpa) eine Punktlandung hinlegen können. Denn dessen Premiere war seit langem für den Sonntagabend geplant gewesen und hätte im Sitzungssaal des Bundesgerichtshofs stattfinden sollen – eine große Kulisse für große Fragen.

Online-Einblick in den Probenstand

Doch Corona hat nicht nur die Premiere verhindert, sondern auch die Proben unterbrochen. Daher war die nun angebotene Online-Präsentation bewusst nicht als Aufführung angekündigt, sondern als Einladung des Ensembles an das Publikum, „einen Einblick in den Probenstand und die hochaktuelle Diskussion zum Thema Sterbehilfe und Suizid“ zu bekommen. Ziel der rund 45-minütigen Lesung aus Kernszenen war, wie die stellvertretende Schauspieldirektorin Anna Haas als zuständige Dramaturgin erklärte, die Anregung zur offenen Diskussion.

In der Theorie klingt es schlüssig: Wenn man als Theater schon ins Internet ausweichen muss, dann am besten mit einer Form, die den Live-Charakter einer Aufführung ins Netz rettet. Und da „Gott“ zwar nicht wie „Terror“ vor einem Gericht spielt, sondern vor dem Ethikrat, aber in erster Linie aus Rede und Gegenrede von argumentierenden Kontrahenten besteht, drängt sich das Format einer Videokonferenz geradezu auf.

Text bleibt ohne Bühnengeschehen trocken

Die Realität des ersten Termins – bislang sind zwei weitere angesetzt – legte allerdings auch offen, wie untheatral das dialogisch angeordnete Dozieren in von Schirachs Texten letztlich ist. In diesem Online-Versuch blieb die Frage offen, inwieweit man Theaterleute vom Kaliber einer Elke Petri und Lisa Schlegel oder eines Heisam Abbas, Andrej Agranowski, Jannek Petri und André Wagner benötigt, um Statistiken und Umfrageergebnisse zu referieren oder in Fallbeispielen die mitunter schwer nachvollziehbare Logik in der Justiz (von Schirachs offensichtliches Lieblingsthema) anzuprangern.

Allerdings ist hier in theatraler Hinsicht bis zur Premiere (die nun auf Oktober verlegt ist) wohl noch einiges zu erwarten. Die Regisseurin Elke Petri (Foto: Felix Grünschloß), die auch die Rolle der suizidwilligen 78-jährigen Renate Gärtner übernimmt, erklärte im Nachgespräch mit den rund 50 Besuchern der Videokonferenz, sie interessiere sich für die Brüche in den Figuren. Selbst wenn von Schirach dies im Text nicht ausarbeite, sei sie sicher: „Auch die Fachleute stellen sich Fragen.“

Wie belebend eine darstellerisch angedeutete Selbstbefragung für solche Texte sein kann, hatte in der ARD-Verfilmung von „Gott“ Ulrich Matthes in der Rolle des Bischofs gezeigt. Insofern bleibt nicht nur für den Karlsruher Darsteller dieser Rolle (Timo Tank, bei der Online-Präsentation terminlich verhindert) abzuwarten, was letztlich auf der Bühne zu sehen sein wird.

Künftig mehr Online-Formate geplant

Insofern ist auch das Lob einer Besucherin im Chat eine Frage der Perspektive: Der Abend habe ihr gezeigt, wie sehr sie das Theater vermisse, schrieb sie, wohl als Ausdruck der Freude über das Wiedersehen mit dem Ensemble. Deutlich wurde aber auch, dass eine Videokonferenz noch kein Theater ist. Immerhin wird das Staatstheater die Kernkompetenzen seines künstlerischen Personals auch online wohl bald stärker zur Geltung bringen.

Eine Sprecherin erklärte, das Schauspiel arbeite am Streaming-Angebot eines kompletten Stücks sowie einer „Hybrid“-Produktion, die online und auf der Bühne gezeigt werden soll. Auch die anderen Sparten bereiteten Online-Formate vor. Der reguläre Spielbetrieb ist bis zum 31. März eingestellt

Service

Weitere Termine gibt es am 6. und 7. Februar, je 19 Uhr.

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