Anno Schreier in einer Reihe mit Verdi, Wagner und Mozart. Die Deutsche Oper am Rhein wirbt auf Taschen mit den wichtigsten Komponisten der aktuellen Düsseldorfer Opern-Saison. | Foto: Susanne Diesner

Uraufführung in Düsseldorf

Stoff zum Schaudern aus Karlsruhe: Anno Schreiers neueste Oper

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Bei Wolf Haas würde es heißen: „Jetzt ist schon wieder was passiert.“ Bei Anno Schreier wird nämlich wieder zugeschlagen. „Schade, dass sie eine Hure war“ (’Tis Pity She’s a Whore“) heißt ein Drama von John Ford, das vor bald 400 Jahren uraufgeführt wurde. Der Shakespeare-Zeitgenosse lässt darin rings um ein in inzestuöser Liebe verfangenes Geschwisterpaar nach Art des elisabethanischen Schauerdramas intrigieren, metzeln, morden. Anno Schreier hat daraus seine sechste Oper geschaffen, die am 16. Februar am Opernhaus Düsseldorf uraufgeführt wird und wie schon „Die Stadt der Blinden“ (2010) oder „Mörder Kaspar Brand“ (2011) erschüttert.

Drama aus Englands dunkelster Epoche

Dabei ist der 1979 geborene und damit noch relativ junge Komponist einfach nur fasziniert von den Untiefen der menschlichen Psyche. Er möchte sich in die Figuren einfühlen und seine Musik auf dem Weg durch eine möglichst nervenaufreibende literarische Vorlage ebenso verkleiden wie es die Sängerinnen und Sänger auf der Bühne tun. Seine Librettistin Kerstin Pöhler hat in dem Drama aus der Regierungszeit Charles I., der dunkelsten Zeit in der Geschichte des englischen Königreiches, genau den richtigen Stoff gefunden für den Komponisten, als die Deutsche Oper am Rhein nach dem Erfolg mit der Kammeroper „Kaspar Brand“ auf ihn zukam – diesmal mit dem Auftrag einer abendfüllenden Oper.

Krasser Stoff und starker Kaffee

Inzest statt verfeindeter Familien ist die Ausgangslage: „Das Stück ist ähnlich wie Romeo und Julia, aber um eine Schraubendrehung krasser“, warnt Anno Schreier, gießt Kaffee ein und warnt ein zweites Mal: Er sei extrem stark, also Vorsicht. Draußen ist es an diesem Tag in Karlsruhe bitterkalt. Heiß und stark ist im Wohnzimmer von Anno Schreier nicht nur der Kaffee, sondern auch die bunte Mischung an CDs, die längst über das Fassungsvermögen der Regale hinausgewachsen sind und sich auch auf einem Tisch neben dem Sofa stapeln. Eine Patchworkfamilie, wenn man so möchte: Die Pet Shop Boys, die Chemical Brothers, R.E.M. und Pat Metheny liegen auf Josquin Desprez. Das 20. Jahrhundert auf dem 15. Er sei kein Klassikfan, antwortet der stille Mann aus Aachen, der bei Manfred Trojahn in Düsseldorf und bei Hans-Jürgen von Bose in München Komposition studierte, auf die Frage, welche Stimmen der Opernwelt er besonders schätze. Schickt dann aber hinterher: „Früher die Callas, heute Marlis Petersen.“

Namhafte Regisseure widmen sich seinem Werk: Anno Schreier hat schon sechs abendfüllende Opern komponiert. Er bezeichnet sich als klassischen Komponisten mit der Herangehensweise eines Pop-Künstlers. | Foto: Susanne Diesner

Wie ein Pop-Künstler

Anno Schreier hat eine große Affinität zur Pop-Kultur. „Es gehört Talent dazu etwas Banales zu machen“, sagt er. „Wir in Europa wollen etwas sehr Tiefgründiges, Ernsthaftes schaffen. Ein klassisches Musikstück hört man, beschäftigt sich damit und kann sich dem annähern. Popmusik aber ist hier“, sagt er und hält die Hand direkt vor sein Gesicht. „Man muss sich keine großen Gedanken machen.“ Diese unmittelbare, plakative Art, wie Pop auf einen wirkt, könne man intelligent einsetzen. „Man kann viel daraus lernen. Wenn man die Popmusik der vergangenen 70 Jahre hört, da sind die besten Stücke genauso großartig wie die besten Werke der Klassik. Auch wenn man das eine nicht mit dem anderen vergleichen kann.“ Popmusik sei immer auch etwas Dilettantisches, weil sie nicht darauf basiert, dass man jahrelang ein Instrument einstudieren muss um sie vorzutragen. Sich selbst sieht er als klassischen Komponisten mit der Herangehensweise eines Popkünstlers. Er kombiniert Vorgefundenes. Wie man in einem Supermarkt verschiedene Sachen in den Einkaufswagen lädt. Schreier schreibt Musik für klassische Musiker, aber er kombiniert sie ganz in Pop-Manier auf eine „völlig krude Art und Weise miteinander. Vielleicht ein bisschen respektlos.“

Leider eine Hure

Namhafte Regisseure kümmern sich mittlerweile darum, die Opern des Mannes auf die Bühne zu bringen, der sich für sein relativ junges Alter schon einen beachtlichen Namen vor allem im Musiktheater gemacht hat. In Salzburg inszenierte Christof Loy 2016 die Uraufführung von Schreiers „Hamlet“ am Theater an der Wien, jetzt macht sich David Hermann an die Causa Annabella, die ja nun leider eine Hure war.
Schreier gefällt an dem Drama von John Ford das Spiel der vielen Nebenhandlungen, der Intrigen, dass alles aus dem Ruder gerät um des Schockeffekts Willen – wie in den B-Movies der 1970er Jahre. Es sei zwar schwierig, eine tiefere Psychologie zu finden, weil die Figuren sehr holzschnittartig geschildert sind, aber die Fallhöhe sei dafür umso höher.

Fruchtbarer Boden für Furchtbares

Schreier arbeitet mit verschiedenen musikalischen Stilebenen, die zum Teil vertraut klingen, aber zugleich verfremdet werden. „Die Musik verkleidet sich“, erklärt er. Das Artifizielle interessiert Schreier mehr als die Realität. „Die Oper besteht im Wesentlichen daraus, dass Menschen sich verkleiden“, erklärt er die Tatsache, dass auch seine Musik mitmache bei der Maskerade. „Wagners Musikästhetik will einen einsaugen. Verdis nicht. Seine Opern sind Theater, und das wird mitreflektiert. Verdi will nicht überwältigen.“ Das findet Schreier spannend. Der Gesang verhindere ohnehin jeden Realismus. „Man singt ja auch nicht, um sich zu unterhalten.“ Er möchte mit Opernklischees spielen. Mit seinem grausamen Intrigenspiel hat ihm John Ford einen fruchtbaren Boden bereitet. Und offenbar einen furchtbaren. Man darf gespannt sein.

„Schade, dass sie eine Hure war“, Oper in fünf Akten, Uraufführung am 16. Februar im Opernhaus Düsseldorf. Karten und weitere Informationen: Opernshop Düsseldorf (Tel. 0211.89 25 211)