Struwwelpeter mit Eltern: Szene mit Gunnar Schmidt (Vater), Tom Gramenz (Peter) und Lisa Schlegel (Mutter) aus Ekat Cordes’ Karlsruher Inszenierung des Musicals „Shockheaded Peter“. | Foto: Felix Grünschloß

„Struwwelpeter“ in Karlsruhe

Putziges Musical mit vielen Bühnenleichen

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Sollten Kinder Engel sein? Das mögen sich manche gestressten Eltern mitunter wünschen. Aber Vorsicht: Erstens wird aus einem durchweg gehorsamen Kind wohl kaum ein selbstständiger Erwachsener. Zweitens: Wörtlich genommen muss ein Kind sterben, um ein Engel zu werden. Und selbst dieser himmlische Aufstieg ist nicht für jeden erstrebenswert: „Wir haben Angst und sind allein / Gott weiß, ich will kein Engel sein“, heißt es in einem Rammstein-Song. Und der ist einer von vielen Titeln, mit denen am Badischen Staatstheater das Struwwelpeter-Musical „Shockheaded Peter“ ergänzt worden ist.

Eigentlich besteht die 1998 in London uraufgeführte „junk opera“ (zu deutsch: Abfall-Oper) aus elf morbiden Songs des britischen Chanson-Trios The Tiger Lilies. Aus den Geschichten des „Struwwelpeter“-Bilderbuchs wird dabei eine ziemlich schwarzhumorige Revue voller tödlicher Strafen für ungezogene Kinder.

Auf zweieinhalb Stunden aufgefüllt

Damit lassen sich aber keine zweieinhalb Stunden füllen. Außerdem will die Karlsruher Inszenierung von Ekat Cordes auch überzogene Eltern-Ansprüche aufs Korn nehmen will. Daher gibt es hier eine ganze Menge mehr Musik. Von Eric Claptons „Tears in Heaven“ bis Gustav Mahlers Kindertotenlied „Oft denk ich, sie sind nur ausgegangen“.

Musikalisch runde Sache

Daran ist erstmal nichts auszusetzen, denn musikalisch ist diese Produktion eine rundum sichere Bank. Unter der bewährt souveränen Leitung von Clemens Rynkowski, der mit seinen Brüdern David und Florian nun schon zum achten Mal das Karlsruher Schauspiel unterstützt, spielt eine zehnköpfige Band. Diese ist bis auf zwei Positionen identisch mit jener des Erfolgsmusicals „Hair“.

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Bunt-bewährte Showeffekte

Wer dort seinen Spaß hatte (ebenfalls ein Stück über ungezogene und ungekämmte Kinder), darf sich auch unbesorgt auf diesen Abend einlassen. Zwar wirkt das Thema drastisch: sterbende Kinder. Und wortreich werden die Zuschauer anfangs vor „Ungeheuern jenseits Ihrer schlimmsten Albträume“ gewarnt. Doch wie ebenfalls schon bei „Hair“ setzt Regisseur Ekat Cordes vor allem auf bunte und bewährte, um nicht zu sagen beliebige Showeffekte.

Auffällig ist das vor allem im ersten Drittel. Da werden die Geschichten vom bösen Friederich, dem zündelnden Paulinchen, dem daumenlutschenden Konrad und dem Suppenkaspar mit allerlei Gehampel abgehakt. Statt beispielsweise in einer szenischen Choreografie zu erzählen, warum Kaspar (Heisam Abbas) seine Suppe nicht essen will, bietet die Aufführung Mummenschanz mit Radetzkymarsch und (bewusst?) unbeholfen tanzendem Suppengemüse.

Druck auf Übertreibungstube

Und so sportiv Swana Rode auch als Paulinchen mit einem überdimensionalen Zündholz herumturnt, so wenig mag man für ihre Geschichte entflammen. Derweil drücken Gunnar Schmidt und Lisa Schlegel als überkandidelte Eltern zwar herrlich auf die Übertreibungstube und zeigen sich auch gesanglich gewohnt stark. Inhaltlich sind ihre Figuren aber bald auserzählt.

Furioses Solo

Fahrt nimmt die Aufführung erst auf, als sie selbst gewissermaßen von einem ungezogenen Kind gesprengt wird: Jens Koch reißt die Bühne mit einem furiosen Solo an sich. Ohne Bandbegleitung singt und tanzt er sich durch ein Medley, und der Kontrast zwischen klischeehaften Aufreiz-Posen à la Britney Spears. Hierbei erzählt Kochs ungehemmt zur Schau gestellten Fülligkeit eine ganz eigene Geschichte von Selbstermächtigung.

Amoklauf und Supernanny

Er ist auch Protagonist als Scheidungskind in einer der wenigen starken Elternszenen: Vater und Mutter überbieten sich mit Geschenken, und auf dem Weg von der Wasserpistole bis zur MP mutiert der beschenkte Bub zum Amoklauf-Monster. Das wiederum ruft die Supernanny auf den Plan. Deren enervierende Hysterie wird zwar von Lucie Emons mit überwältigender Energie über die Rampe gebracht, liefert aber wenig Erkenntnisangebote.

Immer schön zweidimensional

Das ist charakteristisch für diese Aufführung, die zwar laut Programmheft Denkanstöße „über die eigenen Erziehungsmaßnahmen und den respektvollen Umgang mit anderen Menschen“ geben will, im Ergebnis aber dem Publikum beruhigend suggeriert, auf der „richtigen“ Seite zu stehen. Die Figuren bleiben so zweidimensional wie das bilderbuchhafte Bühnenbild von Anike Sedello. Und trotz zahlreicher Kinderleichen auf der Bühne bleibt das Geschehen eher putzig als gruselig.

Finale mit Pink Floyd

Im Finale darf noch der Kinder- und Jugendchor Cantus Juvenum zu Pink Floyds schon reichlich angejahrtem Schlachtruf „We Don’t Need No Education“ mittanzen. Das wird im Programmheft als „kleine Revolution“ verkauft – konsequentes Ranschmeißen wäre der treffendere Ausdruck gewesen. Einen Schock muss bei „Shockheaded Peter“ niemand befürchten. Ist ja alles nur ein Musical.

Hier geht’s zur Homepage des Staatstheaters.