Tony Joe White
Tony Joe White ist tot. | Foto: Andy Kropa/Invision

Tod mit 75

Blues und Rock aus den Sümpfen – Tony Joe White gestorben

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Berlin/Leiper’s Fork (dpa) – Ein weißer Sänger und Gitarrist, der den schwarzen Blues im Blut hatte, Soul und Rock ebenso beherrschte und damit die Musik der US-Südstaaten beeinflusste wie kaum ein Zweiter: Das war Tony Joe White, der jetzt mit 75 Jahren gestorben ist.

Sein «Swamp Rock» – frei übersetzt: Rockmusik aus den tiefsten Sümpfen – hat Musiker wie Eric Clapton oder Creedence Clearwater Revival inspiriert. White-Songs wurden von Weltstars wie Elvis Presley, Ray Charles, Tina Turner und Randy Crawford gecovert.

Zunächst hatte Whites aktuelle Plattenfirma Yep Roc am Donnerstagabend unter Berufung auf seine Familie vom Tod des Künstlers berichtet und «tiefen Respekt und Bewunderung» ausgedrückt. Der 75-Jährige sei am Mittwoch in seinem Haus in Leiper’s Fork im US-Staat Tennessee «unter natürlichen Umständen» gestorben.

Im September hatte der seit mehr als 50 Jahren aktive Musiker sein neues Album «All Mouthin’» veröffentlicht, auf dem er zum klassischen, aufs Wesentliche reduzierten Blues mit Gitarre und Mundharmonika zurückkehrte. Da war der dunkle Schmelz, mit dem White einst die wunderschön melancholische Ballade «Rainy Night In Georgia» gesungen hatte, aus seiner Stimme verschwunden. Die urwüchsige, raue Platte wurde von Kritikern und Fans dennoch gefeiert wie die meisten seiner Werke.

«Polk Salad Annie» und besagtes «Rainy Night In Georgia», beide aus dem Jahr 1969, waren Schlüsselsongs für Tony Joe Whites lange, fruchtbare Karriere. Damit startete der am 23. Juli 1943 in Goodwill/Louisiana geborene Musiker – nach ersten Stationen in Texas und der Country-Metropole Nashville/Tennessee – eine Laufbahn, die weniger von eigenen Top-Hits als von Erfolgen anderer Sänger mit seinen atmosphärisch brillanten Liedern geprägt war.

Allein «Rainy Night In Georgia» wurde ein «American Standard» und Dutzende Male eingespielt – zunächst vom Afroamerikaner Brook Benton, der 1970 Platz vier der US-Charts erreichte, später von Ray Charles, Randy Crawford, Aaron Neville, Shelby Lynne und Boz Scaggs.

Und auch «Polk Salad Annie» gehörte zum Repertoire von mehr als 40 anderen Sängern – von Johnny Hallyday über Tom Jones bis zu Elvis Presley. Der «King of Rock’n’Roll» führte in den 70er Jahren dann auch Whites «For Ol‘ Times Sake» and «I’ve Got A Thing About You Baby» in die Charts.

In den 80ern – einer Dekade, die wenig für Whites erdigen, handgemachten «Swamp Rock» übrig hatte – war der Singer-Songwriter weitgehend raus aus dem großen Geschäft. Bis er mit der damals auf dem Höhepunkt ihrer Karriere stehenden Tina Turner für ihr Album «Foreign Affair» (1989) zusammenarbeitete – er schrieb vier Songs, spielte Mundharmonika und Gitarre, etwa beim Riesenhit «Steamy Window». Seither war White mit regelmäßigen Alben und Tourneen eine hoch respektierte Persönlichkeit des traditionellen Rock und Blues.

«Tony Joe White war ein echtes amerikanisches Original», so würdigte der Mitbegründer von Yep Roc Records, Glenn Dicker, den Sänger und Gitarristen am Tag nach seinem Tod. «Alles, was er machte, machte er mit seiner eigenen einzigartigen Stimme.»

Das Label zitiert den Musiker so: «Wenn es so etwas wie eine Verbindungslinie gibt zwischen all dem, was ich gemacht habe – dann ist es wohl Wahrhaftigkeit. Selbst meine hübschen kleinen Liebeslieder sind wahrhaftig, inspiriert von echter Liebe und echtem Leben.» Worte wie gemacht für Whites Grabstein.