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Verspätete Musical-Premiere

Frische Luft in der Gruft: „Tanz der Vampire“ ist zurück in Stuttgart

Wegen Corona musste die Rückkehr von „Tanz der Vampire“ nach Stuttgart verschoben werden. Nun feierte das Kult-Musical endlich Premiere. Aber kann das Stück nach mehr als 20 Jahren noch begeistern?
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Ihren gewichtigen Jahrestag haben die Vampire knapp verfehlt. Eigentlich sollten sie in Stuttgart mit einer rauschenden Premiere auch gleichzeitig Geburtstag feiern – im April 2020 nämlich, ziemlich genau 20 Jahre nach der Deutschlandpremiere von „Tanz der Vampire“ in der gleichen Stadt. Die Tickets waren schon verkauft, das Ensemble bereit, doch dann kam Corona. Anderthalb Jahre später konnte Graf von Krolock nun endlich wieder zum Ball laden.

Und die Premiere im Palladium Theater, wenige Schritte von der Brutstätte des „Grusicals“ in Deutschland entfernt, geriet zwar nicht zur Geburtstagsfeier, dafür aber zum Befreiungsakt.

So freuten sich nicht nur prominente Gäste wie „Äffle & Pferdle“-Sprecher Heiko Volz darüber, endlich mal wieder einen roten Teppich unter den Füßen und ein kühles Bier in der Hand zu haben. Vor allem merkte man dem gesamten Ensemble bereits beim ersten Stück an, dass hier gerade Monate der Ungewissheit, des Stillhaltens und der Anspannung lauthals weggestampft, -getanzt und -gesungen werden.

Zurück auf der Bühne: Mit dem Musical „Tanz der Vampire“ läuft der Spielbetrieb nach der Corona-Pause in Stuttgart wieder an. Foto: Jan Potente/Stage Entertainment/dpa

Dass die Vampire immer älter werden, ist allerdings nicht für alle ein Grund zum Feiern. Viele Fans haben sich in den vergangenen Jahren von dem Kultstück abgewendet, sie kritisieren schrumpfende Orchester, ein zusammengespartes Bühnenbild und verstärkte Musik vom Band bei gleichzeitig steigenden Ticketpreisen.

Schafft Stage Entertainment es trotzdem noch, das Publikum mit dem Klassiker zu begeistern? Nach der gefeierten Wiederaufnahme in Stuttgart muss man eindeutig sagen: ja.

Die Besetzung der Stuttgarter „Vampire“ ist gut eingespielt

Das liegt vor allem an den Darstellern, die zum Großteil schon 2019 in den gleichen Rollen in Oberhausen auf der Bühne standen und es sichtlich genießen, wieder durch die Gruft zu wirbeln. Nicolas Tenerani verleiht dem gewitzten Wirt Chagal eine ganz eigene Verrücktheit, während Diana Schnierer mit starker, klarer Stimme eine eher brave Version seiner Tochter Sarah abgibt.

Besonders sticht Anja Backus als Magda hervor, die von Wut, Trotz und Trauer bis hin zu Verachtung sämtliche Emotionen in ein einziges Solo packen kann – und für die man sich glatt viel mehr Bühnenzeit wünscht. Filippo Strocchi wiederum verführt als Graf von Krolock mit seiner aalglatten und gleichzeitig durchdringenden Stimme nicht nur die junge Sarah.

Zwar stecken die Darsteller immer noch in den gleichen Kostümen, die auch aus der Filmvorlage von 1967 stammen könnten. Zwar fuchteln sie immer noch mit den gleichen Retro-Requisiten herum und räkeln sich an der immer noch gleichen Wendeltreppe. Doch die Musik mit ihrer Mischung aus Grusel- und Kuschelrock, die Situationskomik und die düstere Spannung schaffen es auch nach all den Jahren noch, die Zuschauer in ihren Bann zu ziehen. Das merkt man immer wieder am ungewöhnlich häufigen Szenenapplaus und an Jubelrufen, vielen Lachern und dem kollektiven Zusammenzucken des Saals.

„Tanz der Vampire“ in Stuttgart mit atemberaubend hohem Tempo

Zeit zum Durchatmen haben Zuschauer und Darsteller zwischen Wirtshaus-Gewusel, blutigen Bissen und Ballsaal jedoch selten. Das Ensemble rast geradezu durch das rund zweieinhalbstündige Stück, teilweise wirken Szenen und Übergänge gehetzt. Auch das Orchester unter der Leitung von Boris Ritter scheint stellenweise den Sängern hinterher zu hinken.

Vielleicht ist man Tempo und Lautstärke nach der langen Corona-Ruhe aber auch einfach nicht mehr gewohnt. Oder hat man auf der Bühne Angst vor einer Rückkehr der Stille? Das sonst so genüssliche Spektakel des „Carpe Noctum“-Tanzes oder der normalerweise behutsam und besinnlich ausgekostete Selbstzweifel des Grafen in der „Unstillbaren Gier“ fliegen gefühlt innerhalb weniger Augenblicke vorbei.

Wenn das Publikum zu lange klatscht, verpasst es die ersten Takte der nächsten Szene – und Grund für Applaus gibt es in dieser Wiederaufnahme genug. „Tanz der Vampire“ hat auch nach mehr als 20 Jahren in Deutschland noch das Zeug zum Publikumsliebling. Im Finale klatschen die Zuschauer bereits euphorisch mit und stehen Sekunden nach dem Schlussakkord gesammelt zur Ovation.

Es wurde Zeit, dass die Vampire wieder zum Tanz laden – und ob die Feier nun 20 oder 21 Jahre nach der Deutschlandpremiere stattfand, ist am Ende des Abends ein längst vergessenes, unwichtiges Detail.

Service

„Tanz der Vampire“ wird bis Ende August 2022 achtmal wöchentlich im Stuttgarter Palladium-Theater gezeigt. Spielzeiten und Tickets unter www.stage-entertainment.de.

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