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Bei dieser Kunst ist Nähe lebenswichtig

Tollhaus Karlsruhe hat Artistik-Festival „Atoll“ auf Corona-Bedingungen umgestellt

Mehrere Monate stand es auf der Kippe, jetzt soll es doch stattfinden und bis zu 19 Artisten zugleich auf der Bühne versammeln: eine Vorschau auf das „Atoll“-Festival im Tollhaus Karlsruhe.

Meine Güte, so viele Hüte: Das Jonglage-Stück „Jonas“ arbeitet mit Artistik und magischen Elementen. Gezeigt wird es im zweiten Block des „Atoll“-Festivals. Foto: Kolja Huneck

Artistik ohne körperliche Nähe? Außer bei Solonummern kaum vorstellbar. Und unmöglich bei dem französischen Erfolgsensemble Compagnie XY. „Wenn diese Artisten keine Nähe zueinander haben dürfen, dann überleben sie den Abend nicht“, bringt es Bernd Belschner vom Karlsruher Kulturzentrum Tollhaus auf den Punkt.

Die 19-köpfige Truppe ist bekannt für furiose Choreografien mit waghalsigen Sprüngen und Stürzen über menschliche Pyramiden - alles ohne Netz und Matte, denn die Absicherung erfolgt ausschließlich durch die Mitspieler. Kernbotschaft des Ensembles: „Alleine ist man schneller, aber gemeinsam kommt man weiter.“

Und so ist es auch gemeinsamen Bemühungen zu danken, dass die Compagnie XY trotz Corona-Einschränkungen am 18. September das „Atoll“-Festival im Tollhaus eröffnen wird. Denn die Künstler würden bereits für ein Gastspiel am kommenden Wochenende in Düsseldorf getestet und blieben danach unter sich, erklärt Belschner beim Pressegespräch im Vorfeld des Festivals.

Dass die fünfte Ausgabe des Festivals für neuen Zirkus überhaupt stattfinden kann, freut die Veranstalter ausdrücklich. „Es war ein geradezu zermürbender Prozess“, räumt Belschner ein. „Wir waren im Januar mit der Planung eigentlich so weit, dass wir uns kaum entscheiden konnten, welche der vielen großartigen Produktionen wir weglassen sollten. Dann kam Corona, und es sah lange so aus, als ob wir das Festival absagen müssten.“

Acht Spieltage mit 25 Vorstellungen

Jetzt gibt es immerhin acht Spieltage mit 26 Vorstellungen von zwölf Produktionen - wenn auch mit gründlich reduziertem Kartenkontingent: 2019 hatte man rund 9.000 Besucher verzeichnet, diesmal dürften es wohl höchstens 3.300 werden. „Das Kontingent pro Vorstellung hängt auch davon ab, ob die Leute eher einzeln oder in Gruppen kommen“, erklärt Daniel Geiger aus dem Festivalteam. „Wir bestuhlen die Veranstaltungen individuell, so dass zwischen jeder Besuchergruppe der Abstand gewahrt bleibt.“

Ohne Netz und Matte: Die Artisten der Compagnie XY aus Frankreich müssen sich auf die Achtsamkeit ihrer Mitspieler verlassen können. Ihr neues Stück „Möbius“ handelt von der Stärke des gemeinsamen Handelns. Foto: Christophe Raynaud

An der Nachfrage scheint es nicht zu mangeln: „Wegen der unsicheren Situation haben wir erst am 1. September mit dem Kartenvorverkauf begonnen - und gleich am ersten Tag ging ein Drittel aller Tickets weg“, so Belschner. Für das erste Wochenende (18. bis 20. September) gibt es nur noch Restkarten.

Mehr Chancen hat man im zweiten Block vom 23. bis 27. September, der mit etlichen kleinen Perlen aufwartet. Zum Beispiel das spanische Duo „El Lado oscuro de las Floras“, das am 24. und 25. September seine Produktion „Bubble“ zeigt. „Hier geht es um Nähe und Distanz - aber nicht im Zusammenhang von Corona, sondern im Sinn zwischenmenschlicher Beziehungen“ , sagt Stefan Schönfeld, der das Festival seit der Gründung künstlerisch mitbetreut.

Manche Produktionen werden zwei Mal am Abend gezeigt

Angesichts der Dauer von 50 bis 60 Minuten der meisten Stücke werden einige Produktionen zwei Mal am Abend gespielt, etwa die surreal komische Performance „Der Lauf“ des belgischen Duos „Le Cirque du Bout du Monde“ (26. und 27. September). Bei „Bubble“ hingegen sei das nicht möglich, erklärt Schönfeld: „Das ist eine Performance, bei der sich die Künstler körperlich völlig verausgaben.“

Eine ähnliche Gratwanderung wagt „Work“, das neue Stück des Choreografen Claudio Stellato (25. und 26. September), das eine von vier Deutschlandpremieren im Programm darstellt. „Da wird mit Holz, Nägeln und Farbe das Bühnenbild in einer Stunde derart verwandelt, dass man sich fragt: Wie machen die das überhaupt?“, schwärmt Schönfeld.

Als weiteren Tipp nennt er die Jonglage-Produktion „Janos“ - ein Stück mit 36 Hüten und magischen Elementen (23. und 24. September), betont aber: „Das Programm ist so unterschiedlich, da kann man eigentlich keine Aufführung mit der anderen vergleichen.“

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