Bye-Bye, Dieter: Nach 18 Jahren verabschiedet sich Berlinale-Direktor Dieter Kosslick aus dem Amt. | Foto: dpa

Top Ten: 18 Jahre Berlinale

Nicht nur Bären-Gewinner haben Eindruck hinterlassen

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Wenn an diesem Samstag die Bären der 69. Berlinale vergeben werden, dann klingt nach 18 Jahren die Amtszeit von Festivalleiter Dieter Kosslick aus. BNN-Kulturredakteur Andreas Jüttner hat von allen 18 Berlinale-Jahrgängen dieser Zeit berichtet und erinnert sich zum Abschluss dieser Ära an zehn Filme, die ihn besonders beeindruckt haben – nicht in wertender, sondern chronologischer Reihenfolge. Es sind nicht zwingend preisgekrönte Filme: Der erste und letzte Beitrag der Liste liefen nicht einmal im Wettbewerb, sondern in der Nebenreihe „Panorama“.

2003: „My Life Without Me“

Die spanische Regisseurin Isabel Coixet war mit diesem Film nicht zum ersten und nicht zum letzten Mal bei der Berlinale – in diesem Jahr ist sie mit ihrer Neflix-Produktion „Elisa y Marcela“ sogar im Bären-Rennen. Aber keines ihrer Werke war so berührend wie diese Geschichte einer jungen kanadischen Mutter (gespielt von Sarah Polley), die aus heiterem Himmel erfährt, dass sie nur noch zwei Monate zu leben hat und diese zwei Monate in lebensbejahender Bewusstheit angeht.

2004: „Before Sunset“

Ausgerechnet bei der wohl kältesten Berlinale der Kosslick-Ära lief der herzerwärmendste Film: Neun Jahre nach „Before Sunrise“ knüpfte Regisseur Richard Linklater mit Julie Delpy und Ethan Hawke an diese Geschichte einer Zufallsbegegnung im Zug an. Der Film brachte die Pariser Sonne ins Berliner Schneegestöber: Er ist so leicht, luftig und lebendig, dass man das Herz, das den beiden Protagonisten beim unverhofften Wiedersehen aufgeht, in der eigenen Brust spürt.

2006: „Syriana“

Filme mit politischen Themen gab es unter Kosslick immer. Gut waren sie selten. Eine herausragende Ausnahme ist dieser Thriller von Stephen Gaghan. Prominent besetzt (u. a. mit George Clooney, Matt Damon und William Hurt) und raffiniert erzählt durchleuchtet er ein korruptes System beim Kampf um Öl im arabischen Raum. Anders als sonst im Kino lautet die Frage hier nicht mehr, ob ein Einzelner das System bremsen kann, sondern nur noch, wie bereitwillig der Einzelne im System funktioniert. Heute würde man aus einem solchen Stoff wahrscheinlich eine Netflix-Serie machen.

2007: „Yella“

Noch ein politischer Film: Christian Petzold kontrastiert die Flucht seiner Heldin aus verblühten Ost-Landschaften mit den Verhandlungsstrategien im Risikokapital-Geschäft. Was Nina Hoss und Devid Striesow als Finanzjongleure zeigen, ist spannend wie ein Thriller, unterhaltsam und sehr erhellend.

2009: „Alle anderen“

Ein pointierter, lebensnaher und im allerbesten Sinne schamfreier Blick auf Geschlechterrollen in heutigen Beziehungen. Der Durchbruch des Theatermanns Lars Eidinger als Filmschauspieler. Silberne Bären für seine Partnerin Birgit Minichmayr und für Autorin/Regisseurin Maren Ade, die als nächstes den internationalen Erfolg „Toni Erdmann“ gedreht hat. Noch Fragen?

2011: „Das Turiner Pferd“

Ein Film, der das Kino beerdigt. Oder es wie ein Fegefeuer reinigt von der Reizüberflutung des Blockbuster-Overkills. Der Ungar Bela Tárr erzählt in seinem letzten Werk in Schwarzweiß-Bildern eine Schöpfungsgeschichte rückwärts. Das karge Leben eines Kutschers und seiner Tochter wird Tag für Tag karger, bis es keine Worte mehr gibt und nur noch eine Kerze die Szenerie beleuchtet. Aber selbst damit gelingt ein Bild von einer Schärfe und Tiefe, die man nicht vergisst, wenn man es auf der Kinoleinwand gesehen hat. Suchen Sie diesen Film nicht in Streamingdiensten.

2014: „Grand Budapest Hotel“

Das komplette Gegenteil zum „Turiner Pferd“ ist dieser an kuriosen Figuren, Ideen, Schauplätzen und Farben schier platzende Film von Wes Anderson, der mit humorvoller Melancholie von der Vergänglichkeit des Schönen im Angesicht der Barbarei erzählt. Ein Meisterwerk, das sogar in einem „Lustigen Taschenbuch“ gewürdigt wurde – mit einer Donald-Duck-Geschichte um einen Regisseur namens Wes Enterson.

2015: „Victoria“

Eine junge Spanierin trifft in einem Berliner Nachtclub vier Jungs und zieht mit ihnen durch die Nacht. Aus dem flirrenden Flirten wird tödlicher Ernst, als einer der Jungs von einem Gangsterboss zu einem Bankraub gezwungen wird. Sebastian Schipper hat diesen Film voll geballter jugendlicher Energie in einer einzigen Einstellung inszeniert: Dank 140 Minuten ohne Schnitt tanzt, schlendert und rennt man mit den Figuren dem Morgengrauen entgegen. Der Silberne Bär für Kameramann Sturla Brandth Grovlen ist einer der verdientesten Preise der Festivalgeschichte.

2017: „Körper und Seele“

Festivals zeigen gern engagierte Filme über das harte Leben von Außenseitern. Die Inhaltsangabe dieses ungarischen Films lässt genau dieses erwarten: Ildikó Enyedi erzählt von einer introvertierten Kontrolleurin und einem halbseitig gelähmten Buchhalter, die sich auf einem Budapester Schlachthof kennenlernen. Klingt nach grau-drögem Problemkino, ist aber der wohl schönste Liebesfilm dieses Jahrzehnts. Im wahrsten Wortsinn traumhaft und zu Recht Goldener-Bär-Gewinner.

2019: „O Beautiful Night“

Und wenn man glaubt, man hätte schon alles gesehen, stolpert man über diesen deutschen Debütfilm und fühlt sich plötzlich wie 1987, als Luc Besson und Jean-Jacques Beineix mit Pop-Ästhetik das Kino aufmischten und Jim Jarmusch das Roadmovie neu definierte. Der einzige Film dieser Liste, der noch ins Kino kommt. Tipp: den 2. Mai im Kalender anstreichen.