Unfassbare Verwandlung: Für die Rolle des ehemaligen US-Vizepräsidenten Dick Cheney hatte Hauptdarsteller Christian Bale massiv Gewicht zugelegt. | Foto: dpa

„Vice“ auf der Berlinale

Von Macht und Missbrauch

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Politik spielt bei der Berlinale in vielen Filmen eine Rolle. Der direkte Einfluss von Politik ist seltener spürbar. Am deutlichsten war in jüngerer Zeit das Ausreiseverbot für den iranischen Regisseur Jafar Panahi, der 2011 in die Jury geladen war und nicht nach Berlin durfte. Nun wurde, wenige Tage vor der geplanten Premiere, der neue Film von Zhang Yimou aus dem Programm genommen – offiziell aus technischen Gründen. Doch da bereits drei Tage vor Beginn der Berlinale ein Film aus Hongkong zurückgezogen wurde, wird in Berlin nun die Frage nach chinesischer Zensur gestellt.

In Berlin nicht zu sehen: Zhang Yimous neuer Film „One Second“ sollte zum Abschluss des Wettbewerbs laufen, wird nun aber nicht gezeigt – offiziell wegen technischer Probleme. | Foto: dpa

Der Film von Zhang Yimou war mit Spannung erwartet worden: 1988 hatte der Regisseur mit „Rotes Kornfeld“ den Goldenen Bären gewonnen und seine internationale Karriere begonnen. „One Second“, sein jüngster Film, sollte nach diversen Mainstream-Großproduktionen (etwa das Fantasy-Spektakel „the Great Wall“) wieder von der Zeit der Kulturrevolution erzählen. Diese hatte Yimou erlebt und in früheren Filmen durchaus kritisch reflektiert. Dass als Ersatz nun ausgerechnet „Hero“ gezeigt wird, mit dem 2002 seine regimekompatible Phase begann, dürfte die Zensurgerüchte nicht entkräften.

Diskussionswürdiger Ersatz: Die Martial-Arts-Legende „Hero“ wurde 2002 von Kritikern als Kotau vor dem chinesischen Regime gedeutet. | Foto: Berlinale

Wohl zufällig, aber bemerkenswert: Die Absage erfolgte kurz nach der Pressevorführung des US-Films „Vice“. Und diese tiefschwarze Satire über den einstigen US-Vizepräsidenten Dick Cheney handelt von einem skrupellosen Machtmenschen, der rigoros die eigene Weltsicht durchsetzt. An der Oberfläche fasziniert der Film durch den Transformationsprozess, mit dem sich Hauptdarsteller Christian Bale in den übergewichtigen alten Politstrategen verwandelt hat.

Nahbarer Star: Christian Bale schrieb schon nach der Pressekonferenz zu „Vice“ Autogramme und stand für Selfies bereit. | Foto: dpa

Sehenswert ist der am 21. Februar in die Kinos kommende Film aber auch, weil Drehbuchautor und Regisseur Adam Kay wie in seinem Finanzkrise-Film „The Big Short“ Unterhaltung und Analyse verbindet. Die Porträts mögen polemisch auf die Spitze getrieben sein (Sam Rockwell etwa spielt George W. Bush so grenzdebil wie man ihn sich immer vorgestellt hat), und dass hinter dem Irak-Krieg vor allem Profitgier steckte, ist auch keine Neuigkeit. Doch bemerkenswert ist, wie hier die Strukturen unkontrollierten Machthungers offengelegt werden.

Polemisch zugespitzte Porträts: Christian Bale als Dick Cheney und Sam Rockwell als George W. Bush in Adam McKays Film „Vice“. | Foto: Berlinale

Zur diesjährigen Berlinale passt dieser Film auch, weil das Festival starke Frauen in den Fokus rücken will – und die treibende Kraft hinter Cheney ist seine hochgradig ehrgeizige Frau Lynn (bravourös gespielt von Amy Adams). Sie macht ihm unmissverständlich klar, was sie von ihm erwartet: „Ich kann kein Unternehmen leiten oder das Land regieren. So ist das eben für Frauen. Also musst du es tun!“

Die starke Frau hinter dem fiesen Mann: Amy Adams as Lynne Cheney und Christian Bale als Dick Cheney. | Foto: Berlinale

Heutzutage können Frauen zwar längst ganz andere Dinge, wie zwei andere Berlinale-Filme zeigen. Lola ist eine knallharte Unternehmensberaterin. Rachel ist als Agentin für den Mossad so undurchschaubar, dass selbst ihre Auftraggeber sie nicht richtig einschätzen können. Und doch erleben beide Momente der Ohnmacht gegen männliche Übergriffe.

Zwei Macherinnen erleben Ohnmacht

Lola wird bei einem Arbeitsessen vom Juniorchef eines Unternehmens verbal betatscht (und soll sich, wie er süffisant zu verstehen gibt, auch noch glücklich schätzen, dass es nicht körperlich geschieht). Rachel muss sich bei einem Bombentransport über die iranische Grenze im Laderaum eines Transporters verstecken. Entgegen alle Absprachen zwängt sich einer ihrer Begleiter mit hinein. Und während Grenzbeamte das Fahrzeug kontrollieren, vergeht er sich an Rachel, wohl wissend, dass sie nicht um Hilfe rufen kann.

„Der Boden unter den Füßen“ gerät für die Unternehmensberaterin Lola (Valerie Pachner) zunehmend ins Schwanken. | Foto: Berlinale

Der Film mit Lola heißt „Der Boden unter den Füßen“. Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer konfrontiert hier eine zielstrebige Karrierefrau mit der paranoiden Schizophrenie ihrer älteren Schwester, bis die erfolgsorientierte Macherin am eigenen Verstand zweifelt. Leider bleibt auf schwammige Weise offen, ob Lola im Haifischbecken des Turbokapitalismus sich „nur“ einem Burn-Out oder dem Schicksal ihrer Schwester nähert.

Vom eigenen Team verfolgt: Agentin Rachel (Diane Kruger) und ihr Kontaktmann Thomas (Martin Freeman) in „The Operative“. | Foto: Berlinale

Bei Rachel hingegen ist zwar ihr Umfeld oft im Ungewissen über sie, das Publikum aber nicht. Yuval Adler inszeniert „The Operative – Die Agentin“ (nach einem Roman des Ex-Agenten Yiftach Reicher Atir) mit bekannten Mustern des Spionagethrillers.

Solide gespielt und erzählt

Rachel soll eine iranische Technologiefirma infiltrieren, beginnt aber eine Beziehung mit deren Manager. Letztlich gerät sie selbst ins Visier ihrer Auftraggeber. Diane Kruger als Rachel und Martin Freeman als ihr Kontaktmann spielen das ebenso solide wie es erzählt ist. Politische Zusammenhänge oder kausale Verknüpfungen erschließen sich aber kaum. Im Gegensatz zum Berlinale-Motto „Das Private ist politisch“ bleibt das Politische hier ziemlich privat.