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Die Kamera wird zur Bühne

Mit einem Videoprojekt will der Karlsruher Balletttänzer Baris Comak mehr Nähe zum Publikum schaffen

Das Ensemble des Badischen Staatstheaters Karlsruhe präsentiert mit „Zukunft Choreografie“ eigene Werke. In der Pause geben die Tänzer und Tänzerinnen Einblicke in die Entstehung ihrer Arbeiten. Vor und hinter der Kamera steht nicht zum ersten Mal Baris Comak.

Immer in Bewegung: Normalerweise tanzt Baris Comak vor Publikum. Für den Ballettabend „Zukunft Choreografie“ wechselt er die Perspektiven, ist Choreograf, Videograf und moderiert eine Talkshow. Foto: Ali Can Türkkan

Baris Comak streicht sich mit dem Finger über sein Tattoo auf dem rechten Unterarm. Eine Rose, schwarz skizziert auf seiner Haut.

Sehen würden zwar alle dasselbe Abbild, sagt der Tänzer. Die Bedeutung aber könne für jeden Betrachter ganz unterschiedlich sein.

Mit diesem Ansatz kreiert der 24-Jährige auch seine Choreografie „Stimmungsschwankungen“. Rund sechs Minuten dauert das Duett. Die Projektion zu Beginn zeigt ebenfalls eine Rose. Dieses Mal in Farbe, verrät Comak beim persönlichen Gespräch.

Das Staatsballett zeigt eigene Choreografien

Seine künstlerische Arbeit ist Teil des Ballettabends „Zukunft Choreografie“ im Staatstheater Karlsruhe. 14 Tänzer und Tänzerinnen des Staatsballetts stellen am Donnerstag, 3. Juni, ihre eigenen Tanzstücke vor. Übertragen werden die Soli, Duette und Gruppenwerke live aus dem Großen Haus ab 19 Uhr über einen Stream.

In seinem Werk verarbeitet Comak das vergangene Corona-Jahr. „Es ist nicht viel passiert und doch habe ich viel erlebt“, fasst das Karlsruher Ensemblemitglied zusammen. Im Mittelpunkt der Bühne steht eine Couch, symbolisch für die vergangenen Monate.

Jede der Bewegungen und dargestellten Situationen in „Stimmungsschwankungen“ haben für ihn einen klaren Bezug, das Publikum aber könne diesen eigene Bedeutungen zuschreiben.

Das Publikum sieht uns immer nur auf der Bühne, mit Make-up und in einer bestimmten Rolle. Sprechen gehört haben sie uns aber nie.
Baris Comak, Tänzer am Staatstheater Karlsruhe

Um die Sicht der Zuschauer auf das Ensemble geht es auch in Comaks Videoprojekt, das in der Pause von „Zukunft Choreografie“ gezeigt wird.

„Das Publikum sieht uns immer nur auf der Bühne, mit Make-up und in einer bestimmten Rolle“, sagt er. „Sprechen gehört haben sie uns aber nie.“ Diese Barriere zwischen den Tänzern und Zuschauern will Comak in einer digitalen Talkshow durchbrechen.

Baris Comak steht auf der Bühne und hinter der Kamera

„Ich habe meine Kollegen über ihre Stücke ausgefragt und sie bei den Proben gefilmt“, verrät er. „Da sehen wir übrigens ganz anders aus als auf der Bühne“, scherzt Comak. Die Interviews und Szenen hat er im Vorfeld aufgezeichnet und zusammengesetzt.

Erste Einblicke in die Pausenshow: Baris Comak produzierte ein Video, das bei „Zukunft Choreografie“ gezeigt wird. Mit dem Projekt, hier eine Szene daraus, will er als Talkmaster die Barriere zwischen Tänzern und Publikum überwinden. Foto: Baris Comak

Es ist jedoch nicht das erste Video, das er mit dem Ensemble dreht. Comak erinnert sich an den März 2020: „Wir hatten am Abend noch eine Vorstellung. Am nächsten Tag, als wir ins Theater kamen, hieß es dann, wir müssen gehen.“

Der Lockdown legt die Arbeit im Theater vorerst still. Es beginnt ein Jahr, in dem der gewohnte Probenbetrieb, Trainings und Aufführungen plötzlich nicht mehr stattfinden können.

Der Tänzer hält Ballett im Video fest

Kurz habe es sich wie Erholung angefühlt, sagt Comak. Dann fängt er an, Zuhause zu trainieren. Er boxt, macht Fitness-Übungen, filmt kurze Beiträge für seinen Instagram-Kanal. In seiner Freizeit drehe er schon länger Musikvideos. Er ermuntert das Ensemble, sich ebenfalls beim improvisieren zu filmen und das Ergebnis ihm zu schicken. Daraus entsteht ein Video für Social Media, das die Tänzer und Tänzerinnen im Lockdown zeigt.

Auch für „Seid umschlungen – Momentaufnahme“ im April 2021 steht Comak hinter der Kamera. Das größte Projekt bislang, betont er. „Ich hatte Zeit und habe gelernt, was ich noch tun will und kann“, resümiert der Tänzer das vergangene Jahr.

Du bist gut, aber du darfst nicht in diesem Land bleiben.
Die Lehrerin von Baris Comak, Tänzer am Staatstheater Karlsruhe

Als Kind singt er in einem großen Chor in der Türkei. Die Aufnahmeprüfung für ein Konservatorium besteht der damals Siebenjährige nicht.

Auf die Idee seiner Mutter hin nimmt er kurzfristig an der Prüfung für Ballett teil – und wird als erstes von insgesamt fünf Kindern angenommen. Schließlich sagt seine Lehrerin einen Satz, der Comaks Lebens verändert: „Du bist gut, aber du darfst nicht in diesem Land bleiben.“

Sein Platz ist nicht nur vor der Kamera: Baris Comak steht beruflich als Tänzer auf der Bühne. Doch der 24-Jährige wechselt auch gerne die Perspektive und kreiert selbst Videos. Foto: Ali Can Türkkan

Bereits im Alter von zehn Jahren zieht Comak also alleine nach Stuttgart. Er erhält ein Stipendium an der John-Cranko-Schule. Seine Eltern unterstützen ihn dabei, betont er.

„Eigentlich wollte ich Fußballer werden“, so Comak weiter. Dabei lacht der 24-Jährige. Nach seiner Ausbildung in Stuttgart bleibt er noch zwei Jahre im dortigen Staatsballett, bevor er nach Karlsruhe wechselt.

Inzwischen ist es seine vierte Saison am Badischen Staatstheater. In seinem Werk für den anstehenden Ballettabend fließt seine Leidenschaft für die Videografie, Choreografie und das Tanzen zusammen. Musik, Bewegung, Projektion: Comak erschafft alles selbst.

„Es ist schön, dass wir im Haus diese Möglichkeit haben“, sagt er. Die Atmosphäre aber, da ist er sich nach all den Jahren Erfahrung sicher, wird ohne direktes Publikum im Saal nicht dieselbe sein.

Weitere Termine und Tickets

„Zukunft Choreografie“ wird als Video erneut am 10. Juni um 20 Uhr, am 20. Juni um 18 Uhr sowie am 30. Juni um 20 Uhr über eine digitale Plattform gezeigt. Tickets gibt es im Internet unter www.staatstheater.karlsruhe.de.

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