Konfrontation mit der Obrigkeit: Räuberhauptmann Karl Moor (David Kühn, links) und seine rechte Hand Schweizer (Martin Kühn) mit dem Pater (Kurt Tüg), der ihnen ein Ultimatum überbringt. | Foto: Klenk

Volksschauspiele-Premiere

Eindrucksvoll: „Die Räuber“ in Ötigheim

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Was haben Schillers „Räuber“ mit Donald Trump oder mit Rechtspopulisten zu tun? Erstaunlich viel. Wobei: Dass einem heutige Parallelen zu einem fast 240 Jahre alten Drama ausgerechnet auf der Freilichtbühne in Ötigheim auffallen, liegt nicht etwa an äußerlichen Aktualisierungen der Inszenierung. Im Gegenteil: Die Inszenierung von Peter Lüdi zeigt, wie eindrucksvoll eine Aufführung sein kann, die sich in den Dienst eines Textes stellt und so dessen Vielschichtigkeit dem Publikum nahe bringt. Bei der Premiere spendete das Publikum stehend Beifall.

Und es braucht ja auch keine modische Zeitgeist-Zutat, wenn auf der Bühne ein Fürstensohn verkündet: „Herr muss ich sein, dass ich das mit Gewalt ertrotze, wozu mir die Liebenswürdigkeit gebricht“ – und sich mit einer Intrige voller „Fake News“ die Macht erschleicht. Oder wenn sich in Leipzig zwei Studenten ihre verkrachte Existenz mit hitzigen Allmachtsfantasien schönreden: „Stelle mich vor ein Heer Kerls wie ich, und aus Deutschland soll eine Republik werden, gegen die Sparta und Rom Nonnenklöster sein sollen.“

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Erbitterter Bruderzwist

Die erste zu Textbeginn zitierte Figur ist Franz Moor, jüngerer Sohn eines reichen Grafen. Er ist von Neid zerfressen auf den älteren Bruder Karl, dem stets die väterliche Liebe galt und der als Erstgeborener auch Erbe sein wird. Die zweite Figur ist eben dieser Karl, der durch eine Intrige von Franz enterbt wird. Darüber verbittert er derart, dass er gleich der ganzen Gesellschaft den Krieg erklärt und als Anführer einer Räuberbande zum Mordbrenner wird.

Doch während Franz bis zum blutigen Ende seiner Bosheit treu bleibt, erkennt Karl schließlich, „dass zwei Menschen wie ich den ganzen Bau der sittlichen Welt zugrunde richten würden.“

Mit Heimtücke zur Macht: Franz Moor (Martin Trippensee) täuscht seinen Vater (Hans-Peter Mauterer). | Foto: Klenk

Der zuletzt zitierte Satz ist in Peter Lüdis Inszenierung zwar gestrichen, aber er fehlt nicht. Denn was er aussagt, wird auch so deutlich. Das Stück erzählt, zu welch fatalen Folgen es führt, wenn ein Mensch das eigene Weltbild zum Weltgesetz erklärt – sei es nun der intrigante Egoist Franz oder der radikalisierte Idealist Karl. Vermittelt wird dies dank der starken Leistung des Ensembles, das den komplexen Text überzeugend und spannend belebt.

Verbrecher mit zynischer Logik

Mit Franz’ Monologen hat Martin Trippensee, Profi-Gast unter den Volksschauspiel-Amateuren, oft die enorme Aufgabe zu bewältigen, ganz allein die riesige Bühne zu füllen. Das gelingt ihm bemerkenswert. Wenn Franz seine Taten mit zynischer Logik rechtfertigt und vor dem Publikum mit der Heimtücke seiner Kniffe prahlt, dann lässt Trippensee mit dem Charme eines souveränen Moderators die gefährliche Verführungskraft solcher Gedankengänge erkennen. Er zeigt, wie Franz sekundenschnell von einem Gemütszustand in den anderen wechselt, um seine Umgebung zu täuschen und zu kontrollieren.

Anführer und Amokläufer

Karl ist ähnlich sprunghaft, aber aus dem gegenteiligen Grund: Er hat nicht einmal sich selbst unter Kontrolle. Karl schwankt derart impulsiv zwischen höchstem Selbstbewusstsein und tiefster Zerknirschung, dass man heutzutage wohl manisch-depressive Schübe diagnostizieren würde. David Kühn geht diese schwierige Rolle zwischen charismatischem Anführer und cholerischem Amokläufer („Ich möchte den Ozean vergiften, dass sie den Tod aus allen Quellen saufen!“) mit Schwung an.

Der Idealist und der Demagoge: Karl Moor (David Kühn) und Spiegelberg (Reinhard Danner). | Foto: Klenk

Neben dem rationalen Franz und dem emotionalen Karl gibt es in dieser Aufführung eine dritte Kraft, die zum Bösen verführt: Reinhard Danner glänzt als manipulativer Burschenschaftler Spiegelberg, der den mittel- und hoffnungslosen Studenten erst den Floh mit dem Räuberleben ins Ohr setzt. Mit aalglattem Auftreten und verführerisch-aufrüttelnder Stimme legt Danner die Stilmittel offen, mit denen ein Demagoge gescheiterten Existenzen einredet, sie könnten zu Helden werden, wenn sie nur seiner Propaganda folgen.

Christliche Sprachbilder

Seinen Gegenpart bildet Martin Kühn als Karls treue rechte Hand Schweizer, ein Anheizer und Einpeitscher, dem man es glaubt, wenn er Karl versichert, er würde ihm auch in die Hölle folgen. Wobei die christlichen Sprachbilder des Stückes eine besondere Wirkung entfalten auf einer Bühne, mit deren Tradition biblische Stoffe fest verbunden sind.

Räuberhauptmann als Anti-Messias

In dieser Umgebung fällt plötzlich auf, dass Karl als Anführer ein Anti-Messias ist – einer, der die Treue seiner Anhänger heraufbeschwört, indem er sie zum Verrat anstachelt. Die ohnehin sehr gelungene Strichfassung, die das Geschehen flüssig und dicht verzahnt ablaufen lässt, lässt auch ein Gegenbild zum Ölberg-Moment der Passionsgeschichte erkennen: „Bald ist alles erfüllet“, sagt Karl zu seiner Bande und kommandiert: „Verlasst mich! Legt euch schlafen.“

Die große Bühne bringt den großen Text zur Geltung: In der Freiluft-Szenerie darf sich auch das Pathos der Dialoge entfalten. | Foto: Klenk

Auch jenseits dieser biblischen Aspekte kommt die kolossale Bühne dem Text zugute. Zwar bietet die mit Pause knapp dreieinhalbstündige Aufführung weder Volksszenen noch Reiterei- oder gar Ballettauftritte und somit weniger Augenfutter als in Ötigheim üblich. Doch in der monumentalen Szenerie kann sich das große Pathos der Dialoge entfalten, ohne übertrieben zu wirken. So lässt sich unbefangen darüber staunen, welch ungeheuerlichen Text der gerade mal 22-jährige Friedrich Schiller verfasst hat unter dem Druck des Militärakademie-Drills (und dem Eindruck von reichlich Shakespeare-Lektüre).

Zahlreiche Mitwirkende

Unter den zahlreichen Mitwirkenden dieses rundum sehenswerten Theaterabends seien hier noch genannt Anna Beckert als sowohl treu liebende wie auch selbstbewusst-wehrhafte Amalia, Lukas Tüg als zwielichtiger Razmann, Paul Maier als reumütiger Hermann, Kurt Tüg als strafpredigender Pater und Matthias Götz als unerschütterlicher Pastor Moser, der das Gebäude aus Franz’ Lebenslügen ins Wanken bringt.

Anrührende Altersrolle: Hannes Beckert als Diener Daniel (hier mit Martin Trippensee). | Foto: Klenk

Und nicht zuletzt ist da Hannes Beckert, der in der Altersrolle des gebrechlichen Dieners Daniel das Auditorium allein mit der Ausdruckskraft seiner Stimme in den Bann schlägt. Mit ihm entsteht ein besonderer Moment: Wenn Beckert, über Jahrzehnte hinweg einer der vitalsten Akteure auf dem Tellplatz, bei Daniels Fluchtversuch ganz allein die große Treppe hinunterschreitet und dann mit Blick auf das Bühnen-Hauptgebäude sagt: „Lebe wohl, teures Mutterhaus – hab’ so manch Gutes und Liebes in dir genossen“, dann eröffnet das auf anrührende Weise einen Blick über das Stück hinaus: auf den Kern der Ötigheimer Theaterbegeisterung.

Termine: 17., 23., 24. und 31. August, je 19.30 Uhr.

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